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Bahn-Debakel an der Rheintalstrecke: Das große Ausweichen

Die wichtige Rheintalstrecke ist seit 12. August blockiert. Das Debakel in Rastatt hat für Bahnfahrer und den Güterverkehr viele Nachteile. Mancher profitiert aber.

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  • Zur Stabilisierung der Rheintalbahn wird auf  150 Metern Länge Beton  in die Tunnelröhre gefüllt.  1/2
    Zur Stabilisierung der Rheintalbahn wird auf 150 Metern Länge Beton in die Tunnelröhre gefüllt. Foto: 
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    Blick unter die Erde Foto: 
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Der hinkende Rentner schimpft wie ein Rohrspatz. „Ich hätte einen Rollstuhl gebraucht, aber so etwas gibt es hier nicht“, ärgert sich der 91-Jährige, der auf der Reise von Leipzig an den Bodensee in Rastatt den Zug verlassen musste. Auch eine betagte Dame, „hundertprozentig schwerbehindert“, ist mit den misslichen Umständen unzufrieden. Aber: Es gibt ja Helfer wie Jens-Uwe Kreis (51). „Er ist unser Retter“, sagen die beiden Reisenden. Kreis ist „Reisendenlenker“. Er hält am Bahnsteig Ausschau nach Passagieren, die Unterstützung brauchen, und sorgt mit Feingefühl dafür, dass sie ihr Ziel erreichen.

Die Rentner besteigen einen der Busse, die täglich bis zu 30.000 Personen zwischen Rastatt und Baden-Baden befördern. Diese Notlösung funktioniert erstaunlich gut. An den ersten beiden Tagen der Vollsperrung profitierten noch Taxen vom Zwangshalt. „Jetzt warte ich seit fast vier Stunden auf einen Fahrgast“, klagt ein Fahrer. 

Am 12. August waren Wasser und Erdreich in eine Tunnelröhre knapp fünf Meter unterhalb der Rheintalstrecke bei Rastatt eingedrungen. Die Gleise sackten ab. Manchem Busbesitzer hat dieses Debakel neue Aufträge beschert. Aber, erklärt Klaus Zimmermann vom Verband baden-württembergischer Busunternehmer, die kurzfristige Verlagerung von Fahrzeug und Personal sei arg begrenzt. Die Pläne seien „auf Kante genäht“. Derzeit werde schon wegen der gesperrten Gäubahn (Stuttgart – Singen) „Schienenersatzverkehr in erheblichem Ausmaß“ geleistet. Viele Firmen seien in den Ferien auch unterwegs auf Fernreisen. „Da wird alles gebraucht, was Räder hat“, sagt Zimmermann, „da setzt sich auch der Chef selber hinters Steuer“.

Für Beförderer wie Contargo mit Filiale in Mannheim zahlt sich jetzt aus, dass der Wegfall der Bahn mit trimodaler Ausrichtung auf Wasser und Straße kompensiert wird. Die Schiffskapazität am Oberrhein wurde um 45 Prozent erhöht, zusätzlich sollen 200 Lkw eingesetzt werden.

Aber Andrea Marongiu, Geschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL), kritisiert die Informationspolitik der Bahn. Gerade Logistiker müssten verlässlich planen können. Insofern begrüßt er, dass es mit dem 7. Oktober endlich ein Datum für die Wiederaufnahme der Trasse gebe, auch wenn „ein bisschen Bauchschmerzen da sind“, ob der Termin gehalten werden kann.

Auf dem Rhein etwa sieht er noch Kapazitäten. Die Verladehäfen Kehl und Basel hätten bereits „zusätzliche Schichten beim Personal ergänzt“ und die „Umschlagmenge drastisch erhöht“. Auf die Straße auszuweichen hingegen sei „keine Freude“, die Autobahn 5 sei „ohnehin schon gut befahren“. Die wirkliche Herausforderung beginne ohnehin erst mit dem Ferienende, wenn der Berufsverkehr wieder zunehme.

Über Schäden kann auch der Chef des Industrie- und Handelskammertages Baden-Württemberg (IHK), Wolfgang Grenke, nichts sagen. Daimler habe gemeldet, dass es in der Region „im Großen und Ganzen noch gut gehe“. Für den Verkehrsexperten beim IHK-Pendant auf Bundesebene, Dirk Binding, zeigt sich bei der international  bedeutenden Magistrale wie der Rheintaltrasse, wie wichtig  eine „funktionstüchtige, leistungsfähige und effiziente Verkehrsinfrastruktur“ für die europäischen Unternehmen sei, „um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können“. Rastatt beweise, „dass die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland seit langem an ihre Leistungsgrenzen stößt“.

Auch Wolfgang Grenke findet, „dass man den Ausbau auf vier Gleise auf der Trasse deutlich früher hätte angehen müssen“. Für Großprojekte müsse es einen Notfallplan geben.

Ungewöhnlichen Verkehr verursacht die Sperrung in Baden auf der Neckar-Alb-Bahn. Die zwischen Tübingen und Horb verkehrenden Güterzüge – rund um die Uhr 30 bis 35 – sorgen bei Anwohnern für Unmut. So mancher Pendler ist zudem genervt, weil auf der Strecke zugunsten des Güterverkehrs Personenzüge ausfallen, stattdessen fahren Busse.

Doch des einen Leid, ist des anderen Lust. „Es kommen sogar Leute aus Belgien, Frankreich und Italien, um zu fotografieren“, sagt Eisenbahn-Enthusiast Jörg Aichele. Dieselloks seien vor E-Loks gespannt. „Das gibt es so eigentlich nirgends – schon gar nicht fahrplanmäßig“, sagt Aichele.

VSL-Chef Marongiu glaubt, die Bahn werde auch viel Arbeit haben, wenn die Trasse wieder frei sei. Sie müsse Vertrauen wiedergewinnen – bei Kunden, die nun ausweichen mussten. Und bei solchen, „die überlegt haben, auf die Schiene zu wechseln, nun aber abgeschreckt sein könnten“.

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