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Die Lady und der Blues

Ihre Lebensgeschichte scheint aus Schmerz gemacht: Billie Holiday wurde vergewaltigt, diskriminiert, verfolgt. Und doch sollte sie eine der bedeutendsten Jazzsängerinnen des 20. Jahrhunderts werden.

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Billie Holiday sang, was sie fühlte.  Foto: 

"Du kannst bis zu den Brüsten in weißer Seide stecken, mit Gardenien im Haar, kein Zuckerrohr weit und breit, und trotzdem immer noch auf einer Plantage arbeiten."

Man gerät sofort in Versuchung, sie zu verteidigen: Die Schwarze gegen die Weißen, die Frau gegen die Männer, die Kunst gegen das Leben. Kein Wunder, bei diesem Leben, über dem ein großes "Trotzdem" zu stehen scheint. Dass aus Billie Holiday die wohl größte Jazzsängerin des vergangenen Jahrhunderts wurde, kann eigentlich nur eines bedeuten: Ein Opfer war sie nicht.

Am 7. April vor 100 Jahren kam sie als Eleanora Fagan in Philadelphia zur Welt, als uneheliches Kind eines Teenagers. Ihren ersten guten Jazz habe sie im Bordell gehört, hat sie später behauptet. Da hatte sie ihre erste Vergewaltigung schon hinter sich und wohl auch den traumatischen Aufenthalt in einem katholischen Erziehungsheim. Mit Sicherheit sagen kann man das alles nicht, denn was die Fakten angeht, heißt es, sei ihre Autobiografie - 1956 von dem Journalisten William Dufty aufgezeichnet - mit Vorsicht zu genießen. Die Wahrheit aber steht darin: dass da ein Mensch vergewaltigt wurde, wahrscheinlich von mehreren Männern, ganz sicher von einem rassistischen Land.

Billie wächst größtenteils bei Verwandten in Baltimore auf, die Mutter arbeitet als Hausmädchen oder Prostituierte. Als die beiden nach New York ziehen, geht auch Billie anschaffen, kommt ins Gefängnis, wird entlassen, muss irgendwie die Miete bezahlen und scheitert am Vortanzen, als endlich ein Pianist seine Zigarette ausdrückt und fragt: "Hör mal Mädchen, kannst du nicht vielleicht singen?"

Das kann sie, so unvergleichlich, dass es bald ganz Harlem mitbekommt. Wenn Billie singt, dann geht das nicht unter die Haut, sondern auf die Knochen. Sie macht keine falschen Angaben über das Leben, und deshalb muss man ihr zuhören, auch wenn es schmerzt. Billie wird von John Hammond entdeckt, mit 18 macht sie erste Aufnahmen mit Benny Goodman, findet einen Lebensfreund in dem Saxophonisten Lester Young, der ihr den Titel "Lady Day" verleiht. Sie tritt mit Count Basie auf und geht auf Tournee mit der weißen Bigband von Artie Shaw zu einer Zeit, als Auftritte in den Südstaaten lebensgefährlich für sie sind.

Auf der Bühne ist sie Lady Day mit der Gardenie im Haar, im Hotel muss sie den Lastenaufzug benutzen. Als eine Kellnerin sich weigert, sie zu bedienen, zerlegen ihre Kollegen das Lokal. Ihre Lebensbeichte "Lady Sings the Blues" mag unzuverlässig sein, doch sie erzählt eine Menge darüber, was Jazz einmal bedeutet hat. Und sie zeigt eine Frau mit einem klaren Blick auf die politischen Verhältnisse. Schlimmer als der offene Rassismus im Süden ist für sie die subkutane Diskriminierung in New York.

Billie wirft hin, beginnt, im Café Society aufzutreten und entwickelt ihren wichtigsten Song: "Strange Fruit", ihr Lied über die Lynchjustiz an Schwarzen, die als "seltsame Früchte" an den Bäumen hängen, wird ihr persönlicher Protest. Sie singt ihn wie mit Blut verkrustet - und handelt sich Ärger ein. Die Arte-Dokumentation, die am 12. April läuft, arbeitet heraus, wie das FBI sie zwingen will, das Lied aufzugeben; Billie weigert sich und bleibt fortan im Visier. Anfang der 40er heiratet sie Jimmy Monroe - nur einer ihrer vielen männlichen Missgriffe - und fängt an, Rauschgift zu nehmen. Ihr Auftritt in dem Film "New Orleans" 1946 neben Louis Armstrong wird zur Demütigung. Die Sängerin muss eine Dienstmagd spielen.

Ihre Heroinsucht ist nicht länger zu verschleiern, und das nutzen ihre Verfolger. Billie Holiday wird verhaftet und zu einem Gefängnisaufenthalt verurteilt. Ihr erstes Konzert nach der Entlassung in der Carnegie Hall 1948 ist ein Triumph, doch sie darf nicht mehr in Clubs auftreten, in denen Alkohol ausgeschenkt wird. Das kommt einem Auftrittsverbot in der Szene gleich.

In den USA sorgt man dafür, dass das Etikett vom Junkie kleben bleibt, auf Tour in Europa wird Billie als das gefeiert, was sie ist: eine große Künstlerin, berühmt für ihre eigenwillige Phrasierung, ihr Improvisationstalent. Eine Erzählerin, der man jedes Wort glaubt, weil sie jede Zeile gelebt hat. Ihre Regel ist einfach: Wenn man singt, was man fühlt, werden es auch die anderen fühlen. Wie es ist, jemanden zu lieben, der einen ständig enttäuscht - "Don't Explain". Was es heißt, mutterseelenallein zu sein - "God Bless The Child". Warum man bleibt, wenn man gehen sollte - "My Man".

Am Ende, im Jahr 1959, da war sie gerade 44 Jahre alt, legte die Polizei Billie Holiday noch am Sterbebett die Handschellen an. Als hätte man selbst da noch Angst gehabt vor der Macht der Wahrheit, vor der Kraft dieser Stimme.

Dokumentation auf Arte

Würdigung im TV Arte widmet Billie Holiday einen Schwerpunkt am Sonntag, 12. April, ab 22.05 Uhr. Die Dokumentation "Billie Holiday - A Sensation" erzählt weniger von der Musik als dem Leben der Sängerin, erklärt aber wichtige politische Hintergründe. Im Anschluss gibt Cassandra Wilson ein Konzert.

Tributes auf Platte Zum 100. Geburtstag hat das Jazz-Label Verve unlängst ein Best-of unter dem Titel "God Bless the Child" herausgegeben. Darauf ist unter anderem das Lied "Strange Fruit" zu hören. Cassandra Wilson hat ein Tribute-Album aufgenommen: "Coming Forth By Day" mit Interpretationen von "Don't Explain" oder "You Go to My Head". Rebecca Ferguson hat das Cover-Album "Lady Sings the Blues" vorgelegt.

Autobiografie "Lady Sings the Blues", übersetzt und mit einem Nachwort von Frank Witzel, ist in der Edition Nautilus erschienen (223 Seiten, 19.90 Euro).

 

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