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Vincent und sein Ohr

Zu welch unglaublichen Höhenflügen früh verstorbene Künstler fähig sind und wie sie dann stante pede vom Kommerz in souvenirtaugliche Nippes-Figuren umgeformt werden, zeigt die Kunsthalle Baden-Baden

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  • Was sich die Souvenirbranche in Sachen Vincent van Gogh alles ausgedacht hat: Ausstellungsvitrine in der Kunsthalle Baden-Baden. Fotos: Gerda Meier-Grolman 1/2
    Was sich die Souvenirbranche in Sachen Vincent van Gogh alles ausgedacht hat: Ausstellungsvitrine in der Kunsthalle Baden-Baden. Fotos: Gerda Meier-Grolman
  • Kalauer im Bild: "Dumm geboren, dumm gestorben und nichts dazugelernt" von Martin Kippenberger (1984). 2/2
    Kalauer im Bild: "Dumm geboren, dumm gestorben und nichts dazugelernt" von Martin Kippenberger (1984).
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Ein Kaffeebecher mit dem Konterfei des Rotschopfs Vincent van Gogh außen drauf, und - oh Wunder - gießt man da eine heiße Flüssigkeit hinein, verschwindet wie durch Zauberhand das eine Ohr, das sich das Malgenie einst abgeschnitten haben soll. Wenn es um die Vermarktung früh verstorbener Künstler geht, kennt der Kommerz keine Geschmacksgrenzen mehr, Hauptsache, die Souvenirbranche hat eine neue Attraktion und das Profitstreben wird durch volle Kassen belohnt.

Nicht nur Hollywood-Idole wie Marilyn Monroe und James Dean oder Pop-Sänger wie Elvis Presley und Michael Jackson landen solcherart behandelt in der nächstbesten Jahrmarktsbude. Auch die prominenten Protagonisten der Kunstszene, die noch den Vorzug haben, dass sie unerwartet früh von der Lebensbühne abgegangen sind, werden den Andenkenjägern in Scharen vor die Flinten getrieben.

In der Kunsthalle Baden-Baden wird derzeit in der Ausstellung "Nach dem frühen Tod" vorgeführt, mit welchen Geschmacklosigkeiten ein vor der Zeit verblichener Kunststar von der Vermarktungsindustrie beworfen wird. Es geht ja noch an, wenn die vom Publikum ungemein geschätzte mexikanische Maler-Legende Frida Kahlo als Werbeträgerin auf dem Etikett einer Tequila-Flasche zum Einsatz kommt. Unverschämt und peinlich wird es aber dann, wenn unter den Utensilien für Faschings-Maskeraden neben aufklebbaren Schnurrbärten Marke Salvador Dali bis Henri de Toulouse-Lautrec auch ein Frida-Kahlo-Bärtchen auftaucht.

Dabei geht es in der Kunsthalle zuvorderst um die Frage, ob und wie sich die Bewertung der 33 versammelten Kunstwerker nach ihrem frühen Tod verändert hat und welche Faktoren da mitspielen. Schwer abzuschätzen ist dies verständlicherweise bei den deutschen Expressionisten und Blauen Reitern Franz Marc und August Macke, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs geblieben sind. Zu Anfang des 20. Jahrhundert haben sich schließlich die meisten Leitfiguren der bildenden Kunst auf die Abstraktion zubewegt, die Kunstgeschichtsschreibung hatte da große Mühe, diese wirklich revolutionären Umbrüche im Blick zu behalten.

Deutlicher werden die Rezeptionsparameter, wenn wir in die Jetztzeit gehen und uns fragen, warum etwa Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, Martin Kippenberger oder Blinky Palermo so kurz nach ihrem Ableben wie Feuerwerksraketen in den Kunsthimmel geschossen wurden. Abenteuerlich mutet allein schon der posthume Werdegang Kippenbergers an. Als dieser zeitlebens äußerst umtriebige und immer wieder skandalträchtige Spaßmaler, der sich als der King der Trashkultur fühlte und der in seinen mit deftigen Kalauern wie beispielsweise "Dumm geboren, dumm gestorben und nichts dazugelernt" oder "Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald" gespickten Bildern gerne selber auf die Schippe nahm, am 7. März 1997 44-jährig in Wien an den Folgen einer Leberkrebserkrankung starb, hatte niemand geahnt, dass seine Werke heute weltweit gefragt sind und irrwitzige Preise erzielen.

Kostete ein kleineres Kippenberger-Format ähnlich wie das jetzt in Baden-Baden gezeigte "Dumm geboren. . ." 1982 in einer Ausstellung im Ulmer studio f noch ganze 3000 D-Mark, so wird 2006 im Auktionskatalog bei Christies eines seiner Zwei-Meter-Bilder schon mit einem Schätzpreis von bis zu 950.000 Dollar ausgelobt, und im November 2014 soll eines seiner legendären großformatigen Selbstporträts in Unterhose sage und schreibe 15 bis 20 Millionen Dollar bringen.

Sicher muss man da berücksichtigen, dass inzwischen im Kunstmarkt das Wort Spekulation mit riesigen Buchstaben geschrieben wird. Aber sicher ist auch, dass das Publikum mehr und mehr die durchweg mit viel Ironie servierten gesellschaftskritischen Qualitäten in Kippenbergers Oeuvre erkennt und ihm deshalb ein dick unterstrichenes Eins Plus im Bewertungsbogen spendiert.

Nur schade, dass die Baden-Badener Kuratoren es nicht geschafft haben, ein richtig wild gemaltes typisches Van-Gogh-Gemälde für ihre Schau über den frühen Tod aufzutreiben. Denn ein doch sehr brav gepinselte Blumenstrauß mit Rosen und Sonnenblumen von 1886 kann nun in keiner Weise gegen die vom Kommerz ausgespuckten Kaffeebecher und abgeschnittenen Ohren anstinken.

Ausstellung

Infos Zu Lebzeiten sind Künstler Autoren ihres Werks und steuern damit häufig selbst dessen Rezeption. Aber was passiert, wenn der Künstler in jungen Jahren stirbt und die Welt mit der Vorstellung vom unvollendeten Werk alleine lässt? Mit der Frage bschäftig sich die Schau "Nach dem frühen Tod" bis 21. Juni in der Kunsthalle Baden-Baden, Di-So 10-18 Uhr; www.kunsthalle-baden-baden.de .

 

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