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Allianz-Arena, Olympiastadion Peking, Elbphilharmonie. Jetzt haben Herzog & de Meuron das Museum Unterlinden in Colmar umgebaut und erweitert: unspektakulär. Die Sensation bleibt der Isenheimer Altar.

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  • Das Engelskonzert und Maria mit dem Jesuskind: zwei Bildtafeln aus dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald. 1/4
    Das Engelskonzert und Maria mit dem Jesuskind: zwei Bildtafeln aus dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald. Foto: 
  • Neu präsentiert: der Isenheimer Altar. 2/4
    Neu präsentiert: der Isenheimer Altar. Foto: 
  • Picassos "Guernica" als Wandteppich. 3/4
    Picassos "Guernica" als Wandteppich. Foto: 
  • Die neuen Gebäude des Museums Unterlinden. 4/4
    Die neuen Gebäude des Museums Unterlinden. Foto: 
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Im ausgehenden Mittelalter haben sie die Todkranken nach Isenheim gebracht und vor dem Hochaltar der Klosterkirche der Antoniter gelagert. Grausames sahen die Menschen, die an dem höllischen Antoniusfeuer litten: den ans Kreuz genagelten Christus. Auch der hat furchtbare Schmerzen: die Finger krampfartig gespreizt, der ganze Körper übersät von Holzsplittern und Hautrissen. Die Füße zerschunden, nur noch Fleischklumpen, und zerfließend gemalt vor 500 Jahren von Matthias Grünewald, wie es Jahrhunderte später die Surrealisten tun werden. Ein drastisches, packendes Passions-Schauspiel. Und es sagte den Gläubigen: Christus leidet noch erbärmlicher als wir. Das tröstete.

Aber dann das Engelskonzert. Oder die so glückliche Maria mit dem Jesuskind. Oder die Auferstehung: eine Explosion des Lichts. Im regenbogenfarbenen Heiligenschein fährt Jesus in den Himmel hoch und zeigt seine Hände so strahlend cool, so verblüffend real, als sagte ein fröhlicher Wanderprediger: Hey Leute, Peace! Schaut her, mich haben sie ans Kreuz genagelt, das seht ihr an meinen Händen mit den blutenden Wundmalen, also das könnt' ihr mir wirklich glauben, ich habe den Tod besiegt! Und unter ihm purzeln die geschlagenen Soldaten durcheinander.

Bilder über Bilder, stundenlang möchte man den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald (und des Schnitzers Nikolaus von Hagenau) erkunden und bestaunen. Der zwischen 1516 und 1520 entstandene Altar dient schon lange nicht mehr der religiösen Praxis, er gehört zu den großen Meisterwerken abendländischer Kunst. In den Wirren der Französischen Revolution wurden die Gemälde und Skulpturen 1792 ins nahe Colmar gerettet. Seit 1853 steht der Wandelaltar mit zwei Doppelflügeln (und damit elf Gemälden), der den Kunsthistorikern bis heute so viele Rätsel aufgibt, aufgeschlagen in der Kirche des ehemaligen Domikanerinnenklosters Unterlinden, das damals zum Museum geworden war.

Fast 200 000 Besucher zählt es heute pro Jahr, so viel wie kein anderes Museum in Frankreich außer dem Louvre. Es könnten im elsässischen Colmar jetzt noch mehr werden. Für 44 Millionen Euro sanierte und erweiterte das weltberühmte Baseler Architektenbüro Herzog & de Meuron das Unterlindenmuseum - und das wird, im Gegensatz zur Hamburger Elbphilharmonie, ziemlich pünktlich fertig. Jedenfalls bis Ende Januar "zu 90 Prozent", wie Chefkuratorin Pantxika de Paepe sagt. Dann soll auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande, der derzeit wegen des Kriegs gegen den IS-Terror, der Klimakonferenz und den Regionalwahlen sowieso keine Zeit hat, zum Festakt kommen. Aber für das Publikum öffnet das Museum, das seine Ausstellungsfläche auf 8000 Quadratmeter fast verdoppelte, am Samstag.

Die Münchner Allianz-Arena oder das Olympiastadion ("Vogelnest") in Peking haben die Pritzker-Preisträger entworfen, aber in Colmar bauten Herzog & de Meuron erstaunlich bis enttäuschend unspektakulär - aber durchdacht, souverän, angemessen. Ihre moderne Architektur respektiert das renovierte mittelalterliche Kloster (Holzdecken freigelegt, Kreuzgang-Fenster wieder aufgebrochen) nicht nur, sie versteckt sich. Eine neue Schauseite ist das gegenüberliegende Jugendstil-Stadtbad Colmars (aus der deutschen Zeit), das die Architekten gewissermaßen trockengelegt haben: als Raum für Veranstaltungen. Direkt angebunden ist der unauffällige Neubau, Ackerhof genannt. Der erinnert mit seinem hohen Giebeldach aus Kupfer an die Dominikanerinnen-Kirche gegenüber: eine raue Fassade aus von Hand gebrochenen Ziegeln, zwei Spitzbogenfenster zum Apfelbäumchen-Gärtchen. Sonst nichts.

So ist eine Art Klosteranlage mit zwei Museumskomplexen entstanden: eine städtebauliche Tat, denn verschwunden sind eine Bushaltestelle und ein Parkplatz. Jetzt fließt durch den neuen urbanen Platz ein kleiner Kanal. Und ein Häuschen, eher eine schüchterne Steinhütte, ermöglicht Passanten einen Blick in die Galerie, die das Unterlindenmuseum der alten Kunst von Martin Schongauer bis Grünewald mit dem Neubau unterirdisch verbindet.

Dieser "Ackerhof" bietet auf drei Ebenen weißen, eng bestückten Raum für die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine ganze Menge Jean Dubuffet ist zum Beispiel versammelt, und Picassos "Guernica" als Tapisserie ist die große Attraktion. Das Ehepaar Dürrbach webte den Wandteppich 1976, autorisiert vom Künstler, nur drei wollene "Guernicas" sind so entstanden, einer hängt im Sitzungssaal des UN-Sicherheitsrats in New York.

Aber der Isenheimer Altar lohnt die weiteste Reise nach Colmar: In der jetzt hell mit Parkettboden ausgelegten Klosterkirche sind die bemalten Tafeln durch burgundfarbene Stahlträger licht gerahmt und gesichert. So wirkt Grünewalds grandios biblisch-dramatische Erzählung noch musealer, kunstvoller.

Matthias Grünewald und viel mehr

Eröffnung Nach drei Jahren Umbauzeit öffnet das Unterlindenmuseum an diesem Samstag wieder und fortan täglich außer Dienstag von 10 bis 18 Uhr. Die erste Sonderausstellung im Neubau widmet sich vom 8. Oktober 2016 an dem Thema "Otto Dix und der Isenheimer Altar". Die elsässische Stadt Colmar, 105.000 Einwohner groß, liegt am Oberrhein zwischen Straßburg und Basel.

Künstler Matthias Grünewald, auch Mathis Gothardt Nithart genannt, ist einer der bedeutendsten Maler der Hochrenaissance - und ein großes Rätsel der Kunstgeschichte. Er stammte wohl aus dem Mainfränkischen, vielleicht Aschaffenburg, und starb 1528 in Halle/Saale. Viel mehr weiß man nicht. Der Isenheimer Altar entstand zwischen 1512 und 1516. Zu den weiteren Hauptwerken gehört die "Stuppacher Madonna", die in der Stuppacher Pfarrkirche Maria Krönung nahe Bad Mergentheim zu sehen ist.

 

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