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Immer wieder anders nicht fertig werden

Wie geht es weiter mit der Kunst? Die Ausstellung "Übermorgenkünstler" in Baden-Baden überlässt es Studenten und Absolventen, eine Antwort zu finden. Aber die eine Antwort kann es sowieso nicht geben.

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Kunst von übermorgen? Eine Szene aus Deniz Eroglus Video "Singing Kebab - Fleisch of my Life".  Foto: 

Georg Winter hat vorsorglich ein Deeskalationsprogramm aufgebaut. Auf der Übungsmatte liegt der Revolver für den Studenten, an der Wand hängt die Schutzweste für den Professor - die Grundausstattung für alle Kunsthochschulen, an denen "überhaupt noch" eine leidenschaftliche Auseinandersetzung zwischen Lehrenden und Lernenden gepflegt werde, schreibt Winter. Der Professor der HbK Saarbrücken deutet es an: Von einem Kampf der Generationen ist nicht viel zu merken beim Gang durch die Ausstellungen der Kunsthalle Baden-Baden und der Gesellschaft der Freunde junger Kunst.

Den Jungen ist dabei die große Museumsbühne vorbehalten. "Übermorgenkünstler" heißt die Ausstellung mit Arbeiten von 35 Studenten und Absolventen, ausgewählt aus Kunstakademien im Dreiländereck: Basel, Frankfurt, Karlsruhe, Mainz, Mulhouse-Straßburg, Saarbrücken und Stuttgart. Die jeweiligen Lehrer haben sich mit ihren Arbeiten diskret ins Alte Dampfbad verzogen, aber ein Blick dorthin hilft zu verstehen, wie schwierig die Auseinandersetzung mit Altvorderen sich gestalten muss, die den Kunstbegriff bereits in tausend Stücke zerbröselt haben. Foto, Video, kinetische Kunst, Aktion - alles schon da. Was tun also?

Ironisch zitieren, so wie Sophie Inmann, die mit einer Bierflasche rosa Farbe an die Wand spritzt, was man als Referenz auf Jackson Pollock interpretieren kann - oder halt einfach ein bisschen niedlich finden. Finden tut man auch: zeitgeistige Recherche in Vitrinen (Jonas Zilius), optische Spiele als Wandgemälde (Frida Ruiz), hintergründig-stylishe Fotografie (Ann-Kathrin Müller) und Performativ-Privates wie Anette C. Halms Video "12 ways to leave your lover" oder das Skype-Tagebuch einer Fernbeziehung von Flurina Badel und Jérémie Sarbach.

Identitätsfindung, (manipulierte) Körperlichkeit, Spielarten der Sexualität, virtuelle und reale Beziehungen, das seien überhaupt große Themen derzeit, sagt Petra von Olschowski, die als Rektorin der Stuttgarter Akademie in der Jury von "Übermorgenkünstler" saß. Die Studenten seien heutzutage eben schlicht jünger. "Und bestimmte Themen tauchen immer wieder auf, weil wir damit noch nicht fertig sind." Die Frage der Geschlechterrollen etwa - davon erzählt die großformatig knallige Video-Sound-Installation "Supernature" von Lotte Meret Effinger.

Noch etwas hat die Rektorin auch an der eigenen Akademie bemerkt: "Es geht nicht so sehr um Ego-Trips, sondern um gemeinschaftliches Entwickeln von Ideen." Statt Gruppenbildung beobachte sie ein kollegiales Miteinander auf Zeit. Denn auch in Baden-Baden präsentiert sich eine Generation, die unterwegs ist, der die Erfahrung von Distanz und Fremdsein so geläufig ist, dass sie souverän und witzig damit spielen kann - man nehme nur die fliegende Döner-Scheibe in Deniz Eroglus Animation "Singing Kebab".

Dass intelligente Konzeptkunst ohnehin zeitlos ist, führt Raphael Sbrzesny in dem Video "L'Histoire du Soldat" vor. Auf einem weißen Pferd sitzend, trommelt er als lebendes Reiterstandbild einen Marsch von Strawinsky. Das schöne, irritierte Tier tänzelt, hält inne, und wird je länger je mehr zum eigentlichen Subjekt des Films. Ein Wesen mit Geschichte und Gegenwart und dem unbestimmten Gefühl, keine Antwort zu erhalten. Mit manchen Themen werden wir wirklich nie fertig, immer wieder anders.

Info "Übermorgenkünstler" läuft bis 4. Oktober in der Kunsthalle Baden-Baden. Die Kunstakademie in Stuttgart lädt von Freitag (13 bis 23 Uhr) bis Sa/So (12 bis 20 Uhr) zum Rundgang, bei dem die Studierenden ihre Arbeiten zeigen.

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