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Drogenfund bei Allgäuer Polizei - Fall strahlt weit über Kempten hinaus

Eine ganz besondere Art von Schnee beschäftigt derzeit die Allgäuer Polizei: Im Spind des obersten Drogenfahnders in Kempten wurden 1,6 Kilo Kokain gefunden. Der Fall strahlt weit über Kempten hinaus.

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Kokain im Wert von 250 000 Euro lag im Spind eines Drogenfahnders.  Foto: 

Ein Hilferuf wegen häuslicher Gewalt hat eine Lawine in Gang gesetzt, deren Materie eine ganz besondere Art von "Schnee" ist. Die Rede ist von Kokain, dem weißen Gift, das in der Szene wegen seiner Farbe "Schnee" genannt wird. 1,6 Kilogramm davon wurden im Spind am Arbeitsplatz des obersten Drogenfahnders der Kemptener Kriminalpolizei gefunden.

Mehr oder weniger zufällig, weil der 52-jährige Beamte in der Nacht auf vergangenen Samstag so heftig auf seine Frau eingeschlagen haben soll, dass Nachbarn trotz der nachtschlafenden Zeit um 2.30 Uhr den Notarzt riefen - und die Polizei dazu. Vor Jahren war der Beamte schon einmal in Verdacht geraten, seine Frau geschlagen zu haben. Damals aber hätten die "Umstände keinen Anlass zu strafrechtlichen oder disziplinarischen Konsequenzen" gegeben. Jetzt aber liegt der Fall anders, der Vorwurf lautet versuchter Totschlag.

Als wäre das nicht schon genug, kommt der Verdacht hinzu, dass der oberste Drogenfahnder selber mit Drogen gehandelt haben könnte. Oder selber konsumiert. In jener Nacht, so scheint es, stand er nach Informationen der SÜDWEST PRESSE unter dem Einfluss von Drogen, was schließlich auch zur Überprüfung seines Arbeitsplatzes im Kommissariat in Kempten führte, in deren Verlauf die 1,6 Kilogramm Kokain in seinem Spind gefunden wurden. Eine Menge, die im Übrigen weit über dem liegt, was im gesamten Jahr 2012 in dem von Oberstdorf bis Neu-Ulm reichenden Präsidiumsbereich an Kokain beschlagnahmt wurde: gerade einmal 366 Gramm.

Die Aufregung ist entsprechend groß im Allgäu. Polizeipräsident Hans-Jürgen Memel spricht von einer "Katastrophe" und einem "Supergau", und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat am Mittwoch im Innenausschuss des Landtags eine schnelle und lückenlose Aufklärung versprochen. Der Fall zieht Kreise, hat eine politische Dimension und vor allem Verästelungen, die ihn über die Frage hinaus interessant machen, woher die große Menge an Rauschgift kommt.

Beim Umschlag von Drogen spielt das Allgäu eine dem lieblichen Landstrich nicht zugedachte Rolle. Immer wieder gab es Verbindungen über die Alpen hinweg nach Italien, von der Mafia ist die Rede und vom Rückzugsgebiet der kalabrischen Ndrangheta. Mit dem Aufbau des von Oberstdorf bis Neu-Ulm reichenden neuen Polizeipräsidiums in Kempten, kam die Spezialeinheit der Kriminalpolizei zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität aber an die Donau, wo seinerzeit eine Hochburg des extremen Islamismus ausgemacht war.

Die neue Struktur, die auch für die Reform in Baden-Württemberg Pate stand, hat schon oft zu Rivalitäten und Eifersüchteleien unter den Ermittlern geführt. Die Drogenfahnder in Kempten sahen die Kollegen aus Neu-Ulm nicht immer gerne. Tatsächlich haben die intern immer wieder mehr Effektivität in der Rauschgiftbekämpfung im Allgäu angemahnt. Beispielsweise nach einer Großrazzia im Herbst, als bei der Durchsuchung von 33 Objekten nur wenige Gramm Haschisch und Kokain gefunden worden waren.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Skandal um den verhafteten 52-jährigen Drogenfahnder aus Kempten eine noch größere Brisanz. Zumal, weil seit dessen Inhaftierung immer mehr Spekulationen aufkommen, dass jener hochrangige Beamte an der Suspendierung zweier Drogenfahnder der ungeliebten Neu-Ulmer Spezialeinheit nicht ganz unbeteiligt gewesen sein könnte.

In den Jahren 2012 und 2013 hat die Neu-Ulmer Dienststelle verdeckt und umfangreich in der Drogenszene im Allgäu recherchiert. Durchaus erfolgreich, schließlich konnte ein Dealer - ein Italiener - überführt und zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt werden. Allerdings hatte sich einer der Neu-Ulmer Beamten, der die Hauptarbeit leistete, dabei in die Ex-Freundin des Verdächtigen verliebt und war trotz der laufenden Ermittlungen ein Verhältnis mit ihr eingegangen. Aufgedeckt wurde der ungewöhnliche Fall von dem Kommissariat in Kempten, dem der jetzt verhaftete leitende Beamte vorstand.

Der damals geäußerte Verdacht des Verrats von Dienstgeheimnissen praktisch auf dem Liebeslager, hat sich allerdings in Luft aufgelöst. Strafrechtlich ist das Verfahren sowohl gegen ihn wie gegen seinen früheren Vorgesetzten, den Leiter der Spezialeinheit in Neu-Ulm, ergebnislos beendet worden. Gegen beide konnte kein Nachweis geführt werden, dennoch laufen weiterhin die Disziplinarverfahren, die zumindest bei dem mit Bestnoten ausgezeichneten Neu-Ulmer Ermittler das Ziel verfolgen, ihn aus dem Polizeidienst zu entfernen.

Noch ist in dem Zusammenhang unklar, welche Rolle das Kemptener Drogen-Kommissariat bei der Suspendierung der Neu-Ulmer Beamten gespielt hat. Nach früheren Berichten der SÜDWEST PRESSE soll eine weitere Frau im Spiel sein, deren Zeugenaussage offenkundig die Munition für die disziplinarische Maßnahme und die Suspendierung geliefert hat. Um wen es sich dabei handelt, welche Rolle diese Frau spielt und wie deren Aussage zustande kam, liegt noch weitgehend im Dunkeln.

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