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Der Wandel der kleinen Volksfeste

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Kreuz und quer und ganz schön schnell: „Breakdance“ gehört zu den Klassikern.  Foto: 

Gute Nachricht zum Start in die Saison: Die Fahrgeschäfte auf Deutschlands Volksfesten sind sicher. Mehr noch: „die sicher­sten der Welt.“ Dass der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbunds (DSB), Frank Hakelberg, dies so vollmundig behaupten kann, hat gute Gründe. Die ohnehin schon hohen Sicherheitsstandards für schnelle Fahrgeschäfte, so genannte „fliegende Bauten“, wurden 2012 EU-weit noch einmal angehoben; in Deutschland gilt das sogar für Altgeräte, die nach der neuen DIN EN 13814 nachgerüstet werden mussten.

Waren beispielsweise die Sitze beim Kettenflieger bis dahin auf ein maximales Fahrgastgewicht von 75 Kilogramm ausgerichtet, sind es nach den neuen Sicherheits-Auflagen 100 Kilo. Getestet würden sogar 130 Kilogramm, sagt Hakelberg. Sicher ist sicher – auch wenn jemand von dieser Gewichtsklasse kaum mehr in den vergleichsweise engen Fahrgastsitz passen dürfte.

Zwar könne immer was passieren, räumt der Fachmann ein; eine hundertprozentige Sicherheit gebe es einfach nicht. Aber in den seltensten Fällen sei die Technik schuld. „Es ist der Faktor Mensch, genauer: der Faktor Besucher.“ Wenn jemand die Sicherheitshinweise eines Fahrgeschäfts missachtet, die Anweisung des Personals nicht befolgt, während der Fahrt aufsteht oder – trotz Absperrung – in die Bahn läuft, sei das wie im Straßenverkehr, vergleicht Hakelberg, da könnten die Sicherheitsstandards für die Fahrzeuge noch so hoch sein.

Unmut bei Schaustellern groß

In Europa seien sie jedenfalls höher als im Rest der Welt und in Deutschland aufgrund der Altgeräte-Regelung noch einmal höher als im Rest von Europa. Dieser Alleingang der Bundesrepublik hat vor fünf Jahren freilich für großen Unmut unter den rund 5000 Schausteller-Unternehmen in Deutschland gesorgt. Manche Betreiber von Fahrgeschäften zogen sogar vor Gericht. So ein Achterbahn-Besitzer aus Niedersachsen, dessen Fahrgeschäft „Black Hole“ aus den 80er Jahren stammte und dessen Nachrüstung ihn finanziell überforderte. Er scheiterte vor dem niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg. Dessen Begründung: Die Kosten seien zumutbar; sie stünden dem Recht auf Dienstleistungsfreiheit nicht entgegen.

Bestätigt hat das Anfang der Woche der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München. Er wies die Klage eines Schaustellers zurück, der gegen den Tüv Süd geklagt hatte, weil dieser die Einhaltung der neuen EU-Norm auf dem Oktoberfest überprüft hatte – auch bei seinem gut 25 Jahre alten Rundfahrgeschäft „Magic“.

Dass es sich lohnen kann, in Oldtimer-Fahrgeschäfte zu investieren, zeigt die ungebrochene Nachfrage nach Klassikern wie Wellenflieger, Autoscooter, Riesenrad und nicht allzu wilden Fahrgeschäften wie „Musik-Express“ oder die „Krake“ mit ihren harmonischen Kreiselbewegungen. Selbst der „Hau den Lukas“ taugt auf kleinen Jahrmärkten heute noch zum Kräftemessen Halbstarker. Dosenwurf und Losbude locken nach wie vor Glücksspieler wie Zuckerwatte und gebrannte Mandeln Naschkatzen. Selbst Ponyreiten gehöre für viele Besucher noch heute zur Kirmes, meint Hakelberg.

Tatsächlich ist die Zahl der Volksfeste in Deutschland seit der Jahrtausendwende zurückgegangen. Der Schaustellerbund verzeichnete zuletzt einen Rückgang um 23 Prozent. Die Besuchszahlen sind demnach bei den kleinen und mittleren Volksfesten um 17 Prozent gesunken. Von einem Fahrgeschäfte-Sterben will der DSB-Geschäftsführer aber nicht sprechen. Vielmehr veränderten sich die Angebote einfach.

Immer mehr Menschen besuchen anstelle der kleinen Kirmes im Heimatort Großveranstaltungen, wovon etwa der Cannstatter Wasen (mit zuletzt stabilen vier Millionen Besuchern) oder das Münchener Oktoberfest (knapp sechs Millionen) profitieren. Natürlich haben die das breitere Angebot mit dem höheren Erlebnisfaktor zu bieten.

Kleinere Volksfeste setzten zunehmend auf Tradition, Nostalgie, Familienfreundlichkeit und die Generation „60 plus“. „Es ist heute nicht mehr der Vater, der mit dem Sohn auf den Rummel geht, sondern der Opa mit dem Enkel“, sagt Hakelberg. Selbst beim Aufbau kleiner Jahrmärkte achte man auf Barrierefreiheit und biete Tage, an denen statt der ständig wechselnden lauten Musik an jedem Fahrgeschäft alle Attraktionen mit einem einheitlichen Klangteppich bespielt werden.

Auch bei den großen Volksfesten zeichnen sich Veränderungen ab: Immer schneller, immer höher, immer weiter – das war einmal. Hier sind die Grenzen erreicht, was Wirtschaftlichkeit, Transportierbarkeit und die Belastbarkeit des menschlichen Körpers angeht. High-Tech-Achterbahnen locken allenfalls die 14- bis 40-Jährigen; eine zu kleine Zielgruppe für einen zu großen Aufwand. Nicht nur in der Anschaffung (hier geht es um Millionen), auch im laufenden Betrieb, Auf- und Abbau sowie Transport, für den es bei einem großen Fahrgeschäft 20, 30 Lastzüge, Personal und Sondergenehmigungen braucht.

Wohl dem also, der einen Klassiker besitzt oder gar eines der nostalgischen Schaustellergeschäfte, für die auf dem Münchner Oktoberfest eigens ein Bereich geschaffen wird. Die Oide Wiesn, die 2010 anlässlich des 200-Jahre-Jubiläums des Oktoberfests eingeführt wurde und die extra Eintritt (3 Euro) kostet, lockt mit historischen Fahrgeschäften und musste wegen Überfüllung sogar schon geschlossen werden. Die Historie des guten, alten Volksfestes mit Kettenkarussell, Streichelzoo und Steilwandfahren scheint also auch dessen Zukunft zu sein. Zumindest ein Teil davon.

Zur Schaustellerbranche zählen bundesweit insgesamt rund 4950 Unternehmen, die mit ihren 22 770 Beschäftigten und insgesamt rund 11 100 Geschäften vom Imbiss- und Süßwarenstand  bis zur Achterbahn die deutschen Volksfeste und Weihnachtsmärkte beschicken.

Rund 148 Millionen Besucher der etwa 9900 Volksfeste in Deutschland gibt der Deutsche Schaustellerbund (DSB) nach jüngsten Erhebungen an. Pro Besuch werden durchschnittlich 22,20 Euro ausgegeben.

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