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Kunstmuseum Stuttgart ehrt Willi Baumeister mit großer Retrospektive

"Deutsche Kunst von internationalem Wesen" bescheinigte ihm sein Freund Fernand Léger: Wie der abstrakte Maler Willi Baumeister von Stuttgart in die Welt ausstrahlte, zeigt jetzt das Kunstmuseum Stuttgart.

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  • Da ist der Künstler schon in der Abstraktion angekommen: Willi Baumeisters Gemälde "Apoll und der Maler" aus dem Jahr 1921. Fotos: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart/VG Bild-Kunst Bonn 1/2
    Da ist der Künstler schon in der Abstraktion angekommen: Willi Baumeisters Gemälde "Apoll und der Maler" aus dem Jahr 1921. Fotos: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart/VG Bild-Kunst Bonn
  • Fernand Léger und Willi Baumeister (rechts) in Paris 1930. 2/2
    Fernand Léger und Willi Baumeister (rechts) in Paris 1930.
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Wie kurios: Zwei tiefernste Strichmännchen reichen einander die Hände. Der mit Brille und Knollennase ist der Künstler selbst. Willi Baumeister hat das lustig wie einen Comic auf eine Postkarte gekritzelt, dabei handelte es sich bei dem Strichmännchen-Gipfel 1948 um einen hochoffiziellen Akt. Ein Baumeister-Bild wurde als Geschenk an den französischen Staat ausgewählt. Eine Geste der Versöhnung.

Das rührende Zeugnis neuer Anerkennung für den politisch wie ästhetisch aufrecht gebliebenen Deutschen ist eine der vielen Archivalien, die rund 200 Werke in der aktuellen Ausstellung in Stuttgart begleiten. "Willi Baumeister International" heißt die Schau, die das Kunstmuseum auf drei Stockwerken zeigt. Skandalöserweise ist es die erste große Retrospektive seit 1954 in Baumeisters Heimatstadt, der er - mit Unterbrechungen - zeit seines Lebens treu geblieben war. Dort wurde er geboren, dort studierte er bei Adolf Hölzel, dort wurde der von den Nazis geschmähte, große abstrakte Maler und Theoretiker Willi Baumeister (1889-1955) im Jahr 1946 selbst Kunstprofessor.

Dass es sich um einen Stuttgarter mit Weltgeltung handelt, proklamiert der Titel der Schau. Wers nicht glaubt, den belehrt der Inhalt der Vitrinen, herausgesucht vom Archiv Baumeister: Da sind Fotos mit Kollegen-Freunden wie Fernand Léger, Oskar Schlemmer und Piet Mondrian. Materialien zu Ausstellungen in Frankreich, Italien, USA, Brasilien, Japan. Die Privat-Sammlung mit Blättern von Kandinsky, Chagall und El Lissitzky. Die Werkliste für die Biennale in Venedig 1952, der Katalog der ersten documenta 1955. Und der Katalog der Ausstellung "Twentieth Century German Art" 1938 in London - die Gegenveranstaltung zur Schmäh-Schau "Entartete Kunst" der Nazis. Denn auch deren "Ausstellungsführer" kam an Baumeister nicht vorbei.

Doch man beginnt bei den hellen Tagen der 1910er-Jahre, als auch der junge Stuttgarter vom Licht der Impressionisten gefangen war und sichtbar Cézanne nacheiferte. Nach dem Ersten Weltkrieg findet er zwischen französischen Kubisten und russischen Konstruktivisten seinen eigenen Weg in die Abstraktion. Die "Mauerbilder", hier schön zentral inszeniert, bringen ihm Ruhm in Paris, wo man seinen "undeutschen", nicht-expressionistischen Stil schätzte. 1922 stellt Sturm-Galerist Herwarth Walden Baumeister und Léger zusammen aus - später werden die beiden Freunde fürs Leben.

Der Deutsche wird sein Netzwerk auch unter widrigen Umständen noch pflegen, eine Postkarte von Le Corbusier 1944 zeugt davon ("Er ist ein guter Mensch", freut sich der von der Kunstwelt isolierte Willi Baumeister).

1928 aber erhält er noch eine Professur an der Frankfurter Städelschule, die ihm fünf Jahre später entzogen wird. Seit 1941 gilt für ihn Mal- und Ausstellungsverbot. Was tun? Baumeister schreibt "Das Unbekannte in der Kunst" - und er zeichnet. Er greift auf die uralten Menschheitszeugnisse zurück, auf Gilgamesch, das Alte Testament. Die Bibel mit den roten Anstreichungen liegt in der Vitrine. Der zu sehende Saul-Zyklus ist ein Beispiel für Baumeisters Beschäftigung mit archaischen Formen; lange davor hatten sie Einzug in seine organischer werdenden Bilder gehalten. Rätselzeichen auf welthaltigem Grund: Das Lieblingsbeispiel der Ausstellungsmacherinnen ist die Frottage vom Toilettenfenster.

Kuratorin Ilka Voermann und die Archivarinnen haben sich von keiner These oder Chronologie versklaven lassen, und trotzdem wirkt die Bilder- und Dokumentenfülle wie von ruhiger Hand geordnet. Das passt zu diesem Oeuvre, das meist so konzentriert, so formbewusst und sicher auftritt. Der Betrachter kann sich mit Werkgruppen auseinandersetzen, wird wie am unsichtbaren Band geführt - bis ihn oben die berühmten Montaru-Bilder belohnen. Nicht weit davon hängt das eingangs erwähnte Versöhnungsbild, aus dem Pariser Centre Pompidou geliehen. "Strandbild" hatte es auf Deutsch geheißen. "Jour heureux" heißt es jetzt auf Französisch.

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