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Tunesien: Flucht aus der Wiege des arabischen Frühlings

Die Zahl der Migrantenboote aus Syrien und Libyen sinkt. Jetzt kommen dafür mehr aus Tunesien. Die meisten treibt die Wirtschaftsmisere in ihrer Heimat in die Flucht.

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Die Bewohner auf Sizilien nennen sie „Geisterboote“. Fast jeden Morgen finden sich an den Stränden neue Kähne, deren Insassen bei Nacht heimlich an Land geschlichen sind. Die allermeisten sind Tunesier. Nur ein Bruchteil von ihnen lässt sich offiziell registrieren, weil sie in Europa keine Chancen auf Asyl haben. Die meisten dagegen tauchen sofort unter und versuchen, sich als Illegale durchzuschlagen.

Unter diesen Verschwundenen aber könnten, so befürchten die italienischen Behörden, auch tunesische IS-Rückkehrer sein sowie Straftäter und abgelehnte Asylbewerber, die zuvor unter großem bürokratischen Aufwand aus Europa abgeschoben worden waren. Auf Sizilien griff die Polizei kürzlich Tunesier auf, die daheim per Amnestie aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Vor allem das macht diese neue Ausreisewelle aus dem kleinen, kaum 200 Kilometer entfernten Mittelmeeranrainer so brisant, die vor rund sechs Wochen plötzlich begann.

Beim Chaos-Nachbarn Libyen dagegen gehen in letzter Zeit deutlich weniger Migranten auf die Boote, weil Milizen in Sabratha, die der Zentralregierung in Tripolis gehorchen, gegen die Schmuggelbanden vorgehen. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der Überfahrten nach Italien um 25 Prozent, meldet die Internationale Organisation für Migration (IOM). Kamen bis Mitte Oktober 2016 noch 144 400 Migranten, waren es im gleichen Zeitraum 2017 nur noch etwa 107 000.

Dafür nehmen die Überfahrten an anderen Stellen des Mittelmeers – vor allem von Tunesien und von Marokko aus – zu. Die Zahl der Neuankömmlinge in Spanien verdoppelte sich in den vergangenen  neun Monaten im Vergleich zum Vorjahr von 5400 auf über 12 300.  Nach Angaben des IOM-Sprechers in Rom, Flavio Di Giacomo, pendelte die Zahl der tunesischen Migranten in den vergangenen drei Jahren stets zwischen 900 und 1600. So auch von Januar bis August 2017, als rund 1350 kamen. Im September jedoch wendete sich das Blatt: 1400 Tunesier ließen sich mit einem Schlag in Italien registrieren.

Einer beträchtlich höheren Zahl gelang es, sich der Polizei zu entziehen. So zeigt ein Strandvideo auf Sizilien, wie früh am Morgen etwa 50 Schiffsinsassen im Eiltempo an Land waten. Dreißig Minuten später sind alle weg. Das sei ein neuer Trend, der jedoch nichts mit der „blockierten“ Lage in Libyen zu tun habe, „weil die Nationalitäten andere sind“, erklärte Di Giacomo. In den Tunesien-Kuttern sitzen Einheimische aus der Wiege des Arabischen Frühlings, die ihrer Wirtschaftsmisere entkommen wollen.

Tunesiens Führung schweigt sich darüber aus. Zu groß ist die Furcht, ein signifikanter Anstieg des Menschenschmuggels könnte die internationalen Geldgeber verärgern, die mit ihren Krediten das strauchelnde Land auf den Beinen halten.

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