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Männermangel in Grundschulen: Allein unter Frauen

Männliche Lehrkräfte für Kinder in Grundschulen sind die Ausnahme. Das hat vor allem bei Jungen Auswirkungen auf die Entwicklung. Es gibt Versuche, das zu ändern.

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Die Ausnahme im Klassenzimmer: Männliche Lehrer sind an Grundschulen rar.  Foto: 

Wenn Jungs auf dem Pausenhof raufen und ringen, sehe er das gelassener als manche Kollegin, sagt Thomas Boss. Seit 2002 steht er vor der Klasse. Er unterrichtet derzeit als Grundschullehrer in der Albecker-Tor-Schule in Langenau (Alb-Donau-Kreis). In seinem Beruf ist er eine Ausnahme: Zu Hause, in der Kita, in der Schule – in der Kindheit dominieren oft die Frauen. „Die Kinder reagieren stark auf mich. Meine Aufmerksamkeit wird von den Jungs, aber auch von den Mädels gesucht“, erzählt Boss. „Ich habe das Gefühl, dass gerade Jungs eine männliche Bezugsperson brauchen.“ Im Sportunterricht sei es ähnlich wie auf dem Pausenhof: „Die Jungs versuchen zu provozieren, testen Grenzen aus. Wenn man das zu früh unterbindet, können die Kinder gewisse Erfahrungen nicht machen.“ Auf den richtigen Zeitpunkt, um einzugreifen, komme es daher an.

In Deutschlands Grundschulen sind fünf von sechs Lehrkräften weiblich. Da auch in den Kitas fast nur Frauen beschäftigt sind, bekommen es viele Kinder bis zur Pubertät kaum mit Männern zu tun, zumal wenn die Mutter alleinerziehend ist. Forscher beklagen, dass vor allem Jungen Rollenvorbilder fehlen. Sie orientieren sich an älteren Geschlechtsgenossen – was vielen gar nicht gut bekommt.

„Männer als Vorbilder würden manche Jungen beflügeln“, ist der Jugendforscher Klaus Hurrelmann überzeugt. Die größten Probleme gibt es seiner Meinung nach, wenn der Vater fehlt. Aber wie kann man mehr Männer für den Beruf des Grundschullehrers begeistern? Man habe zwar „keine Werbekampagne“ gestartet, sagt Kai Gräf, Sprecher des baden-württembergischen Kultusministeriums. Dafür setze man aber bei der Berufsorientierung an. Ein Beispiel ist der 2011 eingeführte Jungen-Zukunftstag, der sogenannte Boys‘ Day, das Pendant zum zehn Jahre länger bestehenden Girls‘ Day. Er ermöglicht es Jungen, in Bereiche wie Erziehung und Pflege reinzuschnuppern. Zudem gibt es Workshops, bei denen Jungen lernen, männliche Rollenbilder zu reflektieren und das Modell des männlichen Alleinverdieners kritisch zu hinterfragen. Fast 225 000 Jungen haben bisher schon daran teilgenommen. 

Einen einfachen Weg, die Kollegien zumindest vorübergehend etwas mehr zu durchmischen, hat die Universität Bremen gefunden. Sie „vermietet“ Lehramtsstudenten an die Einrichtungen. „Rent a Teacher“ heißt das Projekt unter der Regie des Erziehungswissenschaftlers Christoph Fantini. Der sagt: „Wenn Kinder in der Kita und in der Grundschule nicht auf einen einzigen Mann treffen, entstehen stereotype Bilder in ihren Köpfen. Sie denken, Männer sind stark und machen was mit Maschinen. Frauen sind schlau, und deshalb können sie studieren und Lehrerin werden.“ Fantini will dieses Denken aufbrechen und zeigen, dass es normal ist, wenn auch in den unteren Klassen Männer Kindern etwas beibringen.

Maresi Lassek, Bundesvorsitzende des Grundschulverbands, unterstützt diesen Ansatz. „Gerade in Ganztagsschulen bietet es sich an, Schüler von benachbarten Oberschulen Arbeitsgruppen leiten zu lassen und so ihr Interesse am Beruf des Grundschullehrers zu wecken“, sagt sie. Ihrer Einschätzung nach haben männliche Pädagogen vielfach andere Interessen als ihre Kolleginnen. „Sie interessieren sich oft mehr für digitale Medien, für Handwerkliches, für Sport als Frauen. Das muss nicht immer so bleiben, aber bisher war das die Regel“, berichtet sie.

Sie sieht auch unterschiedliche Weisen, den Unterricht zu gestalten. „Männer neigen dazu, ihren Schülern mehr Freiräume und mehr Selbstverantwortung zu geben als ihre Kolleginnen. Natürlich ist das von Fall zu Fall unterschiedlich, aber eine solche Tendenz sehe ich schon“, sagt sie. Und sie plädiert noch in einer weiteren Hinsicht für eine bessere Durchmischung der Lehrkörper: „Wir können so auch Modelle schaffen für Teamarbeit zwischen Männern und Frauen. Viele Kinder kennen das ja gar nicht.“

Lehrer Sebastian Wind aus dem brandenburgischen Hennigsdorf hat da eine sehr positive Erfahrung gemacht. Seine Lehrerkarriere begann er an einer Schule, an der außer ihm nur Frauen beschäftigt waren. „Ich war ganz überrascht davon, wie herzlich ich dort aufgenommen wurde“, sagt er. Die haben sich richtig gefreut, dass jetzt ein Mann dabei ist.“


Bildungsforscher Prof. Klaus Hurrelmann hält es für geboten, mehr männliche Lehrkräfte an Grundschulen zu holen. Hier geht es zum Interview.

Bundesweit ist der Anteil der in Vollzeit beschäftigten Grundschulpädagogen gesunken. Vor zehn Jahren waren es noch 20,9 Prozent, heute sind 16,5 Prozent der  rund 105.000 Grundschulpädagogen Männer.

Baden-Württemberg liegt laut Kultusministerium mit 18,9 Prozent über dem Schnitt; Haupt- und Werkrealschulen werden hier mitgerechnet. Hier stieg auch die Zahl der männlichen Grundschullehramts-Studenten, von 213 im Jahr 2014 auf 836 (2016).

Prozent. So niedrig ist der Männer-Anteil an den Lehrkräften in Grundschulen. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht, aber es gibt Projekte, die um Männer werben.

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Kommentare

05.10.2017 12:37 Uhr

Es krankt bereits an der Zulassung zum Studium

Denn hier wird v.a. nach Abi-Schnitt aussortiert. Gerade beim Grundschullehramt gibt es den höchsten Numerus Clausus und Jungs, die erfahrungsgemäß eher einen etwas schlechteren Schnitt haben als Mädels, werden eben schon da aussortiert. Mit Abi-Schnitt 3,0 besteht leider für Jungs keine Chance mehr, den Wunschstudiengang Grundschullehramt zu belegen. Das musste mein Sohn bei drei Bewerbungsversuchen erfahren. Er hat sich inzwischen umorientiert. Schade. Wieder ein engagierter, männlicher Grundschullehrer weniger für die Zukunft.

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