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Simultan inszeniert: Stan Douglas in München

Eine visuelle Herausforderung: Stan Douglas zeigt in den Münchner Kammerspielen, wie man Film und Theater heute verschränkt. Im Haus der Kunst gibt es dazu inszenierte Fotografie des Kanadiers.

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    Auf der Bühne und simultan im Film: "Helen Lawrence" von Stan Douglas spielt auf mehreren Ebenen. Foto: 
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    Kühle Theatralik: "Two Friends, 1975" aus der Serie "Disco Angola". Foto: 
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"Irgendwer musste das machen - warum nicht ich?" Stan Douglas sitzt derart entspannt auf der Bühne der Spielhalle der Münchner Kammerspiele, dass man ihm sein Understatement fast abnehmen möchte. Wenn er beim Publikumsgespräch nicht von Okwui Enwezor, Chef des Hauses der Kunst, und Johan Simons, Chef der Kammerspiele, eingerahmt wäre. Und wenn man nicht gesehen hätte, was man gerade gesehen hat.

"Helen Lawrence" heißt das Film-Theater-Projekt, das ein höchst eigenständiges Element von Douglas Auftritt in der bayerischen Landeshauptstadt bildet. Das Haus der Kunst präsentiert damit - schon wieder - ein Kooperationsprojekt. Erst im März hatte Matthew Barney in der Staatsoper mit seinem megalomanischen Film "River of Fundament" Europapremiere gefeiert. Noch ist dessen Ausstellung am Englischen Garten nicht abgeräumt, da bespielt der Kollege aus Vancouver schon die nächste Bühne mit einer "Cinematic Stage Production"; die kommt zwar dezenter daher, ist aber visuell noch herausfordernder.

Das Stück, das auf der Bühne zu sehen ist, wird von den Schauspielern gleichzeitig gefilmt und auf eine transparente "Leinwand" vor der Szene projiziert. Die Akteure, die in blauen Wänden spielen, werden dabei in computergenerierte Schauplätze montiert. Film und Theater ereignen sich simultan in der Totale des Guckkastens und im Ausschnitt der Kameralinse, in der Farbe der echten Bühne und im Schwarz-Weiß des Film Noir, den Stan Douglas nicht nur formal zitiert. Die Handlung ist in Vancouver Ende der 1940er Jahre angesiedelt, wo Kriegsheimkehrer und Kleinkriminelle, Polizisten und Prostituierte sich um die geheimnisvolle Helen Lawrence gruppieren, die im Hotel eincheckt. Ein Mord wäre da auch noch zu klären. . .

Technisch, auch schauspielerisch, ist das alles staunenswert perfekt. Was sein muss, denn die Gleichzeitigkeit der Informationen ist selbst für die Generation Windows eine zwar ergiebige, aber auch anstrengende Übung - etwa dann, wenn jemand die Bühne betritt, der im Film noch gar nicht zu sehen ist.

Simultaneität indes ist auch ein Schlüssel für Douglas Ausstellung "Mise en scène", zu sehen im Haus der Kunst. Der Kanadier, Jahrgang 1960, ist mit Video-Installationen bekannt geworden, drei Mal war er auf der documenta vertreten, 2007 präsentierten ihn Staatsgalerie und Württembergischer Kunstverein in Stuttgart. In München nun zeigt er fast nur großformatige, zumeist inszenierte Fotografien. Eine Video-Installation schickt Jazz-Töne aus dem Séparée - es geht um die fiktive Studioaufnahme eines abwesenden Miles Davis. Alle anderen Bilder sind im deutschen und englischen Sinne des Wortes "still", auch wenn sie sich auf mehreren Zeitebenen zugleich bewegen.

Für einige Serien ist Douglas in die Rolle eines erfundenen Fotografen geschlüpft - wieder im Amerika der Nachkriegszeit, denn solche Momente des Übergangs interessieren den Künstler. Dieser fiktive Reporter liefert schwarz-weiße Bilder von Männern beim Würfelspiel und kopflosen Frauen mit geballten Fäusten, oder auch verschattete Porträts von Nachtclub-Besuchern. Vorgeblich von einem Autodidakten geschossen, aber ebenso sorgfältig inszeniert wie die Serie "Crowds and Riots", in der Douglas historische Protest-Szenen nachstellt. Das Wimmelbild-Prinzip - der Künstler bezieht sich da explizit auf Bruegel - erkennt man auch in den "Interiors", etwa in einem wahren Jüngsten Gericht aus Teetassen im "Olde Curio Shop", zur Abwechslung die dokumentarische Aufnahme eines Gebrauchtwarenladens.

Immer wieder fühlt man sich an die kühle Theatralik der Leuchtkästen von Jeff Wall erinnert. Auch Stan Douglas erzählt Geschichten, die zwischen dem Unwägbaren und dem Bedrohlichen schweben. In "Disco Angola" zieht er gar eine weitere, diesmal geografische Simultan-Ebene ein: Nachinszenierte Disco-Szenen aus den Siebzigern in New York hängen neben Situationen aus Angola im selben Zeitraum.

Während die einen Capoeira tanzen, zelebrieren übriggebliebene Club-Gäste ihr "Kung-Fu Fighting, 1975". Am "Checkpoint, 1975" in Afrika verteidigen Kämpfer eine verlassene Steppe - im "Coat Check, 1974" hängen die Mäntel der Party People stellvertretend für ihre Besitzer im Sofa. Eine schöne, ja schicke Vintage-Ästhetik, die sich so provozierend in den Vordergrund spielt, dass der verkopfte postkoloniale Ansatz auch noch durchgeht. Sowieso: Ohne Bereitschaft für ausuferndes Kontextlernen braucht man diese Schau gar nicht anzutreten. Dafür entschädigt eine andere Simultaneität - die des ästhetischen Erlebens.

Im Museum, auf der Bühne

Die Ausstellung "Mise en scène" läuft bis 12. Oktober im Münchner Haus der Kunst. Mo-So 10-20, Do 10-22 Uhr. Der Eintritt beträgt 12, erm. 10 Euro. www.hausderkunst.de

Die Produktion "Helen Lawrence" ist noch heute, Dienstag, sowie morgen, Mittwoch, und Donnerstag (je 20 Uhr) in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele zu sehen. Das Kombiticket mit Haus der Kunst kostet 29 Euro.

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