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Staatsgalerie Stuttgart zeigt „The Great Graphic Boom“

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Natürlich ist auch er in der Stuttgarter Ausstellung vertreten: der Amerikaner Roy Lichtenstein mit „Crying Girl“, einer Offsetfarblithografie aus dem Jahr 1963.  Foto: 

Er habe das gar nicht gewollt, es sollte eigentlich gar keine Folge werden, sagt Corinna Höper: „Aber dann hat er gemerkt, wie faszinierend der Umgang mit Lithografie ist“, erklärt die Kuratorin der Staatsgalerie. Es wurden am Ende 18 Gesänge, „18 Cantos“, die der amerikanische Farbfeldmaler Barnett Newman zwischen 1963 und 1964 druckte. „Diese Cantos erwuchsen aus einer zwingenden Notwendigkeit – sie resultierten aus der Auseinandersetzung mit dem Instrument“, so der Künstler. Mit  „Instrument“ meint er nichts anderes als die Technik der Lithografie, und die gewinnt hier tatsächlich etwas Musikalisches.

In einem Spektrum von vier „Sätzen“ – weiß/schwarz, blau, gelb/grün und rot – rhythmisiert Newman nicht nur die Breite seiner „zips“, seiner Streifen, sondern variiert auch die Rahmung durch unterschiedliche Ränder. Wie ein Buch solle man seine Cantos lesen, so wollte es Newman. Man kann sie auch wie eine Komposition genießen, im langsamen Vorübergehen an den gläsernen Vitrinen, die für Höper das Herzstück ihrer Schau bilden: „The Great Graphic Boom“ heißt die Ausstellung amerikanischer Druckgrafik zwischen 1960 und 1990, die ab jetzt in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen ist.

Auf welchem Weg man zu Barnett Newmans Farbgesang gelangt, ist eine Grundsatzentscheidung: Entweder man läuft, angelockt von Liz Taylor nach rechts, wo Andy Warhol als Freund des Siebdrucks mit Suppendosen und Marilyns die gegenständliche Richtung vorgibt. Oder man nimmt Frank Stellas Muster zur Anregung und biegt nach links ab, wo die Abstraktion regiert und Minimalist Donald Judd mit seinen Holzschnitten die Schönheit formaler Strenge feiert.

Aus eigenem Bestand

Auf dem Weg trifft man ohnehin alle: 200 Druckgrafiken von 22 amerikanischen Künstlern kann die Staatsgalerie präsentieren. Besitzt sie doch insgesamt rund 1200 Blätter von mehr als 130 Künstlern und damit nach eigenen Aussagen eine der interna­tional wichtigsten Sammlungen amerikanischer Grafik.

Bereits 1968 fand hier die erste Ausstellung amerikanischer und englischer Grafik aus eigenem Bestand statt, Anfang der 70er wurde die Schau wiederholt und in weiteren Städten gezeigt. Damit war das Haus relativ früh dran, entdeckten die Amerikaner die Druckgrafik so richtig doch erst Ende der 50er, nach der ersten stürmischen Phase des Abstrakten Expressionismus’ – beeinflusst natürlich auch von europäischen Emigranten. Zudem machten es jetzt professionelle Druckwerkstätten möglich, in großem Umfang zu drucken. Man arbeitete gern mit Lithografie, aber auch mit dem guten alten Holzschnitt; der Siebdruck macht Karriere in der Neuen Welt.

In der Ausstellung, in der auch 17 Leihgaben des Kooperationspartners, des Nationalmuseums in Oslo hängen, begegnet einem denn so ziemlich jeder große Name. Das Hard Edge findet sich unter anderem von Ellsworth Kelly vertreten, die Pop Art kommt etwa mit Warhol und Roy Lichtenstein, der Abstrakte Expressionismus mit Jackson Pollock und Willem de Kooning. Doch auch Konzeptkünstler wie John Baldessari sind in der Auswahl vertreten und vor allem Künstlerinnen wie Louise Bourgeois, die ihre „Sainte Sébastienne“ – einen nackten weiblichen Körper – aus allen Richtungen von Pfeilen beschießen lässt.

Von Agnes Martin ist die Siebdruck-Serie „On a Clear Day“ da, jene umwerfend unschuldigen weißen Blätter mit ihren zarten, handgezogenen Linien und Gittern: „Sie sind Licht, Lichtheit, sie handeln vom Verschmelzen, von Formlosigkeit, vom Auflösen der Form“, schrieb Martin dazu. Ganz zart, nämlich mit hauchdünnem Japanpapier, arbeitet auch Helen Frankenthaler in ihrer wunderbar malerischen „Savage Breeze“; ihre aufwändige grafische Arbeit beschrieb die Künstlerin als „Unterhaltung“ mit dem Druck.

Ein demokratisches Medium

Kalter Krieg, Protestbewegung, Popkultur – die bewegten Jahrzehnte spiegeln sich selbstverständlich in einem Medium, das schon seit seinen Anfängen in der Frühen Neuzeit zur Verbreitung politischer, auch satirischer Botschaften genutzt wurde. So druckt John Baldessari schon aus demokratischen Beweggründen heraus: „Nichtteure Kunst sollte verfügbar für alle sein.“ Robert Rauschenberg, der Zeugnisse des Zeitgeistes einmontiert, sieht sich genau so: als Zeitzeuge. Und Ed Ruscha verwendet nicht zufällig einen Diät-Drink als Druckfarbe für einen Siebdruck mit dem Hollywood-Schriftzug. Auch in der glatten Oberfläche, so lernen wir in der Staatsgalerie anschaulich, ist Platz für viele Ebenen.

Die Sommerausstellung „The Great Graphic Boom. Amerikanische Kunst 1960-1990“ in der Stirling-Halle der Stuttgarter Staatsgalerie läuft noch bis zum 5. November. Dazu gibt es im Graphik-Kabinett die kleine Schau „Pop Unlimited“. Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Zur Ausstellung ist ein sehr schöner Katalog erschienen (24.90 Euro im Museumsshop). Auf der Internet-Seite der Staatsgalerie kann man unter dem link „Sammlung digital“ zu einzelnen Werken nachlesen. Weitere Informationen unter: www.staatsgalerie.de

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