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Kunstmuseum Stuttgart erzählt den Jazz in Bildern

Das erste Pop-Phänomen - war der Jazz, behauptet das Kunstmuseum Stuttgart. Und untermauert seine These mit einer großen Bilderschau. "I Got Rhythm" illustriert nicht zuletzt die Liebe der Maler zur Musik.

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    Emanzipation der Frau: Lotte B. Prechner "Jazztänzerin" tritt 1929 Marlene-mäßig androgyn, in Hosen und Hut auf. Foto: 
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    Freiheitskampf der Afroamerikaner: Andy Warhols "Little Race Riot" aus dem Jahr 1964. Foto: 
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Wenn ihr im Büro alles zuviel wird, dann schleiche sie sich hierher, flüstert Ulrike Groos im Dunkeln. Und wer weiß, ob die Museumschefin dann nicht auch heimlich tanzt, wenn keiner da ist. In der Kabine im obersten Stockwerk des Stuttgarter Kunstmuseums kann man eigentlich gar nicht anders, als mit den Füßen zu wippen und den Fingern zu trommeln. Denn dort spielt die Musik, um die sich derzeit fast das ganze Haus dreht: "I Got Rhythm" heißt die große Jubiläumsausstellung zum Zehnjährigen über "Kunst und Jazz seit 1920".

Hier oben ist es der stimulierende, hypnotisierende Funk-Jazz der 70er, den Stan Douglas in einer Videoinstallation wiederauferstehen lässt. In seinem nachgebauten New Yorker Columbia Records Studio, wo einst Miles Davis aufgenommen hat, lässt er Musiker spielen; die Trompete ist abwesend, dafür grooven Schlagzeug, Percussion, Gitarre und Keyboard in Endlosschleife - ein sechsstündiger Loop ohne Anfang und Ende. Der Jazz ist tot? Beim Gang durch das Kunstmuseum beginnt man, an seine ewige Wiedergeburt zu glauben.

Und das liegt tatsächlich an den Bildern. Fast ausschließlich Leihgaben aus aller Welt sind hier zu sehen, nur an Willi Baumeister und Otto Dix "Großstadt"-Triptychon aus der eigenen Sammlung führt natürlich kein Weg vorbei. So unmöglich es für ein einzelnes Gemälde sein mag, die Musik auf ein Motiv einzufrieren - allen Bildern gemeinsam gelingt es, ein historisches Panorama zu malen.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert schließlich malen die Künstler zu Jazz, über Jazz, in der Jazz-Session oder spielen selbst. Das geht von Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Henri Matisse und Piet Mondrian zu Jackson Pollock, Andy Warhol und Richard Hamilton hin zu Jean-Michel Basquiat. Die aktuellste Arbeit aus diesem Jahr stammt von dem afroamerikanischen Künstler Rashid Johnson. Keine nerdige Fachtümelei also, das Kunstmuseum fährt im Gegenteil die bunte, breite Kunstgeschichte seit dem 20. Jahrhundert auf.

Denn, so die Arbeitsgrundlage der Kuratoren: "Der Jazz ist das erste weltweite Pop-Phänomen" - mit Stars wie Josephine Baker, der ein ganzer Raum, unter anderem mit dem Mappenwerk "Le tumulte noir" von Paul Colin gewidmet ist. Was in den USA als "süchtigmachende" Tanzmusik beginnt, schwappt in den 1920ern nach Europa über und entwickelt sich zum Sound der Moderne. In seinen ebenso irritierenden wie elektrisierenden Brüchen, seiner irrsinnigen Dynamik und nervösen Fragilität antwortet der Jazz auf ein Lebensgefühl, das von Gegensatz, Widerspruch, Tempo geprägt ist.

Nicht umsonst malt Arthur G. Dove, einer der ersten abstrakten Maler Amerikas, 1927 nach einem Ragtime: "Orange Grove in California, by Irving Berlin". Den ver-rückten Rhythmus kann man aber auch geometrisch-abstrakt fassen, so wie Frank Stella. Dass der Jazz nicht nur harmonische Strukturen, sondern auch das Wertekorsett sprengte, zeigt schon der Aufzug - vielmehr Anzug - von Lotte B. Prechners "Jazztänzerin" (1929), wie Marlene Dietrich in Hosen und Zylinder. Die Musik gibt den Takt für den Wandel - und wird zum Akt des politischen Widerstands, etwa im "Dritten Reich": K.R.H. Sonderborg war als "Swing Boy" im KZ inhaftiert.

Als populäre Tanzmusik wird der Jazz vom Rock'n'Roll abgelöst, als Soundtrack der afroamerikanischen Freiheitsbewegung spielt er - und alles, was man mit ihm anstellen kann - weiter eine bestimmende Rolle. Billie Holidays Anklage der Lynchjustiz in ihrem Protestsong "Strange Fruit" hat Joe Overstreet 1965 ins Bild gebracht, unheimlich ragen die Masken des Ku-Klux-Klans hervor. Immer wieder tritt die dominierende europäische Kunst ins Gespräch mit afroamerikanischen Werken.

Und so zeigt uns Ernie Barnes, woraus Jazz entstanden ist. In seiner "History of Jazz" hat er es auf eine Wand gemalt: "Slavery", "Work Songs", "The Blues", "Charlie Parker". Aber was diese Musik "ist" - das sagen uns die eigenen wackelnden Zehen und gespitzten Nervenenden wohl am besten. Auch dafür ist hier gesorgt: Auf der Tracklist des Medienguides erzählen Artie Shaw und Charles Mingus, Count Basie und Bessie Smith, Louis Armstrong und John Coltrane ihre Geschichte des Jazz, in Tönen.

Musikalisches Begleitprogramm

Die Schau "I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920" bis 6. März im Kunstmuseum Stuttgart. Di-So, 10-18 Uhr, Fr 10-21 Uhr. Dazu ist ein Katalog erschienen (35 Euro im Museum, 49.95 im Buchhandel).

Die Musik Diverse Konzerte begleiten die Ausstellung, beginnend mit Wolfgang und Flo Dauner (20.10.), es folgt Jason Moran (1.11.) und am 12.12. "Reinventing J.E.B. - Ein Jazzpianist wird remixt" . Tickets und Infos zu allen weiteren: www.kunstmuseum-stuttgart.de

 

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