Partner der

Wohnen im Jahr 2117: Aufs Sofa verzichtet man auch in 100 Jahren nicht

Wie wohnt es sich in 100 Jahren, wie sehen unsere Städte und Dörfer dann aus? Wahrscheinlich weniger futuristisch, als manche Zukunftsforscher heute meinen.

|
Vorherige Inhalte
  • Stuttgart in 100 Jahren? Laut „Future Living Report“ von Samsung sind gewaltig hohe Wohntürme dann ganz normal. 1/5
    Stuttgart in 100 Jahren? Laut „Future Living Report“ von Samsung sind gewaltig hohe Wohntürme dann ganz normal. Foto: 
  • Auch eine Zukunftsvision: Wohnen unter Wasser.  2/5
    Auch eine Zukunftsvision: Wohnen unter Wasser. Foto: 
  • Urlaub in 100 Jahren mit Drohne und angehängten Ferienhaus? 3/5
    Urlaub in 100 Jahren mit Drohne und angehängten Ferienhaus? Foto: 
  • Wohnen in Baden-Württemberg 4/5
    Wohnen in Baden-Württemberg Foto: 
  • Peter Hettenbach, Chef des Instituts Innovatives Bauen.  5/5
    Peter Hettenbach, Chef des Instituts Innovatives Bauen. Foto: 
Nächste Inhalte

Wohnzukunft interessierte schon Uropa, Oma und Co. Auf Weltausstellungen durften die Visonäre ran: 1933 in Chicago strömten Millionen Neugierige ins „Heim der Zukunft“. So hieß eine Schau in Chicago mit Fertigteil-Häusern aus Stahl, Glas und Beton. Zur Weltaustellung in New York wurde 1939 „Democracity“ gebaut, eine Modellstadt fürs Jahr 2039, rundum öko mit kurzen Wegen und Wasserkraftwerk für den Strom.

Viel Zukunft damals. Dann kamen ein Weltkrieg, in Schutt und Asche gelegte Städte, ein hastiger Wiederaufbau, später  Landflucht, Schlafdörfer, Reurbanisierung… Heute im Angebot für Stadtvisionen: Wolkenkratzer, neue Materialien, Digitalisierung. Neue Baustoffe lassen Wohntürme noch weiter in den Himmel wachsen. Zumindest, wenn die Forscher richtig liegen, die der Technikkonzern Samsung für eine Studie beauftragt hat.

Laut „Samsung Smart Things Future Living Report“ versorgen sich Smart Citys in 100 Jahren mit sauberer Energie selbst. Man wohnt in mächtigen Wohntürmen und bewegt sich in Drohnen. Oder man lebt im Meer in gewaltigen Glaskugeln.

Wäre das was für den Bodensee? Und Stuttgarts Fernsehturm steht 2117 im Schatten kilometerhoher Wohntürme?

Weniger spektakulär ist eher wahrscheinlich, sagt  Peter Hettenbach, Chef des Instituts für Innovatives Bauen in Schwetzingen. Seit Jahren berät er Immobilienfirmen zur Zukunft des Bauens und Wohnens. Wie die Baden-Württemberger in 50 oder 100 Jahren wohnen? Seriöse Langzeitprognosen seien problematisch, sagt Hettenbach, auch wenn man Naturkatastrophen und Kriege ausklammert: „Wir werden die Zukunft bekommen, an der wir selbst bauen.“ Bei einer Neubauquote in Deutschland von derzeit einem Prozent pro Jahr hat sich die „Gebäude-Welt“ in 100 Jahren  statistisch zu 100 Prozent verändert. Vor zehn Jahren lag die Neubauquote jedoch nur bei einem halben Prozent. „Im Mittel werden maximal 50 Prozent der Gebäude in 100 Jahren neu sein.“

Der Neubau verteile sich nicht gleichmäßig: „Kleine Gemeinden auf dem Land werden vermutlich zerfallen und eher keine Neubauten haben“, sagt Hettenbach.  „Zentralräume und die Räume entlang der Hauptverkehrsachsen werden sich dynamisch baulich weiterentwickeln.“  Wie sich neuer Individualverkehr etwa mit selbstfahrende Autos auswirken wird? Abwarten. Neue Bauplanungssysteme sind bis in zehn Jahren nicht zu erwarten. „Weiter kann man Technik nicht denken. Das i-Phone ist auch erst seit 2007 auf dem Markt.“  Realistisch sei aber der Einsatz von Bau- und Planungsrobotern wie 3D-Drucker. „Erste Projekte in Japan realisieren den Rohbau eines Eigenheims in  einem  Tag.“

Im Handel und Vertrieb sei das Wandlungspotential am größten: Handel und Finanzierung wird wie bei Autos aus einer Hand kommen. „Digitale Techniken werden den Vertrieb bestimmen. Digitale ,Baustoffhändler in Richtung Amazon supply sind schon in zehn Jahren sehr realistisch“, sagt Hettenbach. Ziemlich sicher könnten Neubaukosten und Neubaumieten mit digitalen Techniken halbiert werden.

Vom Grundsätzlichen in die Details. Wie wahrscheinlich sind Hochhaus-Städte im Südwesten, Wohnen in Raumkapseln, Fortbewegen in Drohnen? „Immobil wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nur in den baden-württembergischen Ballungsräumen etwas passieren“, sagt Hettenbach. „Ich sehe da eher hybrid und verkehrlich effizienter genutzte Gebäude“, also Häuser zum Arbeiten, Einkaufen und Wohnen in einem. Diese Hardware wird mit viel „Betriebssystem“, mit Steuer-Software, unterstützt. „Neue Mobilität ist sehr wahrscheinlich.“ Raumkapseln dagegen nicht.

„In Räumen ohne Siedlungsdruck wird die Welt wahrscheinlich noch genauso aussehen wie heute“, sagt der Immobilienexperte. „In den dynamischen Zentren dagegen ist ein Nutzungszyklus etwa 15 bis 30 Jahre, dann kommt Neues, siehe Stuttgart 21.“

In der Haustechnik seien in den nächsten Jahrzehnten Softwarelösungen gefragt, etwa nachrüstbare, über Web und Apps programmierbare Heizkörperregelungen, weniger die im Haus fest installierte innovative Technik. Schließlich stehe bei einem Prozent Neubau und 99 Prozent Immobilienbestand die Sanierung im Vordergrund.

Und das Ausruhen auf dem Sofa, das Abschalten vor einer Art Fernseher, das Schlafen im Bett, macht man das in 100 Jahren noch?  „Entwicklungen haben immer einen Trend und einen Gegentrend. Aus ökonomischer Sicht wird immer alles digitaler, schneller und wirtschaftlicher.  Menschen werden dadurch immer individueller und multioptionaler“, sagt Hettenbach. „Sie verlieren durch Hightech zunehmend die Verwurzelung in der Gesellschaft, in der Familie und im Freundeskreis – statt Raumkapseln brauchen sie dann eher Medikamente in Kapseln.“  Im Gegentrend gewinnen emotionale und manuelle Dinge deshalb an Bedeutung: „Ausruhen, Abschalten, das wird es in beiden Welten geben.“ Gute Aussichten fürs alte Sofa also.  „Es wird aber neue Berufe geben wie Datentherapeut, digitaler Hausmeister oder Roboterbevollmächtigter.“

Immer wichtiger ist heute die Ökologie. Selbstverständlich, dass sich in 50, 100 Jahren Häuser selbst mit Energie versorgen? „Das wird es geben, wenn es sich rechnet. Rechnet es sich nicht, wird es immer einen Anteil an Idealisten und Vorbildern geben wie auch ,Trickser-’ und ,Mach-ich-gar-nix’-Eigentümer und Händler“, sagt Hettenbach. „Ich bin aber überzeugt und arbeite daran, dass auch in den nächsten zehn Jahren im Ballungsraum Mieten für fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter möglich sind.“

„Keine Slums im Ländle“

Und wer wohnt in 50, 100 Jahren wo? Reiche in gesicherten Wohnvierteln, Habenichtse auch in Baden-Württemberg im Slum? „Die Grundsatzfrage die sich stellt ist: Welche Gesellschaft werden wir in 10, 25, 50 oder 100 Jahren haben? Mitte der 70er Jahre verdiente ein Investmentbanker soviel wie ein Lehrer oder ein Arzt. Heute verdient der Investmentbanker bis zum 10-bis 15-fachen. Von der Hebamme und dem Leiharbeiter möchte ich gar nicht sprechen“, sagt Hettenbach. „Solche Entwicklungen sind nicht gut. Ebenso wie die aktuellen antieuropäischen Abschottungen. Gesicherte Wohnviertel werden dann notwendig, haben aber mit Sicherheit keine Langfristperspektive.“ Slums, sagt Hettenbach, werde es im „Ländle“ nicht geben, „die werden aufgrund unserer Baugesetzgebung schnell genug  beseitigt“.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Wohnen in Baden-Württemberg

Es ist ein Thema, das jeden betrifft und an dem sich viele Zukunftsfragen entscheiden. In unserer Serie widmen wir uns dem Wohnen im Südwesten.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Drehleiter-Einsatz nach Sturm-Schäden

Mehr als 30 Einsätze wegen eines Sturmtiefs verzeichnete das Polizeipräsidium Ludwigsburg am Donnerstagmorgen in den Landkreisen Ludwigsburg und Böblingen zwischen 5.20 und 8 Uhr weiter lesen