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Bestattungen: Die Kultur des Erinnerns wird bunter

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Eine Blume als letzten Gruß ablegen oder eine Kerze anzünden – Erinnerungsbotschaften können auch virtuell im Netz hinterlassen werden.  Foto: 

Barbara Schimmel hat vorgesorgt: Wenn sie eines Tages stirbt, wird sie in dem knallbunten Totenkleid in einen Sarg gelegt, das sie sich schon vor mehr als 30 Jahren selbst ausgesucht hat. Im Augenblick befindet sich das gute Stück noch im Museum für Sepulkralkultur in Kassel, dem es die Besitzerin bis zum Zeitpunkt ihres Ablebens als kostenlose Leihgabe zur Verfügung gestellt hat.

Die Tatsache, dass jemand schon zu Lebzeiten das „letzte Hemd“ im Schrank hat, mag heute seltsam anmuten. Doch in früheren Jahrhunderten war es ganz normal, dieses Kleidungsstück als Teil der Aussteuer oder als Konfirmationsgeschenk überreicht zu bekommen, berichtet Ulrike Neurath, Kustodin des Kasseler Museums, im Rahmen einer Tagung über den Wandel von Bestattungsritualen.

Neben der Totenkleidung, die vom Festtagsanzug bis zum abgetragenen Lieblings-T-Shirt so ziemlich alles umfassen kann, werden mittlerweile auch die Särge vielfältiger und individueller. Zwar betten die Deutschen ihre Toten nach wie vor verhältnismäßig traditionell in hölzerne Truhen, doch in anderen Ländern begibt sich ein Verstorbener durchaus auch in einem Eisenbahnwaggon, in einer überdimensionalen Gitarre oder einem Kleinflugzeug auf die letzte Reise. Und diese endet keineswegs immer auf dem Friedhof, seit Bestattungen auch im Wald, auf hoher See und sogar im Weltraum möglich sind.

Veränderungen zeichnen sich auch im Hinblick auf die Handlungsakteure ab. Jahrhundertelang waren für Sterben, Trauer und Tod vor allem die Kirchen zuständig. Dieses Feld übernehmen zunehmend die Bestattungsunternehmen, sagt Ulrike Wagner-Rau, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Marburg, und plädiert für mehr Kooperation beider Seiten. In der gemeinsamen liturgischen Gestaltung sieht sie einen wichtigen Bestandteil der Trauerarbeit, wobei zunehmend auch persönliche Wünsche von Verstorbenen und Hinterbliebenen etwa bei der Musikauswahl oder in Form von Redebeiträgen berücksichtigt würden. Als prominentes Beispiel nennt sie die Abschiedsfeier von Lady Di vor 20 Jahren, bei der Dianas Geschwister das Wort ergriffen und Elton John einen eigens für sie umgetexteten Song vortrug.

Noch einen Schritt weiter geht der im Münchner Stadtteil Freimann tätige Gemeindepfarrer Rainer Liepold. Er sieht die Bestatter nicht nur als Kooperationspartner, sondern auch als System-Konkurrenten von Pfarrern. „Die meisten Bestatter sind heutzutage Makler“, betont er. Sie kauften Dienstleistungen, beispielsweise Trauerredner, und verkauften diese weiter. Am auffälligsten zeichnet sich für ihn die Abkehr von traditionellen Bestattungs- und Trauerritualen am Bedeutungszuwachs der Online-Angebote ab. So fänden sich auf Grabsteinen gelegentlich QR-Codes, die zu virtuellen Gedenkseiten für die Verstorbenen führten. Blumen ablegen, eine Kerze anzünden, ein Geschenk hinterlassen – per Mausklick auch aus weiter Ferne kein Problem mehr.

Dass selbst weniger internet-affine Menschen den Reiz dieser Möglichkeiten entdecken, hat Liepold in der eigenen Gemeinde erlebt. Nachdem die Mutter einer  jungen Drogentoten, die er beerdigt habe, auf deren Facebook-Seite von einer Flut von Beileidsbekundungen überrascht worden sei, habe sie die Seite täglich aufgerufen, da sie die Mitteilungen als großen Trost und Beistand empfunden habe.

Eine Online-Plattform, auf der die Menschen persönliche Erinnerungen in Form von Fotos, Musik oder Texten ablegen können, ist auch das von Liepold initiierte Projekt „gedenkenswert.de“ der Vernetzten Kirche. Damit soll ein virtueller Friedhof geschaffen werden, auf dem man mit Geistlichen in Kontakt treten oder seine eigenen Empfindungen zum Ausdruck bringen kann. „Wie bei den sozialen Netzwerken einsehbar für alle oder passwort-geschützt nur für Familie und Freunde“, erläutert Liepold. Falls das dafür nötige Geld demnächst bewilligt wird, könnte das Projekt im kommenden Jahr starten. Trotzdem liegen Liepold echte Begegnungen mit den Menschen in seiner Gemeinde nach wie vor am Herzen. „Wenn Sie den Pfarrer, der Sie vielleicht eines Tages bestatten wird, kennenlernen wollen – ich bringe eine Flasche Wein mit“, lautete seine Einladung zum unverbindlichen Kennenlernen im Gemeindebrief. „Es kamen viele“, berichtet er stolz und hofft, dass es nicht nur am Wein lag.

Fast jeder Mensch hat heute ein digitales Leben: persönliche Dateien, Einträge, Fotos und Videos in sozialen Netzwerken, E-Mail-­Konten oder private Websites. Wenn dieser Mensch stirbt, stehen die Hinterbliebenen vor der Aufgabe, mit dem digitalen Erbe umzugehen. Dabei stellen sich viele Fragen: Was gehört überhaupt zur digitalen Erbmasse? Wie findet man die relevanten Online-Accounts eines Verstorbenen? Hilft ein Testament?

Viele Fragen sind in diesem Bereich noch ungeklärt. Einige Antworten und Orientierungshilfen bieten Sabine Landes und Dennis Schmolk im Internet: www.digital-danach.de

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