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Ernst Ludwig Kirchners „Modelle, Akte und Kokotten“ in der Stadthalle Balingen

Sie sind Publikumsmagneten, die Sommerausstellungen in der Balinger Stadthalle. Heute eröffnet Ernst Ludwig Kirchners „Modelle, Akte und Kokotten“.

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Ein Blickfang der Ausstellung: Kirchners „Frauen im Bade“.  Foto: 

Wenn die Verantwortlichen der Balinger Stadthalle ihre neueste Sommer-Ausstellung mit den holzschnittartig breit gezogenen Lettern „Kirchner – Modelle, Akte & Kokotten“ plakatieren, dann wollen sie zweifellos das Publikum anlocken, das ihnen bei der letzten Expressionismus-Schau 2013 mit Erich Heckel abhanden gekommen ist. Und natürlich meinen sie mit Kokotten nicht jene feuerfesten Schmortöpfe, in denen gewöhnlich die Franzosen ihre Hühnchen brutzeln. Sie denken eher an jene elegant auftretenden, aber doch etwas anrüchigen Halbweltdamen, die zur Jahrhundertwende und darüber hinaus der Männerwelt und insbesondere auch den Künstlern die Köpfe verdreht haben.

Gleichzeitig will man der absoluten Leitfigur des deutschen Expressionismus, nämlich Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), zu seinem Lorbeerkranz, den ihm die Kunstkritik längst aufgedrückt hat, noch ein klitzekleines Quantum Verruchtheit hinzufügen. Das macht sich immer gut und dürfte das Interesse an diesem Event doch erheblich steigern. Zuvorderst aber sollte man sich tatsächlich auf Kirchners Oeuvre konzentrieren und die 120 Exponate auf sich wirken lassen, die da aus dem unerschöpflichen Füllhorn des Berliner Brücke-Museums als Leihgaben für die Balinger Stadthalle herausgepurzelt sind.

Keine Frage, dass man bei Kirchner die Dramatik des expressionistischen Geschehens noch einmal doppelt verdichten kann, weil zu den damals wirklich revolutionären Umbrüchen in der Malkunst die biografischen Verwerfungen beim Künstler selbst – also seine psychischen Zusammenbrüche, diverse Sanatoriums-Aufenthalte und schließlich der Selbstmord im schweizerischen Davos – hinzuaddiert werden können. Dabei sollte eine  Ausstellung doch durch die Präsenz der Exponate wirken. Und da kann man in der Stadthalle Balingen wirklich nicht meckern. Mag man sich über das räumliche Ambiente auch etwas mokieren – eine Stadthalle ist eben eine vielen Zwecken dienende Angelegenheit –, so muss man den Farb- und Formexplosionen in diesen vorwiegend Bewegungs- und Körperstudien gewidmeten Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen doch mit höchstem Respekt und großer Bewunderung begegnen.

Gut, der eigentliche Blickfang der Ausstellung, das in den Vordergrund geschobene Großformat der „Frauen im Bade“ von 1911 strotzt nicht so vor ungestümer Kraft und Lebendigkeit. Es strahlt eher Diskretion und vornehme Zurückhaltung aus, aber da mögen noch Kirchners Begeisterung für die Wandmalereien in den indischen Ajanta-Höhlenklöstern und vielleicht auch ein gewisser Einfluss des Werks von Henri Matisse dominant gewesen sein. Stellt man aber einfach mal nur Kirchners früheres Bild von der „Artistin Marcella“ mit dem giftgrün gestreiften Kleid von 1910 daneben, dann liegen da ganze Kontinente dazwischen. Marcella befindet sich zwar auch in einer Art Ruhestellung auf dem Sofa, aber in ihr drinnen brodelt doch die Verzweiflung und das Leiden an der vermaledeiten Welt draußen, das ist Expressionismus pur, wie er eben zu Kirchner gehört. Auch der knallige zwischen Gelb, Blau und Grün changierende „Liegende Akt vor Spiegel“ von 1909 gehört dazu.

Von der Zeichnung mit den „Badenden mit Hut“ von 1913 oder auch von der „Drehenden Tänzerin“ aus dem Spätwerk von 1932 gar nicht zu reden, wo alles zusammenkommt, was den Expressionismus ausmacht: das Aufbrechen der akademischen Malmuster, die Auflösung der Figuren, die Einsprengsel der Abstraktion  zugunsten einer unglaublichen Bilddynamik, die emotional aufwühlen kann und die so ein starkes sinnliches Erleben dieser einzigartigen Kunst  befördert. So gesehen könnte diese Balinger Kirchner-Schau tatsächlich die Heckel-Präsentation von 2013 weit in den Schatten stellen. Man möchte es den Veranstaltern wünschen.

Nicht nur in der Stadthalle

Sommerausstellungen Balingen, diese Stadt am Rand der Schwäbischen Alb mit 34?000 Einwohnern, hat in den vergangenen 34 Jahren mit ihren großen Sommerausstellungen von Picasso über Chagall, Miró und Monet bis zu Klee, Klimt, Nolde, Heckel und Schmidt-Rottluff über eine Million Besucher in die Stadthalle gezogen. Jetzt soll mit dem Großmeister der Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner die Erfolgsgeschichte weitergeschrieben werden.

Begleitprogramm Auch war zusätzlich zur Kirchner-Schau geboten wird, kann sich sehen lassen. Die Rathaus-Galerie zeigt Arbeiten auf Papier von Markus Lüpertz, in der Zehntscheuer gibt es Fotografische Verdichtungen von Wolf Nkole Helzle, ein Kunstzelt wurde aufgestellt, wo die Jugend Kirchners Welt der Akte und Modelle nacharbeiten kann. Die auffälligste und vielversprechendste Kunstaktion aber beschäftigt sich mit den häßlichen Stromkästen im Stadtkern von Balingen. 41 dieser mausgrauen Ungetüme hat die angeheuerte Malertruppe bisher in popbunte Litfaßsäulen verwandelt. Woodstock-Veteran Jimi Hendrix zeigt da seinen Wuschelkopf und die Urwald-Affen schwingen sich von Liane zu Liane, Balingen soll so zur „freundlichsten Stadt Baden-Württembergs“ werden. bmg

„Kirchner – Modelle, Akte & Kokotten“  vom 2. Juli bis 3. Oktober in der Stadthalle Balingen, täglich von 10-18 Uhr, Di 10-21 Uhr.

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