Partner der

Stuttgarter Bluttat: Ehefrau floh zum Nachbarn

Die Frau des Stuttgarter Anwalts, der am Montag erschossen wurde, war noch im Haus, als der Täter eintraf. Der kannte sein Opfer schon länger.

|
Leichenwagen vor der Rechtsanwaltskanzlei. SEK-Polizisten stürmten  das Haus. Sie fanden zwei Tote, den 67 Jahre alten mutmaßlichen Täter aus Offenbach in Hessen und den 75 Jahre alte Stuttgarter Rechtsanwalt.  Foto: 

Die Gerokstraße liegt da, als wäre nie etwas passiert. Einzig die Blumen am Eingang des Hauses mit der Nummer 83 verraten, dass der Frieden in dem vornehmen Viertel im Stuttgarter Osten jäh gestört wurde. „Für einen lieben Menschen, der von uns gegangen ist“, steht auf einer Karte. Einige Kinder halten vor dem Haus, schauen sich die Blumen an. Bis auf das Fernsehteam, das hier schon den ganzen Vormittag filmt, sieht man niemanden weit und breit.

Auch einen Tag nach der Bluttat in einer Anwaltskanzlei im Stuttgarter Osten sind noch viele Fragen offen. Spezialkräfte der Polizei hatten am Montagabend in jenem gelben Haus mit der Nummer 83 die Leichen des 75-jährigen Anwalts Franz-Peter W. und eines 67-jährigen Mannes gefunden. Als gesichert gilt inzwischen, dass der 67-Jährige mittags in die Kanzlei gestürmt war und erst W., dann sich selbst umgebracht hatte – jeweils mit einem Schuss aus einer halbautomatischen Pistole, die später am Tatort gefunden wurde. Das hat die Obduktion der Toten ergeben. Das Opfer wurde demnach im Brustbereich getroffen.

Gegen 13 Uhr war der Notruf am Montag abgesetzt worden. Dramatische Wende: Nicht eine Nachbarin, wie zunächst angegeben, hatte die Polizei verständigt, sondern die Ehefrau des 75-jährigen Opfers, eine 57 Jahre alte ehemalige Opernsängerin. Sie befand sich offenbar noch im Haus, als der 67-Jährige auftauchte, konnte aber fliehen und bei Nachbarn Unterschlupf finden. Von dort aus rief sie selbst die Polizei. Die Spezialeinsatzkräfte (SEK) der Polizei umstellten daraufhin das Haus und sperrten das Wohngebiet großflächig ab – rund 300 Beamte waren insgesamt im Einsatz. Nach umfangreicher Vorbereitung betraten sie schließlich nach 17 Uhr das Haus, nachdem sie erfolglos versucht hatten, Kontakt ins Haus zu bekommen.

Was man ebenfalls weiß: Der Angreifer kommt aus Offenbach in Hessen, bei seiner Leiche wurde ein deutscher Pass gefunden. Zu seinem Opfer unterhielt er schon seit längerer Zeit eine Beziehung. Diese sei wohl geschäftlicher Natur gewesen, berichtet der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jan Holzner. „Wie genau, also ob der 67-Jährige ein Mandant des Anwalts war, wissen wir noch nicht.“ Sicher ist hingegen,  dass der Schütze bislang strafrechtlich nicht auffällig war. Weder in Baden-Württemberg noch in Hessen gebe es dazu Einträge. Holzner: „Er war ein unbeschriebenes Blatt.“

Aus Ermittlerkreisen hört man, dass Streit um Geld Auslöser für die Bluttat gewesen sein könnte. Definitiv bestätigen können das Staatsanwaltschaft und Polizei am Dienstag nicht. Auch ob der Übergriff geplant oder im Affekt passiert sei und ob es zuvor einen Kampf gegeben habe, sei noch offen. Ebenso die Frage, zu welcher Uhrzeit genau die beiden Männer starben. Die Waffe soll der 67-Jährige laut Holzner jedenfalls nicht legal erworben haben.

Die Ermittlungen gingen nun in viele Richtungen, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Die gesicherten Spuren müssten ausgewertet, das nahe Umfeld und die Nachbarn befragt werden. Holzner: „Wir müssen erst mal herausfinden, wer der Angreifer eigentlich war. Bislang wissen wir nicht viel über ihn.“

Die blau-weiß-gestreifte Jalousie, die charakteristisch für das gelbe Eckhaus an der Gerokstraße ist, ist am Dienstagmittag ausgefahren. Das Gebäude wurde nach Polizeiangaben nicht nur als Büro, sondern auch als Wohnhaus genutzt. Im Untergeschoss betrieb der 75-Jährige, der sich hauptsächlich um Strafsachen kümmerte, die Kanzlei mit seinem Sohn, der zum Tatzeitpunkt nicht vor Ort war. Der Senior arbeitete wohl noch regelmäßig. Juristen-Kollegen erinnern sich jedoch an keine größeren Fälle in den vergangenen Jahren.

Aufsehen erregte W. hingegen im Jahr 2006, bei dem er selbst sozusagen zum Opfer wurde. Bei Fesselspielen mit seiner Schwiegermutter war er lebensgefährlich verletzt worden. Die Schwiegermutter wurde in der Folge zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Durch den bizarren Fall gelangte der Jurist in Stuttgart zu fragwürdiger Berühmtheit.

SEK – Kräfte fürs Grobe

Hoch qualifiziert Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Polizei sind Einheiten hoch qualifizierter Spezialisten für besonders gefährliche Situationen. Dazu gehören Geiselnahmen und Terrorismus. Die Spezialkräfte werden vor allem bei der Festnahme bewaffneter Straftäter eingesetzt. Zuständig für die Einheit ist das Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen. Die Kräfte haben eine spezielle Ausrüstung, sind besonders trainiert und sollen stark belastbar sein.dpa

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Stadt kauft Gelände im Wobachtal

Der Bietigheimer Trachtenverein hat sein sanierungsbedürftiges ehemaliges Vereinsheim an die Stadt zurückgegeben. Der Pächter der Wirtschaft ist insolvent. weiter lesen