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Pop-Artisten unter sich

In der Siebdruck-Werkstatt der Dombergers gingen sie ein und aus, die Großen der amerikanischen Pop-Art-Szene. Die Stuttgarter Staatsgalerie zeigt jetzt, was man mit dieser Technik alles anstellen kann.

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  • Bis zu 200 einzelne Farben mussten nacheinander für Richard Estes "Holland Hotel" (1980) auf den Karton gepresst werden. Fotos: Gerda Meier-Grolman 1/2
    Bis zu 200 einzelne Farben mussten nacheinander für Richard Estes "Holland Hotel" (1980) auf den Karton gepresst werden. Fotos: Gerda Meier-Grolman
  • Auch Jeff Koons "Puppy" aus dem Jahr 1998 ist derzeit in Stuttgart zu sehen. 2/2
    Auch Jeff Koons "Puppy" aus dem Jahr 1998 ist derzeit in Stuttgart zu sehen.
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Diesen Schatz hätte man früher heben können. Schließlich hat das Land Baden-Württemberg die mit allen Andrucken, Korrekturzeichnungen und Überarbeitungen mehr als 2000 Werke zählende hochkarätige druckgraphische Sammlung des Michael Domberger schon Ende 2009 erworben. Gleich wurde sie dem Bestand der Stuttgarter Staatsgalerie zugeschrieben und angegliedert. Es hat also gedauert, bis man in den oberen Etagen des Stirling-Baus begriff, mit welchem Pfund man da wuchern kann.

Mühelos lässt sich damit nämlich ein eminent wichtiges Kapitel der jüngsten Kunstgeschichte aufblättern, denn Mitte der 1960er Jahre spielte der Siebdruck in der Kunstszene eine hervorragende Rolle. Heute sieht das etwas anders aus, denn überall in unseren medialen Umfeld stehen sie herum, die Tintenstrahldrucker und Laser-Printer, nur ganz dunkel erinnert man sich daran, dass es da irgendwann einmal den Siebdruck gegeben hat, geschweige denn kann jemand Auskunft geben, warum ausgerechnet diese Technik bei den Künstlern so überaus beliebt war.

Wie die jetzt in der Stuttgarter Staatsgalerie eröffnete Ausstellung "Op + Pop - Experimente amerikanischer Künstler ab 1960" zeigt, ist der Siebdruck mit all seinen drucktechnischen Möglichkeiten ein ideales Medium, um die in den Künstlerateliers entwickelten Ideen einem großen Publikum vor Augen zu führen. Anhand der Familiengeschichte der Drucker Domberger kann man den Siegeszug des Siebdrucks leicht nachvollziehen.

Vater Luitpold hatte im Stuttgarter Amerika-Haus erfahren, dass die Künstler dort drüben allesamt fasziniert waren vom "silk screen printing". Er wollte das ausprobieren, tat sich mit dem damals schon anerkannten Meistermaler Willi Baumeister zusammen. Mit Nylonstrümpfen wurden die ersten Siebe gebastelt, 1950 druckte Domberger die erste Serigraphie Baumeisters, so wurden die ersten Impulse für die deutsche Nachkriegskunst gesetzt und der Kontakt zur internationalen Moderne wieder hergestellt.

Die Edition Domberger wurde 1967 in Bonlanden bei Stuttgart ausgerufen. Das erste Mappenwerk war gleich ein Knüller. Anlässlich der Ausstellung "Formen der Farbe", die Dieter Honisch im Württembergischen Kunstverein inszeniert hatte, wurden Serigraphien unter anderem von Josef Albers, Allen DArcangelo über Robert Indiana, Victor Vasarely bis hin zum Stuttgarter Hard-Edge- und Signal-Maler Karl Georg Pfahler ausgewählt. Die Mappe, für die man damals lächerliche 600 Mark hinblättern musste, war nach wenigen Tagen vergriffen.

Oskar Kokoschka, Ida Kerkovius, Christo, Max Bill, Josef Wittlich, Fritz Ruoff und Adolf R. Fleischmann gingen bei den Dombergers ein und aus, die Amerikaner und auch die Briten wie Richard Hamilton drängten herein. Die meiste Arbeit hatten die Stuttgarter Drucker - so erzählt Michael Domberger - wohl mit dem amerikanischen Hyperrealisten Richard Estes. Sage und schreibe bis zu 200 einzelne Farben mussten beispielsweise nacheinander durch die Siebe auf die Bildträger gepresst werden, um all die spiegelnden Schaufensterscheiben in dem Estes-Großformat "Holland Hotel" richtig zum Glitzern und Leuchten zu bringen.

Nahezu alle amerikanischen Pop-Artisten haben sich um die schwäbischen Meisterdrucker bemüht, allein Superstar Andy Warhol zierte sich mächtig. Diese Domberger-Perfektion war ihm nicht ganz geheuer, denn er wollte in seiner Factory gerade bei den Siebdruckarbeiten Überlappungen und unsauber ausgedruckte Farbflächen zulassen, um aufzuzeigen, dass in seiner Arbeit auch Zufälligkeiten und Ausrutscher eine Rolle spielen. Zwei in der New Yorker Factory gefertigte Warhols aus dem Depot der Staatsgalerie, Hammer und Sichel von 1977, und ein mit Brillantstaub überzuckertes Porträt der Bundespräsidentengattin Mildred Scheel von 1980 belegen diese Arbeitsauffassung des Pop-Papstes.

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