Partner der

Der Hüter der Eidechsen

|
Vorherige Inhalte
  • Steht auf der Vorwarnliste  bedrohter Arten: die Zaun­eidechse. 1/3
    Steht auf der Vorwarnliste bedrohter Arten: die Zaun­eidechse. Foto: 
  • „Die Kunst ist, die Eidechse zu sehen, bevor sie dich sieht“: der Landschaftsökologe Hubert Laufer mit einem seiner Schützlinge. 2/3
    „Die Kunst ist, die Eidechse zu sehen, bevor sie dich sieht“: der Landschaftsökologe Hubert Laufer mit einem seiner Schützlinge. Foto: 
  • Zauneidechse 3/3
    Zauneidechse Foto: 
Nächste Inhalte

Schon von weitem sieht man Hubert Laufer regungslos an einer Böschung stehen. Den Kopf nach unten gebeugt, beobachtet er das Gebüsch vor ihm. Er sucht etwas. „Die Kunst ist, die Eidechse zu sehen, bevor sie dich sieht“, sagt er. Denn will man sie fangen, muss man schneller sein als sie. Aber wieso versucht der Mann, schneller zu sein als eine Eidechse?

Er will sie schützen. Laut  Artenschutz-Report des Bundesamtes für Naturschutz ist in Deutschland jede dritte Tierart gefährdet, auch die Zauneidechse steht auf einer Vorwarnliste bedrohter Arten. Das heißt: Sie ist noch nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht, ihre Lebensräume werden jedoch weniger. Genaue Zahlen über Zauneidechsen in Europa gibt es nicht. Es ist schlicht unmöglich, ihren Bestand exakt zu erfassen. Beobachter stellen jedoch einhellig fest, dass sie die Tiere immer seltener zu Gesicht bekommen. Werden deswegen bei größeren Bauvorhaben Eidechsen-Populationen auf dem Baugebiet gefunden, müssen diese an einen geeigneten Ort umgesiedelt werden. Kann dies nicht ein Nachbargrundstück sein, muss ein anderes Habitat geschaffen werden, in dem sich die Eidechse wohlfühlt. Einen Steinhaufen sollte es dort geben, in dem sich das Reptil verstecken kann. Und das Gras darf auch nicht zu hoch sein.

Das ist dann Hubert Laufers Job. Als Landschaftsökologe  fertigt der Offenburger Gutachten über Tierbevölkerungen auf bestimmten Gebieten an und kümmert sich, wenn es sein muss, um deren Umsiedlung. Im Land gilt er als  Experte für Fragen rund um Eidechsen. Laufer hat Handbücher und zahlreiche Fachartikel darüber geschrieben. Egal, ob man bei  Universitäten, Behörden oder dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) anruft: „Fragen Sie doch mal den Herrn Laufer“, heißt es immer wieder, wenn es um Informationen über Eidechsen-Umsiedlungen geht.

Heute hat er fünf der scheuen Tiere gefangen, in roten Beuteln  transportiert er sie zu ihrem neuen Zuhause. Die Tiere an sich sind klein, sie messen keine zehn Zentimeter. In Laufers riesigen Händen wirken sie noch zerbrechlicher.  Er geht zärtlich mit ihnen um, streichelt sie am Bauch. „Das ist eine investorenfreundliche Eidechse“, scherzt er. Sie bewohnt nur  die Randgebiete einer grünen Wiese, auf der ein Discounter in der Nähe von Heilbronn eine neue Filiale eröffnen möchte.

Sein Wissen über Eidechsen hat er sich komplett selbst angeeignet, durch Beobachtung und Ausprobieren: Der 56-Jährige ist lupenreiner Autodidakt. Eigentlich hat er mal  Werkzeugmacher gelernt, nach der Ausbildung stellte er aber fest, dass sein Beruf ihn nicht erfüllt. Er heuerte  beim Bund für Umwelt und Naturschutz,  an. Dort hat er seine Berufung gefunden: „Ich bin gerne draußen und beobachte die Natur “, beschreibt er sich. Das sieht man ihm an. Laufer hat die gesunde Hautfarbe eines Menschen, der mehr Zeit im Freien als im Büro verbringt. Wieso Reptilien? „Die Tiere faszinieren mich einfach, da gibt es keine Story dazu.“ Als was er beim BUND gearbeitet hat? „Als ich selbst“, sagt er und lacht.

Als „er selbst“ war seine Aufgabe, „das Beste für Tiere und Pflanzen“ herauszuholen, wie er sagt. Aber eigentlich musste er Gutachten von Bauherren zerschießen, nach Fehlern in ihnen suchen. Weil man sich mit dieser Arbeit nur schwer über Wasser halten konnte, entschloss er sich,  selbständig zu werden – als Gutachter für die andere Seite,  die Bauherren. Es hat etwas Spitzbübisches an sich, wenn er lacht: „Davor hätten sie dasselbe Gutachten kostenlos bekommen.“

Nicht alle Menschen sind der Eidechse allerdings so freundlich gesonnen. Vermutlich als erstes Reptil im Land hat sie es auf die Titelseite eines Magazins der Deutschen Bahn geschafft. Der Staatskonzern glaubt nämlich, für die Umsiedlung von Eidechsen allein im Stadtgebiet Stuttgart und entlang der Neubaustrecke nach Ulm 15 Millionen Euro ausgeben zu müssen – und hält das für unverhältnismäßig. Die aufwändigen Aktionen im gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen des Artenschutzes könnten den Bau der Strecke um Jahre verzögern, klagt die Bahn.

Betrachtet man Laufer bei der Arbeit, bekommt man einen Eindruck, warum. Minutenlang steht er mit einem Schwamm in der Hand vor grasbewachsenen Böschungen und wartet, bis eines der Tiere auftaucht. Zeigt sich eine Echse, fixiert er sie blitzschnell mit dem Schwamm am Boden und packt sie in einen Beutel. Wie lange er für die fünf Eidechsen, die er an diesem Tag gefangen hat, benötigte? Zweieinhalb Stunden. Er ist sich trotzdem sicher: „Wegen der Zaun­eidechse wird bestimmt kein Bauprojekt verhindert.“

Naturschutzverbände sehen das genauso: Die Vorgaben der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) der Europäischen Union seien so flexibel, dass es keine Konflikte zwischen Artenschutz und Bauherren geben müsste, würde man die Projekte rechtzeitig planen.

Nichtsdestotrotz ist eine Debatte über Sinn und Unsinn von Artenschutz entbrannt.  Selbst Winfried Kretschmanns Staatsminister Klaus-Peter Murawski, ein Grüner, warnt davor, es mit dem Artenschutz zu übertreiben. Die Fälle, in denen Maßnahmen zum Schutz bedrohter Tierarten Infrastrukturprojekte verzögerten, scheinen sich in den vergangenen Jahren tatsächlich zu häufen: der Rotmilan und Windräder, der Juchtenkäfer und der Tiefbahnhof, Fledermäuse und die Hermann-Hesse-Bahn, Eidechsen und Stuttgart 21.

Der Grund dafür ist einfach: Deutschland befolgt erst seit ein paar Jahren ein Gesetz, zu dem es sich eigentlich bereits vor einem viertel Jahrhundert verpflichtet hat: die FFH-Richtlinie. Sie besagt, dass Lebensstätten  geschützter Tierarten nicht gefährdet werden dürfen. Das hat in Deutschland allerdings erstmal niemanden interessiert. Die Bundesrepublik  musste  erst zweimal vom Europäischen Gerichtshof verurteilt werden, um sich an ihre Verpflichtung zu halten. In den unteren Umweltschutzbehörden ist die Richtlinie erst vor vier, fünf Jahren richtig angekommen, stellt Laufer fest. Bauherren müssen sich also erst noch daran gewöhnen, auch das Wohl der Tiere in ihre Planung miteinzubeziehen.

Seit das Thema auf die Tagesordnung geraten ist, sind die Anfragen an Laufer und seine Kollegen stark gestiegen.  Er kritisiert, dass es zu wenig Literatur, zu wenig Grundlagenforschung gebe. Wie wichtig das wäre, zeigt eine missglückte Umsiedlung im Kreis Ludwigsburg 2015: Zwei Jahre später ist eine Population von mehr als 100 Eidechsen verendet. Der BUND glaubt, dass das Areal vom Projektträger zu spät gemäht wurde.

Bei vielen Menschen wird dies nicht mehr als ein Schulterzucken hervorrufen. Zwar würden bestimmt alle unterschreiben, dass jedes Lebewesen eine Existenzberechtigung hat. Aber die Zauneidechse ist kein niedlicher Braunbär, kein ehrwürdiger Steinadler. Sie macht es einem nicht leicht, Gefühle für sie zu entwickeln. Anders als bei Bienen, ohne deren Arbeit die Menschheit selbst Probleme bekommen würde, weckt ein Verschwinden  der Zauneidechse auch keine existenziellen Ängste.

Aber gerade deshalb appelliert Laufer an den Selbsterhaltungstrieb der Menschen: „Was wäre, wenn es keinen Schimmelpilz gegeben hätte?“, fragt er. Mit seinem Aussterben hätte wahrscheinlich niemand ein Problem. Ohne ein Stoffwechselprodukt des Pilzes gebe es heute allerdings kein Penicillin. Mit der Zaun­eidechse verhält es sich ähnlich: Forscher arbeiten momentan an einem Impfstoff gegen Borreliose, den sie aus dem Organismus des Reptils gewinnen. „Woher soll man wissen“, fragt Hubert Laufer, „welche Tierart in Zukunft wichtig wird?“ Und schaut auf einen Steinhaufen, wo die Eidechsen nun ein neues Zuhause gefunden haben.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Berühmte Schüler lokaler Musikschulen

Ehemalige Schüler aus dem Kreis, die ehemals an lokalen Musikschulen unterrichtet wurden haben es geschafft, und sind professionelle Musiker geworden. Ein Überblick. weiter lesen