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Le Corbusiers Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung gehört zum Welterbe

Die Unesco hat das Werk des Architekten Le Corbusier auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt. Ein Doppelhaus steht am Stuttgarter Weißenhof.

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    Gehört jetzt zum Weltkulturerbe: Das Le Corbusier-Haus der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Foto: 
  • Le Corbusier gehört zu den großen Architekten des 20. Jahrhunderts. 2/2
    Le Corbusier gehört zu den großen Architekten des 20. Jahrhunderts. Foto: 
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An den „modernen Großstadtmenschen“ richtete sich 1927 im Stuttgarter Norden eine Ausstellung des Deutschen Werkbunds unter dem Titel „Die Wohnung“: „Berufstätig, mobil, gesundheitsbewusst“ sollte er sein. Das Plakat Willi Baumeisters sagte alles: Plüschiges, historisierendes Mobiliar ist mit einem fetten roten Kreuz durchgestrichen. So nicht!

Das Interesse war damals immens, rund eine halbe Million Besucher schauten sich in drei Monaten die schnell aus dem Boden gestampfte Weißenhofsiedlung an. Unter der Leitung Mies van der Rohes hatten zahlreiche Architekten – darunter Le  Corbusier, Peter Behrens, Hans Scharoun, Bruno Taut und Walter Gropius – 21 Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen errichtet: experimentelles, neues Bauen, wegweisend für das 20. Jahrhundert. Nur ein gewisser Paul Bonatz, ja, der Architekt des Stuttgarter Hauptbahnhofs, hatte Mies van der Rohes Pläne für diese Bauausstellung als „hoffnungslosen Dilettantismus“ bezeichnet. Trotzdem finanzierte die Stadt Stuttgart das Projekt.

Tatsächlich waren diese Häuser in der Bevölkerung umstritten, und die Nationalsozialisten wollten sie später einfach abreißen, richteten dann aber im Weltkrieg eine Flakstellung in der Siedlung ein – ein Grund, weshalb ein Teil der Häuser durch einen Fliegerangriff 1944 zerstört wurde. Doch bis heute lässt sich diese spannende Architekturgeschichte erkunden, und zwar zunächst im Weißenhofmuseum, in einem Doppelhaus, das Le Corbusier (1887-1965) entwarf. Und diese Gebäude gehören jetzt zum Weltkulturerbe, als Teil eines Antrags von sieben Ländern aus drei Kontinenten, um das Werk des schweizerisch-französischen Architekten, Stadtplaners, Malers und Gestalters zu würdigen.

Nach 2009 und 2011 debattierte das Welterbekommitee der Unesco ein drittes Mal über diese Nominierung. Gestern nun kam das Okay auf der Tagung in der türkischen Metropole am Bosporus. Schon am Samstag hätte Le Corbusier auf der Tagesordnung stehen sollen, dann war die Beratung wegen des Militär-Putsches abgesagt und auf Sonntagmorgen verschoben worden. 17 Gebäude und Komplexe Le Corbusiers sind zum Weltkulturerbe erklärt worden (und stehen damit auf einer Liste mit den Pyramiden von Gizeh, dem Kölner Dom oder dem Zentrum von Rom). Der universelle Wert der Bauten Le Corbusier scheint jetzt also erwiesen zu sein: Die Unesco rühmt diese Architektur als ein „Zeugnis der Globalisierung der Moderne“.

Zu seinen populärsten Bauten gehört die Chapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, aber Le Corbusier war zunächst ein Pionier des neuen Wohnens. Der Blick von außen aufs Gebäude in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, in der Rathenaustraße? Sehr vertraut. Klare Linien, kubische Formensprache, freie Fassadengestaltung mit  Langfenstern, Dachgarten. So baut heute jeder bessere, unspießige Architekt. Aber vor 90 Jahren war das Avantgarde.

In der linken Hälfte des Corbusier-Doppelhauses ist eine Dokumentation über die Geschichte der Weißenhofsiedlung zu studieren: 2002 erwarb die Stadt Stuttgart das Doppelhaus, und nach einer umfassenden Instandsetzung der Innenräume, der Fassaden und des Gartens steht das Gebäude seit 2006 als Weißenhofmuseum zur Verfügung.

Die Räume der rechten Haushälfte aber sind rekonstruiert, inklusive der im Bauhaus-Gedanken durchgestylten Einrichtung. Modern Times bei Le  Corbusier: Ein wundervoll eng geschwungenes Treppenhaus, und der Mensch wohnt dann in der Maschine, zumindest in einer Art Schlafwagen mit Schiebetüren; die Feldbettgestelle holt er abends aus dem Schrank. Das schafft Freiheit. Wichtiger noch: die Schiebefenster, denn frische Luft brauchte der Mensch, das half vor allem auch gegen Epidemien. Die Weißenhofsiedlung war ein Gegenentwurf zu den überbevölkerten, stickigen, naturfernen Mietskasernen. Deshalb war für Le  Corbusier sowieso die Dachterrasse das eigentliche Wohnzimmer, und die Aussicht auf Stuttgart ist vom Killesberg aus grandios.

Trotzdem, fürs radikal schlichte Haus Le  Corbusiers fand sich 1927 lange kein Mieter. Das aber sollte das Prinzip der Bauausstellung der Weißenhofsiedlung sein: Alle Modellhäuser sind voll funktionsfähig. Das erlebnishafte Terrassenhaus des Peter Behrens oder das riegelartige Mehrfamilienhaus Mies van der Rohes sind bis heute bewohnt. Und – von außen gesehen – eine Touristenattraktion.

Baumeister der Moderne

Der Architekt. Le Corbusier (eigentlich Charles-Edouard Jeanneret) zählt zu den einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er wird  am 6. Oktober 1887 als Sohn eines Designers und einer Musiklehrerin in La Chaux-de-Fonds (Schweiz) geboren. Nach einer Ausbildung zum  Maler, Graveur und Goldschmied studiert er von 1904 an Architektur. 1917 zieht Le Corbusier nach Paris, 1919 veröffentlicht er seine avantgardistischen Architekturkonzepte in der Zeitschrift „L‘Esprit Nouveau“. Seine Schriften erscheinen 1923 auch als Buch („Vers une Architecture“).

Die Bauten 1927 beteiligt sich Le Corbusier am Bau der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Von 1929 an ist er als Städteplaner weltweit unterwegs: Er baut das Nachtasyl der Heilsarmee und das Schweizerische Haus der Cité universitaire (beide Paris). Und privat? Heiratet er 1930 Yvonne Galli. Zwischen 1936-1945 entsteht sein Entwurf für das Bildungsministerium in Rio, 1943 ruft Le Corbusier in Paris die „Vereinigung der Konstrukteure für eine architektonische Erneuerung“ ins Leben. Zu seinen wichtigsten Nachkriegsbauten zählen der Wohnkomplex Unité d‘habitation in Marseille und die Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp. dpa

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