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Software im Auto: „Es gibt keine absolute Sicherheit“

Daimler entwickelt viel Software selbst. Sicher ist sicher. Die IT-Tochter TSS steht bei der Entwicklung von Autos aber im Wettbewerb, sagt Geschäftsführer Christoph Röger.

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  • Mit der von Daimler TSS entwickelten Mercedes-Me-App für Smartphones lassen sich Informationen des Fahrzeugs abrufen, etwa die Standheizung aus der Ferne steuern oder Türen von unterwegs öffnen und schließen. 1/2
    Mit der von Daimler TSS entwickelten Mercedes-Me-App für Smartphones lassen sich Informationen des Fahrzeugs abrufen, etwa die Standheizung aus der Ferne steuern oder Türen von unterwegs öffnen und schließen. Foto: 
  • Christoph Röger, Daimler TSS-Chef  2/2
    Christoph Röger, Daimler TSS-Chef Foto: 
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Wer sich ein Auto kauft, bekommt auch Millionen Zeilen Software dazu. Daran beteiligt ist die Daimler-IT-Tochter TSS. Mit der Diesel-Steuersoftware hat der Bereich nichts zu tun.

„Wir sind nicht nur Daimler, sondern auch.“ Das findet sich über Daimler TSS im Internet und klingt ein wenig trotzig.

Christoph Röger: Daimler TSS wurde aus der Forschung heraus gegründet. Wir haben uns immer als konstruktives Radikal empfunden und früh versucht, die Freiheit, die es in einer Tochtergesellschaft gibt, zu nutzen, um Innovation zu schaffen. Mit bald 1000 Mitarbeitern sind wir längst kein kleines Unternehmen und kein Start-up mehr. Wir versuchen uns aber diesen Spirit zu erhalten. So bringen wir uns bei Daimler ein.

„Unsere Projekte sind der Öffentlichkeit wenig bekannt“, schreibt Daimler TSS selbst. Sind Sie stolz, wenn ein Daimler vorbeifährt?

Natürlich sind wir stolz. Wenn Sie  im Internet einen Mercedes konfigurieren, dann stammt die Software dabei von Daimler TSS. Wir haben eine App entwickelt, die Mercedes-Me-App, mit der sich überprüfen lässt, ob die Türen am Auto geschlossen sind, wieviel Benzin noch im Tank ist oder wo das Auto abgestellt ist. Natürlich wurde diese App im Auftrag von Daimler gebaut und wir haben nicht die Gesamtverantwortung des Projekts, aber das ist okay. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unserer Mutter.

Warum leistet sich Daimler überhaupt TSS und kauft sich die Dienstleistung nicht extern ein?

Durch Daimler TSS bekommen wir auf dem engen Arbeitsmarkt Informatiker ins Unternehmen. Wir müssen keine Arbeit nach außen vergeben, die wir lieber im Innern behalten. Wir kennen das Produkt und wissen, wer Ansprechpartner sind und wo es hingeht.

Und andersherum: Warum hat TSS keine Kunden außerhalb von Daimler?

Wir bringen Daimler mit nach vorne und schaffen einen Wettbewerbsvorteil. Quadratmeterarbeit dürfen gerne Externe übernehmen.

Lassen Sie diese Meterarbeit von ihren Standorten etwa in China, Malaysia und Indien erledigen?

Nein, wir sind vor Ort, weil wir dort die Zeitzone und Sprache besser bedienen können, es geht dabei nicht primär um Kosteneinsparungen.

Welche Projekte sind denn gerade up to date?

Über was wir reden dürfen, weil sie schon auf dem Markt ist, ist die schon erwähnte Mercedes-Me-App. Damit lässt sich das Fahrzeug auswählen, finanzieren und später mit dem verbundenen Fahrzeug kommunizieren. Derzeit testen wir die Möglichkeit der Fernöffnung des Kofferraums, damit Postboten dort Pakete hinterlegen.

Bekannt ist TSS aber doch vor allem durch Car2Go geworden?

Car2Go war für uns ein sehr wichtiges Projekt. Es wird kontinuierlich weiter entwickelt. Car2Go ist ein Grund, warum wir hier das so genannte Technikum entwickelt haben: Garagen, um auch im Winter forschen und daran arbeiten zu können.

Was verbirgt sich hinter dem Technikum?

Im Büro kann ich schlecht mit einem Fahrzeug arbeiten. Im Technikum lassen sich Arbeiten an Fahrzeug und Software besser zusammenbringen. Es ist Werkstatt und Büro in einem. Wenn ich die IT-Sicherheit eines Fahrzeugs besser untersuchen will und es im Hof parkt, muss ich 20 Minuten hin und her laufen, das macht keinen Spaß.

Warum überhaupt noch Ulm als Standort. Warum gehen Sie nicht nach Berlin?

Wir haben einen schönen Campus hier und arbeiten mit Wissenschaftlern vor Ort zusammen. Es ist kein Zufall, dass unsere Wettbewerber auch hierher kamen. Hier finden wir Talente. In Ulm gibt es optimale Bedingungen. In Stuttgart bin ich immer in Konkurrenz. In der Start-up-Metropole Berlin wird der Arbeitgeber schneller gewechselt. Wir wollen in Ulm wachsen und planen Bauten und wollen mehrere hundert Mitarbeiter bis 2019 einstellen.

Ist TSS bei den Themen autonomen Fahren und Elektrifizierung involviert?

Ja, aber ich kann nicht darüber sprechen. Über was ich reden kann, ist die Produktion in der intelligenten Fabrik. Wir haben etwa einen Beitrag zur Automatierung geleistet und einen Roboter gebaut, der in Serie ging.

Wie ist konkret die Zusammenarbeit mit Daimler? Sind die Vorgaben eng gesetzt?

Da hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwas verändert. Wir sind nicht die, die eine genaue Aufgabe vorgesetzt bekommen.  Wir sind nicht mehr der reine IT-Dienstleister von einst. Wir werden früh in die Wertschöpfung miteinbezogen.

Daimler wird aber doch genaue zeitliche und finanzielle Vorstellungen haben?

Es gibt eine Fehlerkultur. Wir können bestimmte Dinge auch ausprobieren. Wir sind ja eben kein externer Dienstleister, der das geringste Risiko bei möglichst hohem Ertrag sucht. Wir gehen auch in Innovationen, die schief gehen können.

Gibt es bei Aufträgen an TSS einen Wettkampf mit anderen Daimler-Abteilungen oder Externen?

Es gibt einen Wettbewerb. Aber wir haben einen super Startposition. Wir dürfen aber auch nicht beleidigt sein, wenn einmal ein Auftrag an einen anderen geht. Wir wollen aber auch nicht beauftragt werden, weil wir die interne Tochter sind, sondern weil wir fit sind.

Beim autonomen Fahren etwa?

Wir werden bei Daimler TSS keine solchen Fahrzeuge bauen. Aber autonome Fahrzeuge sind ja nur der Einstieg in weitere Geschäftsmodelle.

Was ist mit fliegenden Autos, mit denen Bruce Willis im Film „Das fünfte Element“ herumkurvt?

Mit der dritten Dimension beschäftigen sich mehr als eine Handvoll Unternehmen. Von Airbus bis Uber. Sie alle wollen Autos zum Fliegen bringen. Mein Bauchgefühl sagt mir, wenn sich so viele Unternehmen damit beschäftigen, wird auch irgendwann passieren.

Thema Sicherheit. Wird es künftig Busunglücke nicht mehr geben?

Autonomes Fahren macht Fahren zumindest sicherer. Eine Fehlerquelle ist eben der Mensch. Sicherheit ist eines der wichtigsten Themen. Auch die Datensicherheit. Niemand will morgens in sein gehacktes Auto einsteigen und erst einmal Erpressungsgeld zahlen, damit er losfahren kann. Autofahrer wollen sicher sein, dass nicht an ihrem Auto manipuliert wurde und ihre Daten nicht missbraucht werden.

Gibt es absolute Sicherheit?

Wer sich jemals ernsthaft mit IT beschäftigt hat wird sagen, dass es keine 100prozentige Sicherheit gibt. Natürlich muss das Ziel sein, das möglichst Sicherste zu erreichen. Daimler investiert dafür sehr viel. Eine unserer Daimler-TSS-Garagen ist nur dazu geschaffen, Fahrzeuge für IT-Sicherheit zu prüfen und zu verbessern. Die Hürde muss möglichst hoch sein. Weil das Thema so wichtig ist, werden bereits vor der Produktion IT-Experten mit einbezogen, damit Hacker eben keinen Zugriff auf Bremsen bekommen oder Ähnliches. Bei Security muss ich möglichst früh beginnen.

Was gehört noch zu den Aufgaben von TSS?

Wir machen Händler digitaler. Ich glaube zwar nach wie vor, dass Kunden einen Mercedes-Benz vor dem Kauf auch sehen wollen, berühren wollen, riechen wollen. Händler müssen in ihren Aufgaben aber breiter und effizienter aufgestellt sein. Vielleicht werden sich künftig nachts autonome Fahrzeugflotten selbst zur Wartung fahren.

War Dieter Zetsche schon mal hier?

Am Standort Ulm ja, bei uns noch nicht. IT hat für ihn einen hohen Stellenwert. Dieter Zetsche ist einer der Treiber, der IT nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Wettbewerbsfaktor sieht und der IT fordert und fördert. Der Anspruch ist hoch – wir sind einer der vielen Bausteine.

Christoph Röger wurde im 1978 in Ulm geboren. Seine Karriere begann 2002 bei Daimler TSS. Zu seinen Verantwortungen gehörte unter anderem Asien, er verbrachte zwei Jahre am Standort Kuala Lumpur. 2016 wurde Röger zum Chef von TSS berufen. Heute lebt Christoph Röger mit seiner Familie in Ulm.

Weitere Standorte sind neben Ulm und Kuala Lumpur die Städte Bangalore und Beijing, Stuttgart, Berlin und Karlsruhe. vt

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