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Mammutprojekt in Farbe: Junior Toscanelli im Kunstverein und in der Galerie am Saumarkt

In Zeiten, da viele Künstler auf Digitales, Fotos und Installation setzen, malt Junior Toscanelli. An zwei Orten in Ulm stellt er jetzt sein Mammutprojekt vor.

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  • Kleinformate nach Kindler: Junior Toscanelli setzt sich in seiner Ausstellung „Malerei Lexikon“ im ganz eigenen, modernen Malstil mit den Vorläufern seiner Kunst auseinander. 1/2
    Kleinformate nach Kindler: Junior Toscanelli setzt sich in seiner Ausstellung „Malerei Lexikon“ im ganz eigenen, modernen Malstil mit den Vorläufern seiner Kunst auseinander. Foto: 
  • Die Leinwände verschickt der Künstler in Schubern, die ebenfalls sorgfältig der Enzyklopädie nachempfunden sind. 2/2
    Die Leinwände verschickt der Künstler in Schubern, die ebenfalls sorgfältig der Enzyklopädie nachempfunden sind. Foto: 
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294 Leinwände, größtenteils in 16 rechteckige Kartons und darin wiederum in rote Leinenschuber verpackt, sind vergangene Woche beim Kunstverein Ulm angekommen. Je 27 auf 24 Zentimeter klein, penibel beschriftet und nummeriert. Dazu vier großformatige Ölgemälde, eines davon noch so feucht, dass sich weder Co-Kurator Stefan Skowron von der Düsseldorfer Galerie Till Breckner noch die Mitarbeiter des Kunstvereins ans Auspacken wagten.

Damit warteten sie bis Anfang dieser Woche, als der Künstler, Junior Toscanelli, von Düsseldorf  nach Ulm anreiste. Derzeit ist er persönlich mit der Hängung seiner Werke im Schuhhaussaal und in der Galerie von Bernd Geserick am Saumarkt beschäftigt. Dort sind von Samstag an weitere rund 100 Arbeiten des gebürtigen Siegburgers zu sehen, darunter wohl auch seine Version von Vermeers berühmtem „Mädchen mit dem Perlenohrring“ – macht insgesamt an die 400 Toscanellis in Ulm.

„Eine reiche Fülle“, meint Skowron – und doch nur ein kleiner Teil von Toscanellis Mammutprojekt „Malerei Lexikon“. Dieses weiter wachsende Werk umfasst Skowrons Schätzung nach bislang 1800 Gemälde. Vor etwa drei Jahren hatte der  einstige Meisterschüler von Markus Lüpertz angefangen, sich an Kindlers legendärer in den 1950er Jahren begonnener und just im Geburtsjahr des Künstlers, 1971, veröffentlichter Enzyklopädie gleichen Namens abzuarbeiten.

So heißt auch die „kleine Tournee“, die der ehemals jüngste Student an der Düsseldorfer Kunstakademie Anfang des Jahres in Kornwestheim begann und jetzt mit dem Doppelschlag an der Donau sowie nahezu zeitgleich im Osthaus Museum in Hagen fortsetzt, „Malerei Lexikon“. Toscanelli malt dazu nicht die Originale aus 2000 Jahren Kunstgeschichte nach, sondern gestaltet die Leinwände streng nach der Abbildung der Vorläufer in dem Nachschlagewerk – in Farbe oder Schwarzweiß, mit die Bilder umgebenden Weißraum oder ohne. Dabei sei dieser „zu den malerischsten Malern seiner Generation“ zählende Künstler vom Kopieren weit entfernt, betont Skowron. „Es geht um Aneignung, um Verarbeiten  und Mitnehmen dessen, was da schon drinsteckt.“

Deshalb sind in den knapp 300 Klein- und Großformaten im Kunstverein und den Bildern in der Geserick-Galerie zwar die Motive und die Komposition der Vorbilder erkennbar. Ebenso klar sind die Ölbilder – ob an Rubens, Manet oder japanischer Tuschmalerei orientiert – jedoch echte Toscanellis, übersetzt in dessen spontan-lässigen Duktus. „Die überlieferte Malerei lässt uns durch ihre Vorgabe die Schönheit der realen Welt begreifen, obwohl sie sich im Außerweltlichen völlig autark definiert“, erklärt der Künstler selbst seine Faszination mit dem kunstgeschichtlichen Kanon.

Die durch „Referenzen an den Ausstellungsort“ variierende Schau – in Ulm sind etwa das im Kindler enthaltene „Abendmahl“ von Hans Scheufelein aus dem Münster und Johann Jakob Zeillers „Anbetung des Lammes“ vom Ulmer Museum zu sehen – zieht später weiter nach Hilden, Worms und Braunschweig.

Irgendwann dürfte das Projekt wie der zwölfbändige Kindler 4200 Werke umfassen, 1200 davon in Farbe. „Da fällt einem erst auf, wie viel Farbe sich auch in einer so genannten Schwarz-Weiß-Reproduktion versteckt“, sinniert Stefan Skowron vor Toscanellis Variation auf Max Beckmanns „Heinrich George und Familie“. Die ist wie im Lexikon – aber anders als im Original – in Grautönen gemalt. Das bringt den Kunstkritiker zu einer weiteren Eigenheit von Kunstbüchern: Bei Rembrandts „Nachtwache“, die Junior Toscanelli jüngst riesengroß für die Hagener Ausstellung fertiggestellt hat, fand der Künstler beim Vergleich mit dem Original in Amsterdam heraus, dass das Kindler-Team das Gemälde offenbar teilweise beschnitten hatte.

So setzt sich der 45-jährige Vertreter einer „Malerei in ihrer reinen Form“, der Skowron zufolge über „enormes kunsthistorisches Wissen“ verfügt, mit seinem Langzeitprojekt „Malerei Lexikon“ nicht nur – im jeweils eigenen Stil – mit den Vorläufern seiner Kunst auseinander, sondern auch mit dem Sinn und den Praktiken enzyklopädischen Zusammentragens.

Künstler eröffnet beide Ausstellungen

Biografisches 1971 in Siegburg geboren, studierte der Mann, der sich als Künstler Junior Toscanelli nennt, von 1987 bis 1994 an der Kunstakademie Düsseldorf. Vor 20 Jahren hatte der in Düsseldorf lebende und arbeitende Maler seine erste Einzelausstellung. 1998 wurde er ausgezeichnet mit dem Otto-Dix-Preis.

Vernissagen „Malerei Lexikon“ ist bis 6. November im Kunstverein, Kramgasse 4, und in der Galerie am Saumarkt, Fischergasse 34, zu sehen. Eröffnet werden beide Ausstellungen am Samstag in Anwesenheit des Künstlers: die im Kunstverein um 18, die in der Galerie um 19 Uhr, Stefan Skowrons Rede setzt sich vom einen zum andern Ort fort. Der Katalog liegt im Kunstverein zur Ansicht aus, Toscanelli signiert gekaufte Exemplare dann am Saumarkt. cli

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