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Quasi ein Heimspiel: Die Ausstellung „Kunst des Zufalls“ im Stuttgarter Kunstmuseum

Alles Zufall? Nein. Aber das Kunstmuseum Stuttgart zeigt, dass auch in der Kunst der arg unstete Geselle Zufall wohl gelitten ist undAnhänger hat.

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    Ben Vautier rät dem Bild-Betrachter, er solle doch alles dem Zufall überlassen. Foto: 
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    Glückswürfel ohne Ende: Timm Ulrichs Beitrag zur Stuttgarter Zufalls-Ausstellung. Foto: 
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„Gott würfelt nicht“: Albert Einstein, dieser Gigant unter den Geistesgrößen, der es mit seinen Erkenntnissen zu Materie, Raum und Zeit immerhin fertigbrachte, die physikalische Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern, war felsenfest davon überzeugt, dass Gott niemals einen Würfel in die Hand genommen und schon gar nicht mit einem gewürfelt hat. Wenn man diesem Jahrhundertgenie dann nachweisen kann, dass er sich da genau in dieser Sache schwer getäuscht hat, dann reiben sich doch sicher sämtliche Kleingeister die Hände.

Dass Gott seinen angeborenen Spieltrieb doch auch mal ausleben wollte und dass er über die gesamte Schöpfungsgeschichte hinweg ausgiebig gewürfelt hat, das belegt jetzt die speziell was die Kunstvermittlung angeht perfekt inszenierte Ausstellung „Die Kunst des Zufalls“ im Kunstmuseum Stuttgart.

Unglaublich viele Schnittmengen zwischen Naturwissenschaftlern und Künstlern sind da zu entdecken. Und es ist auch klar, dass  die den schönen Künsten verpflichteten Zeitgenossen bei der Darstellung der Erforschung und Dokumentation des Phänomens Zufall nicht so knochentrocken zu Werke gehen wie ihre Kollegen. In der Kunst bekommt eben jeder ordinäre Spielwürfel einen ästhetisch hochwertigen und möglichst gleich farbigen Heiligenschein aufgelegt – während sich doch die Gilde der Mathematiker und Physiker auf eher normale und unansehnliche Tabellen und Parameter zurückziehen muss.

Die Künstler sind ja auch raffiniert dabei, wenn es gilt, den Zufall einzufangen und zu umgarnen. So bekennt der aus dem Lager der Konkreten stammende Peter Lacroix frei- mütig, er lade den Zufall ein, am Bildaufbau teilzunehmen. Und Manfred Mohr braucht den Zufall, um „mich selbst zu überraschen“. Für das künstlerische Schaffen ist der Zufall also unentbehrlich, und die Wissenschaftler sind sowieso davon überzeugt, dass es kein Leben, keine Forschung und keine Innovation ohne Zufall geben kann.

Mit der Zufalls-Erkundung hat das Stuttgarter Kunstmuseum zudem so eine Art Heimspiel angestoßen. Wo man hinschaut, die Stuttgarter waren stets mitten drin im Zufalls-Geschehen. Vordenker und Philosoph Max Bense, der an der Technischen Universität der Landeshauptstadt lehrte, hat schon Spuren gelegt. Recherchen im Archiv Baumeister haben wunderbare Zeichnungen und Collagen mit Spielfiguren von Willi Baumeister zu Tage befördert: Die belegen, dass nicht nur die Surrealisten und Dada-Großmeister wie etwa Jean Arp, Max Ernst und Marcel Duchamp den Zufall zur Mitarbeit nötigten.

Dazu gibt es zur derzeitigen Zufalls-Schau einen bemerkenswerten Vorläufer. Die Stuttgarter Galerie Mueller-Roth hatte 1978 im Landespavillon schon die Frage nach „System und Zufall“ gestellt. Mit von der Partie waren damals Hermann de Vries und Manfred Mohr, der erstmals mit der Computer-Technologie experimentierte. Jetzt sind sie beide mit richtungsweisenden Arbeiten im Kunstmuseum dabei.

Auch der Vorzeige-Papst der zufallsbasierten Kunst, der vor kurzem im Alter von 90 Jahren verstorbene Franzose Francois Morellet, war häufiger Gast in der Stuttgarter Galerie Mueller-Roth und leistet jetzt im Kunstmuseum ideale Aufklärungsarbeit über die Arten und Unarten des unsteten Gesellen Zufall. Exemplarisch zeigen seine wunderbar gelungenen, immer geometrisch angelegten Bildkompositionen, was sich entwickelt, wenn man beispielsweise Zahlenreihen aus dem Telefonbuch rupft und sie im Zufallsgenerator so lange rotieren lässt, bis ein hochkomplexes Liniengerüst entsteht.

Zu Publikumslieblingen im Kunstmuseum werden aber sicherlich die beiden Zufalls-Show-Protagonisten Timm Ulrichs und Guillaume Bijl werden. Ulrichs lässt eine ganze Armada von Glückswürfeln tanzen. Und Bijl liefert mit seinem 1990 entstandenen „Stuttgarter Souvenir Shop“ eine Publikumsattraktion der besonderen Art.

Da stapeln sich in den Regalen Stammtisch-Utensilien, Zinnkrüge, Bierhumpen vom Cannstatter Wasen, in Porzellan gegossene schrecklich schöne Funktelefone und Benzinkanister, Lebkuchenherzen, bestickte Sofakissen mit Schwarzwald-Bommel und Kuckucksuhr, Ton-Eichhörnchen und Bierflaschenwärmer. Ein herrliches Zufalls-Ensemble, das einen so richtig in Volksfest-Stimmung bringt.

Auf jeden Fall sollte man beim südfranzösischen Kunst-Texter Ben Vautier verweilen. Der sorgt mit seinen nachdenkenswerten Schriftsätzen wie „Sie sind hier aus Zufall“ oder „Überlassen sie es dem Zufall“ (Den Revolver für das russische Roulette legt er gleich zum baldigen Gebrauch unter sein Bild) für genügend Verstörung und Erheiterung.

Experimentieren ist erlaubt

Ausstellung Kunstvermittlung ist bei der Zufalls-Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum groß geschrieben. Für Besucher und Besucherinnen jedes Alters wurde im Kunstmuseum ein Versuchslabor eingerichtet, in dem eingeladen wird, zum Thema Zufall zu experimentieren und zu forschen. Hier soll natürlich das spielerische Moment betont werden, aber auch Ernsthaftigkeit ist gefragt, denn mit den Physikern Marc Scheffler, Robert Löw und Karin Otter von der Universität Stuttgart kann man Zufalls-Methoden diskutieren, und der Freiburger Mathematik-Professor Dietmar Guderian wird aus seinem Fachbereich berichten. Auch die Kunst selbst lässt sich verändern: So kann man frei nach dem „Essbild“ von Dieter Hacker beispielsweise mit Schokoladenlinsen neue Muster legen, und aus dem Medienzentrum ZKM in Karlsruhe stammt die „Random Machine“, mit der sich je nach Begabungsgrad der Probanden munter komponieren lässt.

Info „(un) erwartet. Die Kunst des Zufalls“ bis 19. Februar im Kunstmuseum Stuttgart (Kleiner Schloßplatz 1): Di-So 10-18 Uhr, Fr 10-21 Uhr

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