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Die Mafia regiert mit

Neue Erkenntnisse über Verbindungen zwischen Mafia und Politik in Rom halten ganz Italien in Atem. Auch der frühere Bürgermeister Gianni Alemanno zählt zu den Verdächtigen. Es gab Razzien und Festnahmen.

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Ignazio Marino, Bürgermeister von Rom, sagt der Mafia den Kampf an. In den aktuellen Mafia-Skandal ist auch sein Vorgänger verstrickt.  Foto: 

Jeden Tag vermelden die italienischen Behörden routinemäßig Festnahmen, Beschlagnahmungen und Untersuchungen gegen die Mafia. Das reißt in Italien niemanden mehr vom Hocker. Doch was sich seit Tagen in der Hauptstadt Rom abspielt, hat eine besondere Qualität. Die spektakulären Ermittlungen gegen dutzende Politiker, Mafiabosse und Unternehmer zeigen, dass die Mafia in der Hauptstadt lange Zeit quasi mitregierte und werfen erneut einen Schatten auf das krisengeplagte Land.

Bisher wurden 37 Menschen festgenommen, rund 100 werden insgesamt verdächtigt. Durchsucht wurde auch das Haus des ehemaligen, rechten Bürgermeisters von Rom, Gianni Alemanno. Er und andere Politiker, darunter auch von der sozialdemokratischen Partei PD von Premier Matteo Renzi, sollen mit der "Mafia Capitale" unter einer Decke gesteckt haben. Renzi entließ umgehend örtliche Parteispitzen und zeigte sich schockiert. Italiens Außenminister Paolo Gentiloni nannte die Sache "beschämend". Alemanno, der bis 2013 im Amt war, weist alle Vorwürfe von sich.

Spektakulärster Fang ist der römische Mafiaboss und ehemalige neofaschistische Terrorist Massimo Carminati. Weil er bei einer Schießerei ein Auge verloren hat, wird er "der Einäugige" genannt oder auch "der letzte König von Rom".

Mafiosi sollen unter anderem Politiker bestochen haben, um an öffentliche Aufträge zu kommen. Auch haben sie mit der Unterbringung von Flüchtlingen kräftig verdient. Die Polizei beschlagnahmte Güter im Wert von mehr als 200 Millionen Euro, darunter auch Werke von Andy Warhol oder Jackson Pollock. "Auch die Leute in der Oberwelt haben ein Interesse daran, dass einer in der Unterwelt das macht, was niemand sonst machen will", sagt Carminati in einem abgehörten Gespräch, das die Presse verbreitete.

"Kriminelle Aktivitäten in Rom hat es immer gegeben. Aber bis jetzt sind sie unterschätzt worden", sagte der Chef der Anti-Korruptionsbehörde, Raffaele Cantone, der Zeitung "La Stampa".

Roms sozialdemokratischer Bürgermeister Ignazio Marino kündigte an, alle verdächtigen öffentlichen Aufträge zu prüfen und Transparenz zu schaffen. Auch wenn ihn die Ermittlungen nicht treffen: Neben anderen Problemen wie dem täglichen Verkehrskollaps oder der Vermüllung der Hauptstadt hat er nun eine weitere Baustelle.

Die Ermittlungen zeigen, dass die Mafia schon lange kein regional begrenztes Problem mehr ist. Die römische Mafia ist unabhängig von der Cosa Nostra in Sizilien, der 'Ndrangheta in Kalabrien oder der Camorra um Neapel entstanden. Längst haben die Clans ihre Macht auch im Norden Italiens und über die Landesgrenzen hinaus ausgebaut.

Experten warnten diese Woche in Brüssel vor dem langen Arm der Mafia in ganz Europa. "Wir bitten Europa, nicht den gleichen Fehler wie einige Regionen in Italien zu machen, als sie die Existenz der Mafia in Mailand ignorierten", sagte Rosy Bindi, Vorsitzende des Anti-Mafia-Ausschusses im italienischen Parlament. Passend zum Skandal in Rom kam jetzt auch die Veröffentlichung der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, wonach Italien das korrupteste Land in der Eurozone ist. Die Nachricht war im Strudel der römischen Ermittlungen allerdings nur eine Randnotiz.

Minister und Bürgermeister

Rechtspolitiker Der Mafia-Skandal in Rom betrifft vor allem die Zeit, als Gianni Alemanno Bürgermeister war. Er gehört der rechten Partei "Brüder Italiens - Nationale Allianz" an. Unter Silvio Berlusconi gehörte er von 2001 bis 2006 als Landwirtschaftsminister der italienischen Regierung an. 2008 wurde er zum Bürgermeister der Hauptstadt gewählt. Seine Amtszeit bis 2013 war von Affären überschattet. eb

SWP

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