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Feinstaubalarm ist ein logistischer Kraftakt

Vor jedem Feinstaub-Alarm rücken Trupps aus, um Banner an 100 Straßenbrücken rund um Stuttgart aufzuhängen.

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Die Nacht zum Freitag hat Martin Ubeländer mal wieder hauptsächlich hinterm Steuer verbracht. Gut 300 Kilometer ist er im Osten von Stuttgart herumgefahren und hat Banner von Brücken gepflückt. Es sind die Transparente, mit denen das Verkehrsministerium auf den Feinstaub-Alarm in der Landeshauptstadt aufmerksam macht.

Am Mittwoch war bei Ubeländer die Nachricht eingegangen, dass am Donnerstag, 24 Uhr, der seit dem 7. Februar geltende Alarm endet. Also machte er sich am Donnerstagabend ab 20 Uhr auf den Weg, um die Banner einzusammeln. Er lagert sie in seiner Druckerei ein für den nächsten Fall. Der nächste Alarm könnte theoretisch schon in der Samstagnacht beginnen.

Selbst wenn er später ausgerufen wird: Stress macht der Alarm in jedem Fall. Und nicht nur Ubeländer, der die Banner bedruckt, sondern auch Rainer Haas vom Grafikbüro Art Design in Stuttgart, der die Banner entwirft. Beide übernehmen zugleich die Aufgabe, die Banner in der Region und in den Nachbarkreisen aufzuhängen.

Eine Aufgabe, die Edgar Neumann, Sprecher des Verkehrsministeriums,  „einen logistischen Kraftakt“ nennt. Denn es sind nicht nur ein paar Brücken, die Haas und Ubeländer bestücken, sondern 100 Brücken. Und das in einem Umkreis von 40 Kilometern rund um Stuttgart.

Ein Team mit robusten Jungs

Die Banner hängen an den Überquerungen von stark befahrenen Bundesstraßen, die Richtung Stuttgart führen. Und sie hängen so, dass sie von den Autofahrern eigentlich nicht übersehen werden können. Mit den Bannern appelliert das Ministerium an die Autofahrer, das Stadtgebiet Stuttgart möglichst nicht mit ihrem Gefährt anzusteuern und stattdessen Busse und Züge zu nutzen. Oder zumindest Fahrgemeinschaften zu bilden.

Das Ministerium lanciert diesen Appell über Radio, Tageszeitungen und über ihre Internet-Seiten, auch über Whats-App und über Variotafeln. Letztere sind zentral per Computer zu steuern. Ganz anders die Banner. Da geht es händisch-handwerklich zu.  Eine Arbeit, die mit viel Aufwand verbunden ist und meist auch am Wochenende zu leisten ist. „Sieben von neun Feinstaub-Alarmen gingen an Sonntagen los“, sagt Haas. Und immer ist es auch ein Wettlauf gegen die Uhr.

Haas ist Bergsteiger und trägt den schwarzen Gürtel in der Kampfsportart Taekwondo. Seine körperliche Fitness gereicht ihm bei der Aufgabe, der er sich seit Januar 2016 stellt, durchaus zum Vorteil. Gerade, wenn das Anbringen an den Brücken diffizil ist.

Eineinhalb Tage vor dem Start eines Alarms erhält Haas gegen 13 Uhr eine SMS, eine WhatsApp-Nachricht und vier E-Mails mit der Information, dass es wieder losgeht. „Dann lass’ ich alles stehen und liegen“, sagt der Diplom-Ingenieur. Er trommelt die Leute für die beiden Teams zusammen, zumeist freischaffende Werbetechniker und Messebauer – „robuste Jungs“. Haas schlüpft in seine Sicherheitsklamotten und fährt zu Ubeländers Druckerei „Plakat total“. Dort stellt Ubeländer die Aufkleber mit den aktuellen Daten her, die dann auf die Banner aufgebracht werden. Und so gegen 22 Uhr schwärmen Haas und Ubleänder mit ihren Teams aus. Jedes der beiden Teams kommt dabei auf 300 Kilometer.

Es war Sonntag, 5. Februar, als um 13 Uhr die Nachricht der bisher letzten Phase des Feinstaub-Alarms einging. Ubeländer saß mit Schwiegervater und -mutter beim Mittagessen – und musste sofort los. Familienverträglich ist der Job nicht.

Die am weitesten entfernten Brücken sind an der B 29 in Schwäbisch Gmünd-Hangendeinbach, an der B 35 in Knittlingen (Enzkreis), an der B 28 in Dettingen an der Erms (Kreis Reutlingen) und an der B 297 in Reutlingen-Sickenhausen. Am Anfang war es schwer, die Brücken zu finden, denn manche sind nur über Feld- oder Waldwege erreichbar: „Das ging nicht ohne Google Maps.“ Trotz der besseren Ortskenntnis dauert eine Tour immer noch mindestens 24 Stunden, bei Schnee waren es auch schon mal 38 Stunden. Denn das Anbringen eines Banners dauert allein 15 bis 20 Minuten.

Mit Stirnlampen unterwegs

Die Männer arbeiten mit großer Sorgfalt. Die Banner müssen so stabil befestigt werden, dass kein Wind sie von der Brücke blasen kann. Beim Anbringen selbst  „darf nichts runter fallen – zu keinem Zeitpunkt“, betont Haas, und deshalb sichern die Leute ihre Werkzeuge alle am Handgelenk. Haas: „Das haben wir von kanadischen Baumfällern abgeguckt.“ Stirnlampen mit bis zu 700 Lumen erleichtern die Sicht.

Ausgerechnet die Brücke am Neckartor, dem Ort mit den höchsten Feinstaub-Werten, ist am schwierigsten zu bestücken, weil sie über keine Gitterstäbe verfügt und Messgeräte an der Unterkante befestigt sind. Haas fand eine Lösung.

Und mit dem Pensum sind er und seine Kollegen bisher schon vor jedem Feinstaub-Alarm rechtzeitig fertig geworden. Haas sagt mit Stolz: „Es hat immer geklappt.“

Den Stadtoberen von Stuttgart und Verkehrsminister Winfried Hermann ist daran viel gelegen: Dass die Städte, Gemeinden und Landkreise rund um die Landeshauptstadt sie bei der Information der Öffentlichkeit über den Feinstaub-Alarm tatkräftig unterstützen. So bietet das Ministerium ein so genanntes Widget an, das als grafisches Fenster auf Internet-Seiten zur ausführlichen Information des Ministeriums führt. Dem Wunsch von Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) in Gesprächen mit Amtskollegen, das Widget auf den Homepages ihrer Kommunen zu installieren, kam aber nach Recherchen unserer Zeitung bisher nur die Stadt Esslingen nach.

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