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Als Ludwigsburg für Amerikaner lovely war

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Beim Blick zurück fällt Ulrich Hartmann (86) nur Positives ein: „Unter dem Strich muss ich sagen, das Verhältnis war sehr angenehm.“ Kaum jemand hatte von Amts wegen über so lange Zeit solch enge Beziehungen mit der US-Armee im Raum Ludwigsburg wie Hartmann. Zuerst, von 1962 bis 1967, als Bürgermeister von Kornwestheim, danach, bis 1996, als Landrat von Ludwigsburg. Wenn er heute diese 34 Jahre zusammenfasst, kommt er nur zu einem Ergebnis: „Es war ein schönes Zusammenleben.“

Hartmanns Erinnerungen sind eingeflossen in die Ausstellung „Little America“, die der Amerikanist Lars Bädeker (29) für das städtische Museum MIK zusammengetragen hat. Obwohl die Amerikaner die Stadt und den Alltag der Ludwigsburger ab 1945 wesentlich geprägt haben, gibt es nur wenige materielle Zeugnisse der binationalen Nachbarschaft. Auch verlässliche Daten sind rar. Es ist nicht einmal bekannt, wie viele US-Soldaten in Ludwigsburg stationiert gewesen sind in jenen sechs Kasernen, die zuvor Stützpunkte der Wehrmacht waren.  Umso wichtiger sind deshalb die Erzählungen von Zeitzeugen.

Zu ihnen gehört Eve Palmer (74). Die Schwäbin stammt aus Donzdorf, lernte in Göppingen den Amerikaner Leo kennen und lieben. In Ludwigsburg war er Lehrer an der High School, unterrichtete Sport. Aus jener Zeit stammt die rote Jacke, die sie für die Ausstellung beigesteuert hat. „Ludwigsburg war für uns Lovelyburg“, verrät die Frau, deren Mann vor zehn Monaten nach 52 Jahren Ehe gestorben ist – beerdigt in Ludwigsburg. Gewiss, meint sie, es habe manchmal Vorbehalte gegeben: „Amerikaner sind großzügiger, aber Leo schätzte die Gründlichkeit und Zuverlässigkeit der Deutschen.“

Als die ersten Besatzer in Ludwigsburg einrückten und die Stadt von den Franzosen übernahmen, galt strengstes Fraternisierungsverbot. Die Army verteilte eine Gebrauchsanweisung für Germany. „Jeder Deutsche kann Schwierigkeiten machen“, hieß es da. Und: „Vertraue niemand.“ Ludwigsburg musste wie eine Hochburg der Nazis erscheinen. In mehreren Lagern waren 40 000 Wehrmachtssoldaten und Funktionäre interniert.

Aber die Distanz hielt nicht lange. Zu groß war das Interesse, ein Stückchen „American way of life“ zu erhaschen, wovon auch Straßenkreuzer, Roller Skates und Rock‘n‘Roll zeugten. Mehr als ein paar Musikfetzen dürften 1959 vom Konzert Bill Haleys im Offiziersclub auf dem Arsenalplatz zu hören gewesen sein.

„Das Offizierskorps war ausgezeichnet“, berichtet Ulrich Hartmann. Die jungen Soldaten, die nicht wussten, was sie in Deutschland erwartet, seien gut gedrillt worden. Die Annäherung beschleunigten Hilfseinsätze mit schwerem Militärgerät, bei der Anlage des Blühenden Barocks ebenso wie beim Schutz vor Hochwasser. Bis 1957 sind 27 Sportplätze und drei Freibäder mit Unterstützung der GI entstanden. Anfang der 1970er war die Harmonie in Gefahr wegen brutaler Raubüberfälle und Drogenhandels. Gemeinsame Streifen der deutschen Polizei und der Military Police sorgen wieder einigermaßen für Ruhe.

Auf Missfallen stieß 20 Jahre später jenes Banner, das zurückkehrende Soldaten vom Golfkrieg als „Heroes“ begrüßte. Das sei „Kriegsverherrlichung“, schimpften Pazifisten. Wenig später nahmen „Ludwigsburger“ Truppen vom Irak den direkten Weg in die USA. 1993 endete die Army-Ära in der Barockstadt.

Auf einen Aufruf Bädekers meldeten sich 25 Zeitzeugen, mit denen Gespräche geführt wurden. Erzählt hat auch eine Bauerntochter, die ihren Vater in die Kaserne begleitete, wenn er Speisereste als Schweinefutter abholte. Noch heute schwärmt sie vom Vanilleeis. Sie brachte makelloses Besteck mit, das mit den Essensresten achtlos in den Abfallkübel geschmissen wurde. Messer und Gabel sehen aus wie neu.

Die Ausstellung „Little America“ ist bis 24. September Dienstag bis Sonntag (außer an Feiertagen) von 10 bis 18 Uhr, im MIK Ludwigsburg (Eberhardstraße 2) zu sehen. Zum Rahmenprogramm gehören ein Sommerfest am Independance Day (4. Juli) und ein Vortrag am 13. September über Deutschlands ersten McDonald’s Drive-in, der 1983 beim Breuningerland eröffnete.

Die Kasernen und ihre 250 Jahre währende Geschichte in Ludwigsburg werden bis 28. Februar 2018 im Garnisonsmuseum (Asperger Torhaus) erklärt. Der Überblick heißt „Bewahrung durch Wandel“. Er zeigt, wie Stätten der Innovation aus Militärbauten geworden sind. hgf

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