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Interview mit Verkehrsexperte Monheim zur Sperrung der Rheintalstrecke

Stillgelegte Strecken, Denken nur im europäischen Rahmen, zu wenig Netze im Kleinen. Der Verkehrsexperte Heiner Monheim hält das Desaster für hausgemacht.

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Kritik an Ära Mehdorn: Heiner Monheim.  Foto: 

Heiner Monheim ist Geograph, Stadtplaner, Verkehrsexperte. Seit mehr als 50 Jahren beschäftigt er sich mit der Verkehrsentwicklung in Deutschland. Monheim, Jahrgang 1946, ist mit dem Zug auf dem Weg nach Trier, wo der emeritierte Professor für Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landesplanung das Raumkom-Institut für Raumplanung und Kommunikation mitbetreibt. Das Gespräch wird nur unterbrochen, als er in den Bus umsteigen muss.

Herr Mohnheim, infolge der Streckensperrung auf der Rheintalbahn zeigt sich: Es gibt nur wenige und kaum geeignete Ausweichstrecken. Wo sehen Sie die Ursache?

Heiner Monheim: Das ist dem „System Mehdorn“ (Hartmut Mehdorn, ehemaliger Bahnchef, Anm. d. Red.) geschuldet. Über 20 Jahre wurden die Kapazitäten im Schienennetz drastisch zurückgefahren. Mit dem Ergebnis, dass wir heute überhaupt keine Netzflexibilität mehr haben.

Wie äußert sich das?

Überall im Land sind Parallelstrecken, die in einem Fall wie Rastatt als Ausweichstrecken hätten dienen können, stillgelegt worden. Die sind nun nicht mehr zu befahren. Oder nehmen wir Stellwerke, die sind zurückgebaut oder überhaupt nicht flexibel nutzbar. Das waren in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten regelrechte Stilllegungsorgien.

In Baden-Württemberg etwa pocht der  grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel schon lange auf den Ausbau und die Elektrifizierung verschiedener Strecken im Südwesten.

Eines der Hauptprobleme in Deutschland ist, dass Bahnpolitik bei uns vor allem der Bahn überlassen ist. Bei Fragen des Netzes etwa lehnt sich der Bund zurück. Das Parlament greift nur in Ausnahmefällen ein. So sind über die Jahre zum Beispiel viele kleine und mittelgroße Städte abgehängt worden. Es gibt kein konsistentes Gesamtverkehrskonzept.

Der Bundesverkehrswegeplan sollte das – zumindest seinem Namen zufolge – sein. Gastel fordert nun, den aktuellen Bundesverkehrswegeplan 2030 zu überarbeiten.

Da hat er absolut recht. Ich sehe den Plan auch extrem kritisch, vor allem, weil völlig falsche Prioritäten gesetzt werden. In Bezug auf die Entwicklung der Schiene spielen zum Beispiel europäische Fragen überhaupt keine Rolle.

Apropos Europa: Die Rheintalstrecke ist ja Teil einer europäischen Magistrale. Wie steht es um die europaweite Bahnpolitik?

Es gibt keine vernünftige europäische Bahnpolitik. Die EU fängt gerade erst an, kleine Netze zu fördern. Das ist in den Grenzgebieten sehr wichtig. Das kann aber nur ein erster kleiner Schritt sein. Zwei Drittel des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs sind über die Jahre nämlich verschwunden. Auf europäischer Ebene hat man sich aber sehr stark um Wettbewerbsfreiheit und technische Standardisierung sowie um große transeuropäische Netze gekümmert. Dabei fängt Verkehr doch überall unten an.

Was also muss sich tun?

Wir brauchen eine konsistente Netzphilosophie, ein Gesamtkonzept für den Verkehr. Das fängt aus meiner Sicht bei Paris und den dort festgelegten Klimazielen an. Das ist ein ökologischer Aufschlag, von dem ausgehend man sich fragen muss: Was sind die Optionen? Für mich gehört in so ein Konzept eine flächendeckende Maut rein. Wenn die Straße dann teurer ist, muss man sich im nächsten Schritt überlegen, wie man die anderen Verkehrs­träger fördert, die großen Netze, also national und international, vor allem aber wie gesagt die kleinen.  In Deutschland bräuchten wir, wenn man so denkt, zum Beispiel 250 S-Bahn-Netze. Bei der Frage der Finanzierung muss man vor allem den Ausbau des Straßenverkehrs bremsen.

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