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Reformation: Bullen und Wildschweine

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  • Der Mömpelgarder Altar (1538/40) gilt als herausragendes Beispiel der reformatorischen Bildkultur: Auf der Tafel „Der zwölfjährige Christus im Tempel“ (Ausschnitt) trägt eine Figur unverkennbar die Züge Martin Luthers.  1/2
    Der Mömpelgarder Altar (1538/40) gilt als herausragendes Beispiel der reformatorischen Bildkultur: Auf der Tafel „Der zwölfjährige Christus im Tempel“ (Ausschnitt) trägt eine Figur unverkennbar die Züge Martin Luthers.
  • Die Rüstung von Herzog Ulrich gehört zu den Exponaten der Ausstellung: 2/2
    Die Rüstung von Herzog Ulrich gehört zu den Exponaten der Ausstellung:
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Seuchen, Missernten, Hungersnöte, Kriege – und Glaubenskrisen. Das waren Zeichen des göttlichen Strafgerichts, das war die Endzeit. Albrecht Dürer hat diese biblische Apokalypse auf Erden in Holzschnitten verbildlicht. Damit ist in dieser Ausstellung über die Reformation in Württemberg die Ausgangslage klar: Der Mensch lebte um 1500 auch im Südwesten meist in Not und Angst (vor dem Fegefeuer) und gefangen in einem klerikal-kapitalistischen System, das mit päpstlichem Ablasshandel Seelenheil verkaufte.

Und dann steht da auch, furchterregend, ein „apokalyptisches Wildschwein“ im Raum, genauer: „Das Wildschwein von Urach“. Ein gewaltiges Vieh aus Holz, das um 1507 nach den Maßen eines vom württembergischen Herzog Ulrich erlegten Tiers gefertigt wurde. Es soll, so die Schwabenchronik des Martin Crusius von 1596, einst auch einen Federmechanismus besessen haben, mit dem sich das auf Rollen montierte Tier in Bewegung setzen ließ. Ein belustigendes Spielzeug für angeberische Potentaten.

Ein ganz anderer Keiler aber taucht noch auf: Martin Luther. „Erhebe dich, Herr, und richte deine Sache (. . .), denn Füchse haben sich erhoben, die danach trachten, den Weinberg zu zerstören (. . .). Ein Wildschwein aus dem Wald strebt danach, ihn zu entstellen und ein unerhört wildes Tier frisst ihn ab.“ So beginnt die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domini“, in der Papst Leo X. im Juni 1520 alle evangelischen Thesen Luthers verwirft, die der Lehre und Tradition der Kirche entgegenstehen, ja den Wittenberger Mönch zwingt, seine Ketzerei zu widerrufen.

Diese Bulle (Urkunde, Dekret des Papstes) zählt zu den „Schlüsseldokumenten“ der Reformation. Drei Originalausfertigungen sind erhalten, eine ist im Besitz des Landesarchivs Baden-Württemberg  – wohl jene, die damals an Kaiser Karl V. gegangen war und die er an seinen in Stuttgart als Statthalter regierenden Bruder Ferdinand I. geschickt haben könnte und die nach Ende des Dreißigjährigen Krieges erstmals im Bestand des Hofarchivs der Württemberger verzeichnet worden ist.

Reformationsgeschichte(n) – vielfältig, kulturhistorisch anschaulich, spannend aufbereitet. „Freiheit – Wahrheit – Evangelium“: Die von Peter Rückert kuratierte Ausstellung des Landesarchivs im Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz wirft tatsächlich mit vielen wertvollen Dokumenten und Objekten einen aufschlussreichen Blick auf eine entscheidende Epoche – und auf Württemberg. Und erklärt mit Texttafeln verständlich die Zusammenhänge.

So zeigt Rückert eine Zeit im Umbruch, eine Welt der spätmittelalterlichen Frömmigkeit. Zu den herausragenden Exponaten gehört ein Porträt Martin Luthers, ein kleines Tafelgemälde um 1530 aus der Hand eines gewissen Ambrosius Fütter, das den Reformator vor einem Goldgrund zeigt – gewissermaßen mit Heiligenschein.

Immer wieder im Mittelpunkt und vertreten nicht nur durch eine imposante Rüstung (aus dem Kunsthistorischen Museum Wien): Herzog Ulrich (1487-1550). Er machte Württemberg zum evangelischen Staat, per Fürstendekret. Aber in komplizierten Zeitläuften: 1519, zwei Jahren nachdem Luther seine 95 Thesen verbreitete, war Herzog Ulrich zunächst machthungrig damit beschäftigt, die Reichsstadt Reutlingen anzugreifen, nur dass ihn der Schwäbische Bund daraufhin aus dem Land vertrieb.

So herrschten 15 Jahre lang die Habsburger in Württemberg, und diese agierten naturgemäß als Altgläubige massiv gegen die lutherische Lehre und schlugen auch 1525 den Bauernaufstand nieder. Mit Hilfe des Landgrafen Philipp von Hessen kehrte Ulrich dann 1534 kriegerisch nach Württemberg zurück – die Einführung der Reformation gehörte sofort zu seinem herrschaftlichen Programm. „Württemberg im Licht des Evangeliums“ heißt ein Kapitel der Ausstellung, das auch die Mitstreiter vorstellt, bedeutende Theologen wie Ambrosius Blarer und Johannes Brenz. Und ebenso sind der Streit, die Propaganda in den Medien und die zeitgenössischen Sprüche und Lieder der Reformation ein Thema.

Glaubensstark war Herzog Ulrich, aber auch machtpolitisch clever. Die Säkularisation des Kirchenguts verschaffte seinem Herzogtum wirtschaftlichen Gewinn – auch das zeigt das Landesarchiv. Aber noch in drei weiteren Ausstellungen, und zwar an Originalschauplätzen: in den Klöstern Maulbronn, Alpirsbach und Bebenhausen.

Ausstellungen „Freiheit – Wahrheit – Evangelium. Reformation in Württemberg“ heißt die Ausstellung des Landesarchivs im Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz: bis zum 19. Januar, 11-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr, montags geschlossen. In Kooperation mit den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg aber gehören noch drei weitere Standorte zu dieser groß angelegten kulturhistorischen Schau: drei Klöster. Die Ausstellung in Maulbronn eröffnet morgen, die in Bebenhausen am Freitag und die in Alpirsbach am Samstag (alle laufen ebenfalls bis 19. Januar; es gibt Kombi-Tickets). Sehr zu empfehlen als Nachschlagewerk ist der im Thorbecke Verlag erschienene Katalog (und auch ein Begleitband mit Aufsätzen ist erhältlich). Infos unter www.reformation-in-württemberg.de

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