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Picassos deutsche Geschichte

Was Meistermaler Pablo Picasso mit Deutschland und seinen Künstlern verbindet, das will die mit prächtigen Beispielen bestückte neue Ausstellung in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall klären.

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  • Der Linolschnitt „Porträt einer Frau nach Cranach d. J.“ aus dem Jahre 1958. 1/2
    Der Linolschnitt „Porträt einer Frau nach Cranach d. J.“ aus dem Jahre 1958. Foto: 
  • Gute Zusammenarbeit: José Lebreto Stals, Direktor des Picasso-Museums Malaga, mit C. Sylvia Weber, Kunsthalle Würth, und der "Frau mit Fellkragen". 2/2
    Gute Zusammenarbeit: José Lebreto Stals, Direktor des Picasso-Museums Malaga, mit C. Sylvia Weber, Kunsthalle Würth, und der "Frau mit Fellkragen". Foto: 
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Pablo Picasso hat weder seinen rechten noch seinen linken Fuß jemals auf deutschen Boden gesetzt. Und doch war dieser Wahlfranzose, der 1881 im spanischen Malaga geboren wurde und der später Paris zu seinem künstlerischen Epizentrum erklärte, hierzulande schon vor gut hundert Jahren ungemein präsent. Er war eine so mächtige Erscheinung, dass es sich die Berliner wie auch die Dresdner Debattier-Salons nicht nehmen ließen, über seine damals äußerst revolutionären Kunst-Volten zu spotten oder ihnen subito und gleich gänzlich zu verfallen.

Dabei waren dem Spanier, wie es jetzt die in Kooperation mit dem Museo Picasso in Malaga entstandene Ausstellung "Picasso und Deutschland" in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall beispielhaft belegt, seine deutschen Kollegen, mögen sie nun Marc, Macke, Heckel, Kirchner, Pechstein, Nolde, Schmidt-Rottluff, Dix oder Grosz heißen, piepegal. Wenn Pablo Picasso Lust hatte, sich auf die schwarz-rot-goldenen Farben einzulassen, dann ließ er die Gegenwart Gegenwart sein und begab sich auf eine lange Zeitreise, beamte sich weit zurück in die deutsche Renaissance, um ein intensives Zwiegespräch mit den angesagten Malerstars jener Tage, also mit Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Hans Holbein, Hans Baldung Grien, Albrecht Altdorfer oder Matthias Grünewald zu führen.

Ein schmuckes lebensfrohes perlenbehangenes junges Weibsbild made by Lucas Cranach macht Picasso im Handumdrehen zu einer leicht depressiv wirkenden, recht unglücklich vor sich hinstarrenden problembeladenen Society-Lady, die wunderbar in eine heutige Benefiz-Gala passen würde. Und was Picasso bei dieser seiner Cranach-Anverwandlung in einer fast unverschämt spielerisch frechen, deshalb besonders eindrücklichen Art und Weise auch noch demonstriert, das ist seine geniale Fähigkeit, der in der Tradition steckengebliebenen Kunst die Sprache der Moderne einzuimpfen. Das ebenmäßige Gesicht jener Cranach-Dame zerlegt Picasso mit den dem Kubismus eigenen Mitteln und fördert so eine zerklüftete Charakterstudie zutage.

Aber es geht bei der Haller Picasso-Schau gar nicht nur um die Genialität dieses Meistermalers, es sollen vielmehr all die Beziehungsfäden aufgedröselt werden, die den Spanier Picasso ausgerechnet mit Deutschland verbunden haben, dem Deutschland, das er wie gesagt eigentlich nur via Renaissance-Malerei richtig wahrgenommen hat.

In Hall wird tatsächlich sozusagen Tacheles geredet in Sachen "Picasso und Deutschland". Kaum einer weiß nämlich, dass das eine ziemlich einseitige Beziehung war, dass es vor allem deutsche Galeristen und Sammler waren, die Pablo Picassos Weltkarriere heftig angestoßen und befördert haben.

So wird man daran erinnert, dass es die Herren Daniel Henri Kahnweiler und Alfred Flechtheim waren, die 1912 die Sonderbundausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ausgerichtet haben, wo Picasso einen eigenen Saal bekam und dort immerhin ein gutes Dutzend Arbeiten präsentieren durfte. Genau diese Schau wurde von der Kritik als ärgerliche Provokation empfunden, und mit Picasso wurde besonders rüde umgesprungen. Aber diese Beschimpfungen haben die deutschen "Brücke"-Maler und die Vertreter des "Blauen Reiter", wie in Hall anhand vieler großartiger Bildbeispiele deutlich wird, nicht davon abgehalten, in Picasso den großen Ausnahmekünstler und Erneuerer der Kunst zu sehen.

Was wird nun präsentiert in Hall? Zu den Picasso-Meisterwerken, die aus Malaga angeliefert wurden, kommen noch all die Exponate aus der hauseigenen Sammlung Würth. Die Wundertüte wird aufgetan und heraus purzeln zuhauf Picassos Gaukler, Friedenstauben, Akrobaten und Zirkusreiter samt den schönen Frauen und als besondere Garnierung dann unsere Expressionisten, die wunderbar naturverbundenen Zigeunerinnen des Otto Mueller, Emil Noldes knallbunte Trophäenköpfe, seine Stillleben mit afrikanischen Masken und Statuetten, Max Pechsteins Badende und das Riesenformat von Ernst Ludwig Kirchner mit seiner exotisch wirbelnden "Negertänzerin" von 1909, wie Picassos ebenso mächtiges spätes Ölbild "Mann mit Schwert" von 1969 im Würth'schen Besitz.

Paula Modersohn-Becker und Max Beckmann, auch sie haben ihren Picasso genauestens studiert. Man kann nicht sagen, sie seien so einfallslos gewesen und hätten ihr großes Vorbild schlicht und einfach kopiert, nein, aber man bemerkt doch bei den Porträts der Modersohn und auch bei denen von Beckmann gewisse Seelenverwandschaften, die in Körperhaltung oder Gesichtsausdruck stark an die Malmanier des Spaniers erinnern. Selbst der sowieso kunstaffine Lyriker Rainer Maria Rilke war Picassos Malerei so zugetan, dass ihm zum Seiltänzer-Bild von 1905 ein sehr tiefsinniges, hintergründiges Gedicht mit dem Titel "Die Gruppe" einfiel.

Kooperation mit Malaga

Schau Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall präsentiert bis zum 18. September in Kooperation mit dem Museo Picasso Malaga die Ausstellung "Picasso und Deutschland"; täglich 10-18 Uhr, bei freiem Eintritt. Zu sehen sind rund 70 Werke Picassos aus all seinen Schaffensphasen, ergänzt mit rund 150 Werken von Cranach, Kandinsky, Dix und anderen. Mehr als 50 internationale Leihgeber haben die Ausstellung bestückt.

 

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