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Referendum: Machtkampf zwischen Katalonien und Spanien

Am ersten Oktober wollen die Katalanen über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Was danach passiert? Weiß niemand. Die Stimmung ist trotzdem ausgelassen.

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  • Am 11. September, dem  katalanischen Nationalfeiertag, demon­strierten in Barcelona  rund 500 000 Menschen für  eine Loslösung von Spanien.  1/6
    Am 11. September, dem katalanischen Nationalfeiertag, demon­strierten in Barcelona rund 500 000 Menschen für eine Loslösung von Spanien. Foto: 
  • Am Rathaus von Sant Sadurní d’Anoya werden die Tage bis zum Referendum gezählt. 2/6
    Am Rathaus von Sant Sadurní d’Anoya werden die Tage bis zum Referendum gezählt. Foto: 
  • Sozialistin Susanna Mèrida glaubt an eine Föderalismus-Reform. 3/6
    Sozialistin Susanna Mèrida glaubt an eine Föderalismus-Reform. Foto: 
  • Der zweite Bürgermeister von Sant Sadurn´s d’Anoya war sein Leben lang für die Unabhängigkeit Kataloniens.  4/6
    Der zweite Bürgermeister von Sant Sadurn´s d’Anoya war sein Leben lang für die Unabhängigkeit Kataloniens. Foto: 
  • Der Präsident des Sekt-Herstellers Freixenet, José Luis Bonet, ist strikt gegen eine Unabhängigkeit.  5/6
    Der Präsident des Sekt-Herstellers Freixenet, José Luis Bonet, ist strikt gegen eine Unabhängigkeit. Foto: 
  • Katalonien 6/6
    Katalonien Foto: 
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Es ist eines dieser Volksfeste, wie sie die Spanier gerne feiern: lärmend, wild und selbstvergessen. Gewaltige Insekten schieben sich durch die Massen, beugen sich hinab und lassen ihre Fühler in Brand stecken, um bengalische Feuer zu versprühen. Unter ihrem Funkenflug tanzt das junge Volk zum Rhythmus dumpfer Samba­trommeln. Immer neue Feuer zischen auf. Rauch erhebt sich und zieht, gelb glühend im Widerschein der Flammen, über die Straßen. Eine fröhliche Apokalypse. Sant Sadurní d’Anoia feiert den Einzug der Reblaus, die 1887 seine Weinberge überfiel. Eine Katastrophe, aus der das Städtchen gestärkt hervorging: Die zerstörten Rebstöcke wurden durch eine neue Traube ersetzt, die seither Grundlage des Cavas, des katalanischen Sektes ist. Heute ist Sant Sadurni Cava-Hauptstadt. Das ist ein Volksfest wert.

Bald wollen sie wieder feiern, am 1. Oktober, dem Tag, an dem die katalanische Regionalregierung ein Referen­dum über die staatliche Unabhängigkeit Kataloniens abhalten will. „Ich werde mit Ja stimmen“, sagt der 20-jährige Roger, der gerade sein Reblaus-Kostüm abgelegt hat, er glüht noch vor Freude. „Ich will, dass Katalonien unabhängig ist.“ Und wenn die spanische Regierung das Referendum verhindern sollte, „dann wird das Volk auf die Straße gehen“.

Wahlhelfer gibt es „mehr als genug“

Seit zwei Jahren regiert in Barcelona ein Bündnis separatistischer Parteien, deren Programm sich auf einen Punkt konzentriert: die Unabhängigkeit Kataloniens in die Wege zu leiten. Am 6. September verabschiedete das Regionalparlament nach fast zwölfstündiger Sitzung ein Referen­dumsgesetz. Während der Abstimmung verließ der Großteil der Opposition den Plenarsaal. Noch in derselben Nacht erließ Regionalpräsident Carles Puigdemont das Dekret, mit dem er das Referendum für den 1. Oktober ansetzte. Ein Sprung ins Nichts ohne Fallschirm, aber voller Begeisterung und mit der Hoffnung auf eine weiche Landung.

„Wir gehen ein Risiko ohne Versicherung ein“, sagt Josep Maria Ribas, der Zweite Bürgermeister von Sant Sadurní. „Wir tun es, weil wir es als richtig empfinden. Aber niemand kann sich sicher sein, nicht die Folgen bezahlen zu müssen.“ Ribas, 56 Jahre alt, ist schon immer Separatist gewesen, auch schon vor
20 Jahren, als nur eine Handvoll Katalanen die Abspaltung von Spanien wollte. Seine Partei, die Republikanische Linke Kataloniens (ERC), habe sich in dieser Sache nicht bewegt, „aber die Gesellschaft hat sich bewegt“.

Was nun am 1. Oktober wirklich geschehen wird, weiß auch Ribas nicht. Er stellt sich einen ganz normalen Wahltag vor. Das Rathaus hat der Regionalregierung schon die vorgesehenen Abstimmungslokale bekannt gegeben, zwei Schulen und drei andere öffentliche Gebäude. Wo die Urnen dafür sind, die die spanische Regierung gerne vorab einsammeln lassen möchte, um das Referendum zu verhindern, weiß Ribas nicht, aber „am Tag der Abstimmung werden sie da sein und die Wahlzettel auch“.
Freiwillige, um die Abstimmung in Sant Sadurní durchzuführen, gebe es „mehr als genug“. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die katalanische Polizei angewiesen, die Volksbefragung zu verhindern. Doch wenn Polizisten kommen sollten, um Urnen und Stimmzettel zu beschlagnahmen, werde es Leute geben, die sich den Beamten entgegenstellen. „Aber auf alle Fälle friedlich.“

Wofür der ganze Kampf?  Dem 12 000-Einwohner-Ort geht es gut, der Sektindustrie sei Dank, „in anderen Gemeinden war die Krise stärker zu spüren“, sagt Ribas. Dennoch, in einem unabhängigen Katalonien „hätten wir eine Verwaltung, die uns näher ist, wir müssten weniger Stufen überwinden, die oben sähen die Probleme von denen unten genauer“. Ribas wichtigstes Argument für die Abspaltung aber sind die Finanzen. Katalonien ist eine der reicheren Regionen Spaniens und muss von seinem Reichtum einiges an die ärmeren abgeben – zu viel aus Sicht der Separatisten. Solche Debatten gibt es in vielen Ländern, auch in Deutschland, aber sie nähren nur selten Unabhängigkeitsträume. „Hier gibt es das Gefühl: Wir sind ein Land, Katalonien ist ein Land. Wir sind nicht Spanier und Katalanen. Beides kann zusammen existieren, aber es vermischt sich nicht“, sagt Ribas und macht eine Geste mit den Händen, die sich so interpretieren lässt: Im Kern gibt es das katalanische Nationalgefühl, darüber liegt der Mantel der spanischen Staatsangehörigkeit. Den will Ribas abschütteln.

„Das verdirbt den Wein“

José Luis Bonet kann dieses Gefühl nicht nachvollziehen. „Wir Katalanen sind Spanier“, sagt der Präsident von Freixenet, dem großen Cava-Produzenten aus Sant Sadurní. „Einige empfinden sich nicht als Spanier oder wollen es nicht sein, aber wir sind es.“ Der 75-Jährige spricht die Worte mit deutlich hörbarem katalanischen Zungenschlag. Bonet ist ein herausragender Vertreter der katalanischen Bourgeoisie, die Katalonien mit ihrem Unternehmergeist zu seiner wirtschaftlichen Führungsrolle gebracht hat. Ein Katalonien außerhalb Spaniens will er sich nicht vorstellen. „Wie ist es besser für Katalonien? Auf eigene Kosten und eigenes Risiko, außerhalb der EU mit einem monumentalen Durcheinander der internationalen Beziehungen – oder innerhalb der EU, als Teil Spaniens mit seiner außergewöhnlichen Verbindung zu Iberoamerika und seiner Präsenz im internationalen Konzert der Nationen?“ Und außerdem, wiederholt er, „sind wir Katalanen genauso wie die anderen“. Die Spanier, versteht sich.

Bonet ist einer der wenigen katalanischen Unternehmer, die klar und öffentlich Position beziehen. Die Chefs anderer Sektkellereien in Sant Sadurní lehnen ein Gespräch höflich ab. „Das Referen­dumsthema ist kompliziert“, lässt einer von ihnen mitteilen. „Ich mische nicht gern Geschäft und Politik. Das verdirbt gewöhnlich den Wein“, schreibt ein anderer. José Luis Bonet erahnt die Gründe ihrer Zurückhaltung. „Freixenet hat Schaden davongetragen, weil ich öffentlich gesagt habe, was ich denke“, erklärt er. Seine Firma wurde von beiden Seiten bedrängt. Einmal von spanischen Nationalisten, die vor Jahren zum Boykott des Cavas als Inbegriff eines katalanischen Produkts aufriefen. Später von katalanischen Nationalisten, die Bonets separatismuskritischen Diskurs mit Kaufentzug bestraften. „Freixenet macht 80 Prozent seines Geschäfts außerhalb Spaniens. Wenn Katalonien unser wichtigster Markt wäre, hätte ich nicht laut aussprechen können, was ich denke.“

So aber spricht Bonet. „Wir müssen im Dialog bleiben“, sagt er immer wieder. Auch er hat die Parlamentsdebatte über das Referendumsgesetz verfolgt, er fand sie „erbärmlich“. Die Schuld gibt er den separatistischen Parteien, die den Dialog mit dem Gegenüber vergessen hätten. Sie verstünden nicht, dass man „die demokratischen Formen wahren“ müsse. Sie behaupteten, dass Demokratie dasselbe wie Abstimmen sei. „Aber Demokratie ist Abstimmen mit Regeln.“ Weil er an Regeln glaubt, kann sich Bonet auch nicht vorstellen, dass es am
1. Oktober in Katalonien ein Referendum „im ernsthaften Sinne des Wortes“ geben wird, zumal das spanische Verfassungsgericht das Referendumsgesetz inzwischen gekippt hat. So oder so ärgert sich der Freixenet-Chef über die „Anomalie des jetzigen Moments“. „Wenn man seine Energie in sinnlose Dinge steckt, verliert man seine Kraft.“ Die Separatisten verkauften die Unabhängigkeit „mit viel Seele“, das gesteht Bonet ihnen zu, „aber sie haben kein gutes Produkt“.

Angesichts derart konträrer Positionen könnte man meinen, die Stimmung sei angespannt in Sant Sadurní d’Anoia. Dem ist nicht so. Die Einen, wie der Zweite Bürgermeister Ribas, schreiben das ihrer Friedfertigkeit zu, die Anderen, wie Bonet, dem Umstand, „dass die Leute den Mund halten“. Keiner hat Lust auf Streit im Freundes- und Familienkreis. Die Minderheit der Referendumsgegner hat sich damit abgefunden, dass ein Transparent am Rathaus die Wochen bis zum Referendum zählt.

Es gibt noch Leute, die glauben, dass sich zwischen Separatisten und Unionisten Brücken bauen lassen. Zu denen gehört Susanna Mèrida, die Sozialistenchefin in Sant Sadurní. Sie ist überzeugt, dass Katalonien mit einem erneuerten Föderalismusmodell seinen Platz in Spanien finden könnte. Viel Gehör findet sie damit nicht: „Es ist schwierig, unsere Botschaft in solch polarisierten Zeiten unterzubringen.“ Sollte das Referendum stattfinden, wird sie zuhause bleiben, „ich kann nicht an etwas teilnehmen, das nicht legal ist“. Sie hofft nur, dass keine Polizei auftaucht, um die Urnen zu konfiszieren. „Das würde den Konflikt verschärfen.“ Der Lärm, der sich dann in Sant Sadurní erhöbe, wäre kein festlicher mehr.

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