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Still, blass, wild und bunt

Rothko und Pollock sind weitgehend bekannt. Wenigen hingegen sind bislang deren Kolleginnen Agnes Martin und Joan Mitchell ein Begriff. Zu Unrecht, wie Kunstsammlung NRW und Museum Ludwig jetzt zeigen.

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  • Joan Mitchells rund zweieinhalb auf sechseinhalb Meter großes Quadriptychon "Minnesota" aus dem Jahr 1980 erinnert an Monets späte Seerosen. Jetzt ist es zusammen mit anderen großformatigen Gemälden der Amerikanerin in Köln zu sehen. 1/2
    Joan Mitchells rund zweieinhalb auf sechseinhalb Meter großes Quadriptychon "Minnesota" aus dem Jahr 1980 erinnert an Monets späte Seerosen. Jetzt ist es zusammen mit anderen großformatigen Gemälden der Amerikanerin in Köln zu sehen. Foto: 
  • "Untitled #5" (1998): Düsseldorf zeigt erstmals Arbeiten von Agnes Martin. 2/2
    "Untitled #5" (1998): Düsseldorf zeigt erstmals Arbeiten von Agnes Martin. Foto: 
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Es sind zwei Künstlerinnen, die die amerikanische Kunst der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg mitgeprägt haben. Beide im Umfeld der New York School und des Abstrakten Expressionismus angesiedelt. Beide Documenta-Teilnehmerinnen. Und doch sind ihre Namen in Europa immer noch nicht so geläufig wie die ihrer männlichen Kollegen. Retrospektivisch angelegte Ausstellungen im Rheinland, die sich dem Schaffen von Agnes Martin (1912-2004) und Joan Mitchell (1925-1992) widmen, wollen dies nun ändern.

Auch wenn die Arbeiten der Beiden auf den ersten Blick nichts miteinander verbindet und auch ihre Biografien sehr unterschiedlich verlaufen sind, so ist doch der Entschluss der Frauen, das männerdominierte Kunst-Mekka New York nach wenigen Jahren des Aufbruchs und des Erfolgs wieder zu verlassen, sicherlich mehr als nur eine biografische Fußnote.

Agnes Martin, deren Werküberblick die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zeigt, zog sich in die Einsamkeit der Berge New Mexicos zurück. Hier entwickelte sie ihre zunächst noch auf Formen und vor allem Farbfeldflächen (Hard-Edge) ausgerichtete Malerei in konsequenter Radikalität weiter, wodurch sie eine singuläre Position in der Entwicklung der Kunst behaupten konnte. Expressiv ist das keineswegs, abstrakt schon. Die äußerst reduzierte, in strenger Diktion entstandene Malerei weist nur ein einziges, immer wiederkehrendes und variiertes Element auf, das Raster. Über die vertikalen und horizontalen Linien, die gezeichnet und gemalt wurden, legte Martin eine blasse, nebulöse Farbigkeit.

Das ist zwar, wenn man so will, minimale Kunst, längst aber keine Minimal Art, denn diese eher kopflastige Richtung lebte von geometrischen Ordnungen und war auf den Raum bezogen. Die beeindruckend stillen, aber auch flimmernd lichten Tableaus von Agnes Martin, die 1997 den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig für ihr Lebenswerk erhalten hat, laden die Betrachter dagegen zu kontemplativen Ausflügen ein. Sie sind gefordert, die Bilder halten sich zurück. Denn die Funktion der künstlerischen Arbeit bestehe in der "Anregung von Empfindungen, der Erneuerung von Erinnerungen an Augenblicke der Vollkommenheit", sagte die Malerin.

Ganz anders begegnet einem das Werk von Joan Mitchell. Die Malerin, die nach Stationen in Paris von 1968 an in Vétheuil an der Seine lebte, arbeitete gestisch, dynamisch, wild. Ihre Bilder scheinen wie im Rausch entstanden zu sein. Harmonie und Dissonanz ringen um die Vorherrschaft. Eher kantig ineinander verkeilte Formationen in den Anfangsjahren, dann das chaotische Dickicht der Pinselstriche sowie verwischte und krustig verschmierte Farbflächen. "Eine Nadel im Heuhaufen suchen" heißt eine Arbeit treffenderweise. Im Spätwerk wirkt die Malweise der Künstlerin etwas verhaltener, die Gestik gezügelter. Teile der Leinwände hat sie sogar unbemalt gelassen.

Wer in Köln den großen Saal mit vier Quadriptychen betritt, mag sich an Monets Seerosen im Pariser Musée l'Orangerie erinnert fühlen. Mitchells bunte Riesenformate erscheinen wie Naturabstraktionen: wogende Felder, aufbrausendes Meer, dräuender Himmel. Viele ihrer späten Arbeiten tragen Titel, die auf die Natur verweisen. Aber es bleiben doch stets intuitive malerische Annäherungen an landschaftliche Phänomene. Auch wenn durch die letzten Werke ein hellerer, poetischer, bisweilen impressionistisch anmutender Ton klingt, von der Abstraktion rückte die Künstlerin nie ab.

Hinter dem künstlerischen Werk von Agnes Martin und Joan Mitchell werden Biografien sichtbar, die mit "starke Frauen" nur sehr oberflächlich umschrieben sind. Auch deshalb lohnt eine Beschäftigung mit den Beiden. Wer meint, dass er mit Barnett Newmann und Mark Rothko, mit Willem de Kooning und Jackson Pollock die amerikanische Malerei jener Zeit fest verortet hat, der kann jetzt im Rheinland dazulernen.

Öffnungszeiten

Joan Mitchell "Retrospective. Her Life and Paintings" entstand zusammen mit dem Kunsthaus Bregenz und ist bis 21. Februar im Museum Ludwig in Köln (Heinrich-Böll-Platz) zu sehen: Di-So 10-18 Uhr.

Agnes Martin Die erste Retrospektive nach dem Tod der Malerin im Jahr 2004 zeigt das K 20 in Düsseldorf (Grabbeplatz) bis 6. März: Di-Fr 10-18; Sa/So 11-18 Uhr

 

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