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Große Retrospektive für den französischen Maler in der Fondation Beyeler

Was hat der aus dem 19. Jahrhundert stammende französische Maler Gustave Courbet in der modernen Fondation Beyeler zu suchen? Es stellt sich heraus, dass dieser Künstler ein veritabler Avantgardist war.

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Meisterliche Naturstudien: Gustave Courbets "La Vague" (die Welle) von 1869.  Foto: 

Das werden sich vor allem die Stammgäste der Fondation Beyeler fragen. Warum in drei Teufels Namen bekomme ich hier Aktbilder, Landschaften und Genrebilder aus einem Maleratelier des 19. Jahrhunderts vorgesetzt? Wo doch genau in diesem schmucken Museumsbau an der Baselstraße im schweizerischen Riehen gerade noch Gerhard Richter, der Kunst-Superstar unserer Tage, dank seiner Groß-Pixel-Malerei und den Streifenbildern mit über 160.000 Besuchern ein Rekordergebnis eingefahren hat?

Natürlich haben sich die Ausstellungsmacher bei Beyeler etwas dabei gedacht, als ihnen der große französische Realist Gustave Courbet in den Kopf kam. Dieser 1819 als Sohn wohlhabender Grundbesitzer in Ornans bei Besançon geborene und 1877 im Schweizer Exil am Genfer See verstorbene Gustave Courbet ist für den Kurator Ulf Küster sowieso ein Sonderfall. Er zählt ihn zu den Avantgardisten und Vorreitern der Moderne, weil dieser äußerst eigenwillige und stets revolutionär gesinnte Mann von vornherein klargestellt hatte, dass er fern aller Direktiven aus akademischen Malakademien seinem ganz persönlich gestrickten Künstlertum nachgehen wollte.

Als beispielsweise 1855 in Paris eine Weltleistungsschau der bildenden Kunst ausgerufen wurde, wo vor allem die Überlegenheit der französischen Kunst mit Ingres, Delacroix und anderen hervorgehoben werden sollte und dort drei von vierzehn eingereichten Courbet-Bildern abgelehnt und aussortiert wurden, reagierte der Querkopf ungestüm. Courbet errichtete vor dem Portal der Weltausstellung einen eigenen Pavillon, über dessen Tür die Schrift aufleuchtete: "Du Realisme. G. Courbet. Exposition de quarante tableaux de son oeuvre."

Courbet war der Ansicht, dass der Künstler nur sich selbst verantwortlich sei und ihm keiner reinzureden habe. Und wenn es sein musste, war dieser stark ichbezogene Malartist Courbet auch durchaus in der Lage, seine Kunst selbst zu vermarkten. Dieses Künstlerbild entspricht doch haargenau den heutigen Befindlichkeiten und Gepflogenheiten in der Kunstszene.

Und in Riehen stellt man auch in dem mit Selbstporträts des Künstlers gepflasterten Ausstellungskabinett "Bonjour Monsieur Courbet" fest, dass unsere total angesagte Selfie-Manie ein ganz uralter Hut ist. Was anno 2014 in Sachen eitler Selbstbespiegelung alles via Handy und Smartphone unentwegt ins Netz gestellt wird, das hatte Gustave Courbet damals im 19. Jahrhundert in tausend Varianten schon alles drauf. Nur wurden seine unterschiedlichsten Rollenspiele eben in Ölmalerei und auf Leinwand ausgegeben, denn von digitaler Technik war da - versteht sich - noch keine Rede.

Wie revolutionär dieser Gustave Courbet war, das illustriert auch seine ganz dem Realismus verpflichtete Malweise, die schließlich in dem Skandalbild von 1866 "LOrigine du Monde" gipfelte, als Courbet einen unverhüllten Frauen-Unterleib porträtierte und ihn zum Ursprung der Welt erklärte. Bei Beyeler hängt dieses meist im Depot schlummernde Provokationsstück aus dem Pariser Musée d´Orsay so einträchtig friedlich und harmlos zwischen Courbets Aktbildern und den Höhlen-und Grottenbildern, dass man die Aufregung um diese Bild-Ikone der Kunstgeschichte nicht mehr so recht nachempfinden kann.

Was aber vor allem Malergrößen wie Claude Monet, Pablo Picasso oder Henri Matisse an Gustave Courbet so faszinierte, das war die Art, wie Courbet die Farbe als stilbildendes Bildmaterial einsetzte. Courbet hat auch den Farbauftrag revolutioniert. Er hat die Farbe zuweilen richtig dick aufgetragen, hat sie oft mit dem Messer, mit den Fingern oder mit dem Spachtel auf die Leinwand aufgebracht. Was den Courbet-Nachfahren Gerhard Richter dazu veranlasste, zwei seiner abstrakten Farbstudien von 1986 mit "A B, Courbet" zu betiteln.

Übrigens gibt es zwischen Richters fotorealistischen und romantisch gestimmten Landschaften ungemein viele Verbindungen zu Courbets Naturstudien, wobei Courbet wie etwa in seiner meisterlichen und sehr spektakulären "Wasserhose" von 1866 noch eine Schippe mehr Bilddramatik als sein Kollege Richter auflegen kann.

Ausstellung

Öffnungszeiten Die Courbet-Ausstellung läuft bis 18. Januar in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel: täglich 10-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr. Die Ausstellung ist Teil der Saison Courbet, einer Kooperation mit den Musées dart et dhistoire in Genf, die im Musée Rath eine Schau mit dem Fokus auf Courbets Schweizer Jahren zeigen.

SWP

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