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Welterbe: Wo der Mensch die Kunst erfand

Sechs Höhlen der Schwäbischen Alb, die Fundorte der Eiszeitkunst, stehen jetzt auf der Unesco-Liste. Der Jubel ist groß: „Das Land Baden-Württemberg ist extremely happy.“

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Der Archäologe Nicholas Conard steht vor dem „Vogelherd“ bei Niederstozingen: Die sechs Höhlen der Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb gehören seit gestern zum Welterbe der Unesco.  Foto: 

Kurz vor dem Lunch rief der Chairman noch den Tagesordnungspunkt „Caves and Ice Age Art in the Swabian Jura (Germany)” auf – mit dem Aktenvermerk 41 COM 8B.24. Dreizehn Minuten später, um 12.39 Uhr, gehörten die sechs Höhlen der Schwäbischen Alb, Fundorte der Eiszeitkunst, zum Weltkulturerbe.

Eine Sitzung des Welterbe-Komitees der Unesco darf man sich ein bisschen als einen gnadenlos bürokratischen wie geheimnisvollen European Song Contest vorstellen, nur dass die ganze Welt dabei ist und niemand singt. Es gibt Nationen, die Nominierungen für die Liste das Welterbes abgeben, Experten tragen ihre Expertisen vor, dann verteilen die aktuellen Mitglieder des Komitees zwar keine Punkte, aber Kommentare, Grüße und im besten Falle Glückwünsche. Und am Ende jubelt der Sieger. Wie am Sonntagmittag Deutschland. Die Alb-Höhlen sind die 42. Welterbe-Stätte in der Bundesrepublik, nach dem Aachener Dom, der Klosterinsel Reichenau, dem Wattenmeer oder der Altstadt von Bamberg.

Eine etwas seltsame Gremienveranstaltung also, diese Tagung des Welterbe-Komitees im polnischen Krakau, wie man in der Live-Übertragung auf dem YouTube-Kanal sehen konnte. Egal. Nach der gründlichen wie positiven Evaluierung des Antrags durch die Denkmalschutzorganisation Icomos hatte schon Zuversicht geherrscht. Vertreter aus Simbabwe, Südkorea, Tansania und auch den Philippinen zeigten sich beeindruckt von der „spektakulären Nominierung“. Dann war’s gelaufen. Claus Wolf vom Landesamt für Denkmalpflege versicherte in Krakau, dass das Land Baden-Württemberg „extremely happy“ sei. In der Heimat sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann: „Die einzigartigen Fundstätten auf der Schwäbischen Alb zeigen, dass die Wiege der Kunst und der Musik im Ach- und Lonetal zu finden ist.“

Was gemeint ist: Vor rund 40 000 Jahren hat der moderne Mensch (Homo sapiens sapiens) begonnen, figürliche Plastiken und Musikinstrumente aus Mammut-Elfenbein und Vogelknochen zu schnitzen. Das ist nicht nur ein archäologisches Ereignis. Die Fundorte, sechs Höhlen auf der Schwäbischen Alb, sind Stätten von „außerordentlich universellem Wert“ und gehören deshalb jetzt zum Welterbe.

Es sind der Hohlenstein (mit dem weltberühmten Löwenmenschen), die Vogelherdhöhle und die Bocksteinhöhle im Lonetal sowie das Geißenklösterle, die Sirgensteinhöhle und der Hohle Fels (Schöpfungsort der Venus, der ältesten Frauenfigur der Welt) im Achtal. So freuen sich besonders der Alb-Donau-Kreis und der Landkreis Heidenheim; die Funde freilich sind auf fünf Orte verteilt, auf das Landesmuseum in Stuttgart, das Museum der Universität Tübingen, das Urgeschichtliche Museum Blaubeuren, das Museum Ulm (Löwenmensch) und den Archäopark bei Niederstotzingen.

Nicholas Conard von der Universität Tübingen und Claus-Joachim Kind, Referent für Steinzeitarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, die zahlreiche Grabungskampagnen auf der Alb geleitet haben, stehen nun am Ziel ihrer Träume. Für September hat der Theiss-Verlag ihr gemeinsames Buch „Als der Mensch die Kunst erfand“ annonciert. Der vorläufige Werbeslogan „Die Höhlen sind nominiert für das Unesco-Weltkurerbe“ kann jetzt geändert werden.

Welterbe: Schwäbische Wiege der Kunst

Freihandel oder Klimaschutz: Während sich die Staatschefs beim G20-Gipfel im krawall­umtosten Hamburg um Kompromisse abmühten, sorgte sich die Unesco in Krakau ums Welterbe. Also um das, was die Menschheit von unschätzbarem Wert wirklich hervorgebracht hat, was geschützt und bewahrt werden muss – um das, was bleibt. In gerade mal 13 Minuten war sich das Welt­erbe-Komitee der Vereinten Nationen gestern einig und setzte die Höhlen der Schwäbischen Alb, Fundorte der Eiszeitkunst, von Löwenmensch oder der Venus, auf die Liste. Die Realpolitik und das Universelle, ein apartes Zusammentreffen der Ereignisse.

Auf der Schwäbischen Alb hat der Mensch die Kunst erfunden, hier lebte er nicht mehr von der Jagd allein. Ein großes Wort, aber zutreffend nach dem Stand der Forschung. Jetzt ist der Jubel groß bei den örtlichen Bürgermeistern, Landräten und Tourismus­chefs, sie sollten mit diesem Welterbe im Raum Ulm auch wuchern. Stolz über den Titel dürfen wir alle sein, auch wenn wir vor 40 000 Jahren nicht dabei waren – aber nur dann, wenn wir die Verpflichtung annehmen, das kulturelle Erbe zu bewahren.

Die Liste Auf der Liste des Unesco-Welterbes stehen rund 1.070 Kultur- und Naturstätten. Davon befinden sich jetzt 42 in Deutschland, sechs in Baden-Württemberg. Es sind neben den Höhlen die Klosteranlage Maulbronn, die Klosterinsel Reichenau im Bodensee, der Obergermanisch-Raetische Limes, die Prähistorischen Pfahlbauten am Bodensee und in Oberschwaben und die beiden Le Corbusier-Häuser der Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Den deutschen Welterbe-Antrag zum Naumburger Dom und der hochmittelalterlichen Kulturlandschaft an Saale und Unstrut (Sachsen-Anhalt) hat die Unesco dagegen abgelehnt und eine Überarbeitung gefordert.

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