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Gemalter Holocaust im Museum Frieder Burda

Kann man mit den Mitteln der abstrakten Malerei das Grauen von Auschwitz beschwören? Gerhard Richter versucht es mit dem 2014 entstandenen "Birkenau"-Bilderzyklus im Museum Frieder Burda in Baden-Baden.

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    Sollen ähnlich einem Musikstück Stimmungen erzeugen, Atmosphäre schaffen: Zwei von Gerhard Richters "Birkenau"-Bildern in Baden-Baden. Foto: 
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    Gerhard Richter zu Gast in Baden-Baden. Foto: 
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Das Geschehen in den Konzentrationslagern, wie soll man das millionenfache Morden, wie soll man die Schoah, diese unermessliche Katastrophe, wie soll man die Ungeheuerlichkeiten des Holocaust fassen? Wie umgehen mit dieser Thematik? Seit zig Jahren suchen auch die zeitgenössischen Künstler hierzulande nach einer Beantwortung der Frage, ob solche unglaublichen Vorgänge überhaupt vermittelbar, darstellbar sind.

Natürlich gibt es eindrucksvolle Gedenktafeln, auch Mahnmale, die es vermögen, so einen Ort wie Auschwitz wieder in die Gegenwart zu holen. Aber die oft eigensinnig auf Individualität pochenden Künstler suchen eben ihren ganz persönlichen Ausdruck für ihre Trauerarbeit. Sie bevorzugen, wenn sie denn fündig werden, meist die kleine bescheidene Geste. So etwa der Berliner Künstler Gunter Demnig mit seinen Stolpersteinen, wo auf einem ins Straßenpflaster eingelassenen Messingquadrat die schlichten Schriftzeichen "Deportiert 1942" und "Ermordet 1942 in. . ." genügen, um das Unbegreifliche auf ergreifende Weise spür- und sichtbar zu machen.

Wie aber reagiert ein so auf Großformate fixierter Maler wie Gerhard Richter auf diesen wohl schrecklichsten Abschnitt der deutschen Geschichte, ein Maler, der nicht nur einmal erwähnt hat, dass "Kunst immer mit Not, Verzweiflung und Ohnmacht" zu tun hat? Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden wird jetzt offenbar, welche Schwierigkeiten speziell seine abstrakte Malerei dabei hat, ein so diffiziles Thema wie Auschwitz anzugehen. Denn das Thema treibt ihn schon seit 1967 um. Eine Sisyphusarbeit war es für Richter, bis er 2014 schließlich seine vier wandfüllenden "Birkenau"-Bildtafeln fertig hatte. Die Reihe spiegelt den immens aufwendigen Vorlauf dieser Arbeiten - mit zahlreichen in seinem Bilder-Atlas gesammelten KZ-Fotografien, Hochvergrößerungen, Zeichnungen von Häftlingen und vielen dazugehörenden malerischen Probeblättern.

Hatte es Richter bei den 15 Grisaille-Bildern "18. Oktober 1977" noch mit Hilfe seines legendären Unschärfe-Realismus geschafft, den bedrückenden Selbstmord der RAF-Mitglieder in Stammheim auf Leinwand zu bannen, wollte er sich bei der Birkenau-Folge einmal mehr ganz der Abstraktion verpflichten. Nur die mit dem Rakel über die Fläche gezogenen Farbbahnen standen hierfür zur Verfügung.

Gewiss hat Gerhard Richter schon wunderbare Beispiele dafür abgeliefert, dass Fotografie durch Übermalung in eine andere Dimension geführt werden kann. Aber aus dem KZ geschmuggelte Fotoabzüge mit Leichenbergen taugen nicht für malerische Experimente. Richter weiß genau, dass seinem abstrakten Malhandwerk enge Grenzen gesetzt sind. In Baden-Baden bekennt er, dass alle seine Birkenau-Bilder im Hinblick auf die KZ-Fotos, die er stets im Kopf hatte, gemalt wurden. Es sind Zuschreibungen, es ist eine Hommage, es sind Huldigungen.

Und er arbeitet hier ähnlich wie bei seinem J. S. Bach gewidmeten Bilder-Zyklus einem Komponisten gleich. Beim Betrachten der Birkenau-Folge soll man den Eindruck gewinnen, die Bilder verströmten wie Musik bestimmte Melodien, schafften Stimmungen und Atmosphäre, weckten Emotionen und auch Empathie. Mehr geht mit der abstrakten Malerei nicht, meint Richter. Wenn er das erreicht, ist er hochzufrieden. Vor den Birkenau-Bildern in Baden-Baden stehend kann ihm der Betrachter nur beipflichten. Die Botschaft ist angekommen.

Zyklus samt Vorstudien, Beigaben und Zeitgenossen

Ausstellung Der Besucher des Museums Frieder Burda in Baden-Baden wird mit den "Birkenau"-Bildern aus Gerhard Richters Atelier nicht alleingelassen. Der Malerstar befindet sich dort in bester Gesellschaft. Nicht nur ist Richters Kölner Werkstatt von den Kuratoren des Hauses Burda sozusagen komplett geplündert worden. Sämtliche erhältlichen Vorstudien zum Zyklus "Birkenau" sind zudem in die Lichtentaler Allee gekarrt worden. Darüber hinaus kamen alle in der Sammlung Burda vorhandenen Richter-Werkstücke an die Museumswände. Und die berühmten Richter-Kollegen Sigmar Polke, Andy Warhol, Carl Andre, Sol LeWitt, Blinky Palermo, Imi Knoebel und Willem de Kooning stehen mit Paradestücken bereit, um all die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der abstrakten Malerei und Objektkunst zu demonstrieren. Allerdings gilt die Aufmerksamkeit des Betrachters vorrangig den Birkenau-Beigaben. Denn es ist tief berührend, wenn die KZ-Überlebenden von Auschwitz für ihre in der Edition Suhrkamp erschienenen Memoiren-Bände "Mit meiner Vergangenheit lebe ich" als Cover die "Birkenau"-Bilder von Gerhard Richter wählen.

Infos Gerhard Richter "Birkenau", bis 29. Mai im Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr.

 

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