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Mehr Rauschgifttote: Die Flut legaler Drogen

Die Zahl der Drogentoten im Südwesten steigt. Parallel werden immer mehr legale Rauschmittel auf den Markt geworfen. Deren Wirkung: Unberechenbar.

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Foto: SWP GRAFIK  Foto: 

Die Zahl der Drogentoten im Land erreicht zurzeit ein trauriges Hoch. 92 Menschen starben allein im ersten Halbjahr 2016 am Drogenkonsum, wie das baden-württembergische Innenministerium berichtet. Eine alarmierende Zahl. Denn der Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum zeigt: 2015 waren es noch 30 Tote weniger gewesen. Deutschlandweit stieg die Zahl der Drogentoten im vergangenen Jahr auf 1226.

Ein Trend, der durch einen neuen flexiblen Teilbereich des Drogenmarktes noch zusätzlich beflügelt wird. Die Substanzen fallen unter den Fachbegriff „Neue psychoaktive Stoffe“, kurz NPS, gewinnen auf dem Rauschmittelmarkt zunehmend an Bedeutung und stellen die Politik vor eine Herausforderung. Denn die auch als Designerdrogen bekannten NPS fallen mit ihren immer neuen synthetischen Zusammensetzungen in eine rechtliche Grauzone, was ihnen den Szenenamen „Legal Highs“ einbrachte, also legale Drogen – nicht nachweisbar, nicht strafbar. Ein weiteres Problem: Es sind zu viele und sie sind zu komplex, um sie alle zu erfassen. So werden derzeit jede Woche zwei neue solcher Rauschmittel entdeckt, berichtet die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.

Und die Beschaffung ist leicht. Als sogenannte Badesalze, Kräutermischungen oder Räucherstäbchen können NPS im Internet bestellt werden und suggerieren Verbrauchern so Harmlosigkeit. Große Sorge bereite die Verfügbarkeit von allen Rauschgiftarten im Internet, berichtet das Landeskriminalamt Baden-Württemberg auf Anfrage. „Die Fallzahlen beim ,auffälligen’ Postversand, also wenn Pakete nicht zugestellt werden können und dadurch die Polizei von illegalen Waren erfährt, haben sich von 163 Fällen im Jahr 2014 im vergangenen Jahr mehr als verdreifacht“, berichtet ein Sprecher des LKA. Das sind 519 Fälle. Man gehe bei Bestellungen von Rauschgift aus dem Internet zudem von einer hohen Dunkelziffer aus.

Drogenberatungsstellen warnen besonders vor den Gefahren von Legal Highs aus dem Netz: „Die Wirkungsweisen sind überhaupt nicht einschätzbar“, sagt beispielsweise Bernd Klenke von der Suchtberatungsstelle „Release“ in Stuttgart. NPS und Legal Highs seien in der Beratung immer mehr Thema. Auch Lena Hagenmaier von der Ulmer Drogenhilfe kann das bestätigen: „Es ist nicht klar, wie viele synthetische Drogen in diesen Legal Highs enthalten sind. Sie sind nicht nicht richtig dosierbar und die Symptome sind unberechenbar“. Auch im Raum Freiburg sind NPS beliebt, berichtet Christoph Weber von der dortigen Drogenhilfe: „Vor allem Badesalze tauchen gerade stark in der offenen Drogenszene auf. Auch Mischkonsum mit NPS und zum Beispiel Amphetaminen ist ein großes Problem bei uns.“

Die Symptome reichen dabei von Übelkeit über Ohnmacht bis hin zu Psychosen – auch tödliche Ausgänge sind bekannt. „Die größte Gefahr sind psychotische Symptome. Wir hatten Fälle von Klienten, die sich nach dem NPS-Konsum im Wahn die Unterlippe weggebissen haben“, erzählt Weber.

Auch die neuen Zahlen des Innenministeriums zeigen, dass es sich trotz harmloser Aufmachung der Stoffe um gefährliche Substanzen handelt: Von 92 Drogentoten im bisherigen Jahresverlauf starben fünf am Konsum neuer psychoaktiver Stoffe. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2015 waren es vier, 2014 sechs.

Aber auch klassische Rauschmittel sind weiterhin ein Problem. Mit 28 Todesfällen sind die meisten auf Heroin zurückzuführen. 15 Todesfälle wurden durch den Mischkonsum von Substitutionsmitteln mit anderen Stoffen verursacht und in neun Fällen war das Narkosemittel Fentanyl, auch als starkes, verschreibungspflichtiges Schmerzmittel bekannt, mit ursächlich.

Suchtberater Christoph Weber hat eine Vermutung, weshalb die Zahl der Drogentoten derzeit steigt: „Der wahnsinnige Trend zum Mischkonsum ist sicher ein Grund. Man kann alles Mögliche bestellen und mixen. Die Auswahl wird immer größer, die Substanzen immer komplexer.“

Eine Vermutung, die Zahlen der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht bestätigen. Mit deren Frühwarnsystem wurden bis zum Jahresende 2015 bereits mehr als 560 neue psychoaktive Stoffe ermittelt. Wurden 2008 noch lediglich zwölf NPS gemeldet, waren es 2015 bereits 100. Eine wahre Flut an neuen Substanzen, deren Inhalte komplex und deren Wirkungen unberechenbar sind.

Um dem Trend entgegenzuwirken, setzt die Drogenhilfe Freiburg auf Präsenz. „Vor allem auf Outdoorpartys werden viele solcher Substanzen zur Steigerung der visuellen optischen Wahrnehmung eingenommen. Dort versuchen wir vor Ort als Ansprechpartner für die Leute da zu sein“, sagt Christoph Weber. Auch das Innenministerium setzt bei der Prävention auf Information und will auf die Gefahren der vermeintlich harmlosen Stoffe hinweisen.

Auch rechtliche Rahmenbedingungen sollen die Flut legaler Drogen ausbremsen. Das Bundesgesundheitsministerium hat ein neues, eigenständiges Gesetz mit einem neuen Ansatz auf den Weg gebracht: Das Neue-Psychoaktive-Stoffe-Gesetz verbietet künftig ganze Stoffgruppen. So können Hersteller Verbote schwerer durch kleine chemische Veränderungen umgehen.

„Legal Highs“: Tabletten, Pulver, Kräuter

Verkauf „Legal Highs“ werden als Pulver, Tabletten, Kräuter oder Kapseln angeboten. Die Mischungen enthalten in der Regel getrocknete Pflanzenteile. 2008 sorgte „Spice“ für Aufregung, das Cannabis-ähnliche Wirkungen erzeugt haben soll.

Bezeichnung Legal Highs mit stimulierender Wirkung werden häufig als „Badesalz“, „Raumlufterfrischer“ oder „Reiniger“ verkauft. Auch „Pflanzennahrung“, „Reiniger“ oder „Research Chemicals“ sind gängige Bezeichnungen für den Verkauf im Netz.

Gesetz Viele der Legal Highs sind mittlerweile unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt worden. Allerdings fallen nur solche Substanzen unter das Betäubungsmittelgesetz, die darin ausdrücklich genannt werden. Das nutzen Hersteller aus. krib

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Kommentare

05.09.2016 08:27 Uhr

Es braucht mehr legale Drogen

Die Lösung ist ganz einfach: Entkriminalisierung aller Drogen. Das funktioniert in Portugal sehr gut: http://www.drogenmachtweltschmerz.de/2013/03/entkriminalisierung-in-portugal-zwischenbilanz-nach-12-jahren/
Dann werden „Legal Highs“ mit unbekannten Nebenwirkungen Geschichte sein. Und die organisierte Kriminalität hat ein Geschäftsfeld weniger

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