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Olympia in Sotschi: Mancher Platz bleibt leer, Putin gibt sich ungerührt

Menschenrechtsverletzungen, massive Umweltschäden und ein autoritärer Präsident: Kein Sportfest der jüngeren Geschichte ist so heftig in Frage gestellt worden wie die Olympischen Spiele in Sotschi.

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Ein Interview nach dem anderen in der Olympiastadt Sotschi (russisch Sochi): Präsident Putin setzt sich fast täglich in Szene.  Foto: 

"Wir Sportler lassen uns die Laune von so etwas nicht verderben", sagt Swetlana Boldykowa, russische Snowbordhoffnung bei den am 7. Februar beginnenden Winterspielen mit Blick auf fernbleibende westliche Regierungschefs. Für sie ist viel wichtiger, dass niemand beabsichtigt, Sportler aus Protest gegen Wladimir Putins Politik zu Hause zu lassen.

Dennoch: Kein Sportfest der jüngeren Geschichte ist so heftig in Frage gestellt worden wie diese Spiele. Dabei stehen nicht nur massive Menschenrechtsverletzungen unter dem russischen Präsidenten in der Kritik, sondern auch das rabiate Vorgehen am Austragungsort. Die Bauwut in Sotschi, das mit seinem subtropischen Klima ohne Rücksicht auf die Umwelt zum Wintersportparadies umgemodelt worden ist, traf viele dort lebende Menschen, die ihre Häuser verloren, mit voller Wucht. Für den Bau der Anlagen sollen 100.000 Arbeiter unter anderem aus Zentralasien im Einsatz gewesen sein. Viele warteten vergeblich auf ihren Lohn, sagen Menschenrechtler, zudem seien sie oft gewaltsam ausgewiesen worden.

Mehrere westliche Spitzenpoliker entschieden sich daher, das mit 40 Milliarden Euro teuerste Sportereignis aller Zeiten zu meiden. US-Präsident Barack Obama schickt die lesbische Ex-Tennisspielerin Billie Jean King und zeigt so, wie sehr ihm das Anti-Schwulen-Gesetz missfällt, das in Russland verbietet, "nichttraditionellen Sex gegenüber Minderjährigen zu propagieren". Auch Bundespräsident Joachim Gauck bleibt Sotschi fern, ebenso Frankreichs Staatschef François Hollande, der britische Premier David Cameron, die litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite, ihr estnischer Kollege Toomas Hendrik Ilves und EU-Justizkommissarin Viviane Reding. Wie Gauck nannten viele von ihnen keinen Grund, doch jeder weiß, warum sie nicht kommen. "Man kann nicht nach Sotschi fahren, sich neben Putin setzen, und so tun, als hätte das alles nichts mit dem von ihm geschaffenen Polizeistaat zu tun", sagt Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow. "Es ist gut, wenn Plätze in den Stadien leer bleiben, vor allem VIP-Plätze, wo Präsidenten und Premiers sitzen sollen."

Das sieht der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach anders: "Ich finde, wenn Politiker eine politische Botschaft haben, dann sollten sie auch den Mut haben, diese Botschaft im direkten Dialog mit den politisch Verantwortlichen vorzubringen und sie nicht auf dem Rücken der Athleten transportieren."

Die Opposition in Russland ist sich bewusst, dass der Westen einen "weichen Boykott" veranstaltet. Aber außer Kasparow sprechen sich die meisten Sotschi-Kritiker gegen einen totalen sportlichen Boykott aus. Der ebenso wie die Pussy-Riot-Musikerin Nadeschda Tolokonnikowa im Vorfeld der Spiele überraschend freigelassene Ex-Oligarch Michail Chodorkowski findet, man dürfe nicht Millionen Menschen das Sportfest verderben. Ex-Vizepremier Boris Nemzow, der mehrere Studien über die Geldverschwendung im Vorfeld der Spiele herausgab, sagt: "Putins Spiele sind ein Festival der Korruption - und man muss die Diebe bestrafen. Aber nicht die Sportler und die Fans."

Und so zielen in Russland die meisten Initiativen darauf, die weltweite Aufmerksamkeit zu nutzen, um gegen die Missstände zu protestieren. Russische Gay-Aktivisten schlagen ausländischen Sportlerinnen vor, sich die Fingernägel regenbogenfarbig zu lackieren. Der Moskauer Bürgerrechtler Wadim Korowin appelliert an Zuschauer und Athleten: "Tragt weiße Bänder, wie die Teilnehmer der Protestbewegung 2011 und 2012, von denen nach der Anti-Putin-Demonstration im Mai 2012 viele im Gefängnis gelandet sind."

Putin selbst gibt sich ungerührt. "Beachten Sie, dass nichtradionelle sexuelle Orientierung in Russland kein Straftatbestand ist. In 70 Ländern der Welt wird Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in 7 Ländern mit der Todesstrafe", dozierte er jetzt in einem TV-Interview. "Bedeutet das etwa, dass wir alle großen internationalen Sportveranstaltungen in diesen Ländern verbieten sollen?" Putin tadelte vor allem amerikanische Kritiker: In mehreren US-Staaten stehe Homosexualität unter Strafe, eine vom Wahrheitsgehalt eher peinliche Behauptung.

Viele Beobachter vermuten, der Präsident kümmere sich nur noch bedingt um sein Image im Westen. Sergei Dawidis vom Kooperationsrat der russischen Opposition widerspricht: "Die Staatsmacht hat so viel propagandistische und finanzielle Mittel in diese Spiele gesteckt, dass jeder abwesende ausländische Spitzenpolitiker den vollkommenen Prestige-Erfolg schmälert."

Putins Gefolge spielt die Lage herunter. Wichtig seien die Athleten, meint der russische NOK-Chef Alexander Schukow. Die Abwesenheit einiger Staatschefs schmälere die Bedeutung der Spiele nicht. Der kremlnahe Politologe Alexei Muchin vermerkt, die westlichen Führer würden nur der Motivation ihrer Sportler schaden. "Unsere Athleten betonen ja immer wieder, wie viel es für sie bedeutet, wenn Wladimir Putin persönlich anwesend ist."

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