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Die Bühnen der Künstler

Die Künstler am ureigenen Schöpfungsort: Eine Große Landesausstellung beschäftigt sich in der Staatsgalerie Stuttgart mit dem "Mythos Atelier". 200 Jahre Kunstgeschichte mit hochkarätigen Exponaten.

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    Bohemiens unter sich: Frédéric Bazille hat sein Atelier im Jahre 1870 gemalt. Fotos: Staatsgalerie Stuttgart
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    Ein außergewöhnliches, begehbares Exponat: Piet Mondrians Pariser Atelier - möblierter Konstruktivismus.
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Im Malerkittel tanzt Jonathan Meese wie Rumpelstilzchen durchs Atelier und klatscht ab und an seine grün eingefärbten Hände auf Riesenleinwände an der Wand, während er den Pop-Song "Der Märchenprinz" mitgrölt. Eine Video-Performance im kreativen Chaos. Im späten 19. Jahrhundert trugen die Rebellen der Kunstszene noch feine Samtjacken, und die Werkstatt sah auch in der ärmlichen Dachkammer aufgeräumter aus, wie ein Gemälde von Frédéric Bazille aus dem Jahre 1870 suggeriert: ein gepflegtes Bohème-Refugium mit dem obligatorischen kleinen Ofen am Bildrand.

Der Maler Bazille selbst steht vor der Staffelei im Gespräch mit seinen Kollegen Édouard Manet und Claude Monet, der Mann auf der steilen Treppe soll wohl der Dichter Emile Zola sein, und an der Wand hängen jene frühimpressionistischen Bilder, die von den Jurys der offiziellen Salons abgelehnt worden waren. Das Atelier: nicht nur Werkstatt, Lager und repräsentative Privatgalerie, sondern auch Zufluchtsort verachteter Künstler, ihr Allerheiligstes, ihre stille Klause, ihr intimer Bereich der Selbstfindung, Seelenkammer aller Gefühlszustände. Und gleichermaßen eine mehr oder weniger spektakuläre Bühne der Kunst- und der Selbstinszenierung. Und überhaupt ein geheimnisumwitterter, mythischer Ort. Eine faszinierende Große Landesausstellung, die heute Abend in der Stuttgarter Staatsgalerie eröffnet wird, spielt dieses Thema in vielen Variationen durch: "Mythos Atelier".

Von Spitzweg bis Picasso, von Giacometti bis Nauman: Tatsächlich bietet diese Schau am Beispiel von rund 200 Exponaten, darunter hochkarätige Leihgaben aus aller Welt, einen Parcours durch 200 Jahre Kunstgeschichte, vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Für Ina Conzen, die Kuratorin dieser mit eine halben Million Euro extra vom Land Baden-Württemberg finanzierten Ausstellung, geht es dabei auch um eine "Hinterfragung des Schöpfungsmythos", sie möchte aufzeigen, wie für die Künstler das Atelier "zur anschaulichen Bildwerdung ihrer Ästhetik" wird: vom Ölgemälde über die Fotografie (grandios die Aufnahmen David Dawsons aus Lucian Freuds Londoner Atelier) bis zur raumgreifenden Installation.

Und das gelingt vorzüglich auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Der Besucher begreift, wie wichtig Ateliersszenen für die Künstler waren und sind, als Ausdruck einer Suche nach Identität, nach Abgrenzung. So beschäftigt sich ein Kapitel mit den "antibürgerlichen Bekenntnissen", mit Gegenwelten der Künstler der "Brücke und des "Blauen Reiters"; da tummeln sich dann in der Atelierszene Erich Heckels die Aktmodelle am Paravant.

Das Thema "Mythos Atelier" hat zahllose Aspekte, ist naturgemäß auch eine Ausstellung übers Ausstellen, das Sehen und das Wahrnehmen von Kunst. Spannend zum Beispiel das Kapitel mit Werken der Surrealisten. Réne Magrittes "So lebt der Mensch": Ein Gemälde auf der Staffelei vor dem Fenster zeigt konturenlos jene Natur draußen, die es eigentlich verstellt. Klassische Moderne also ist bestens vertreten in Stuttgart, allein schon die Begegnung mit den Beckmanns, Braques oder den aus New York entliehenen Bildern wie Picassos "Atelier mit Gipskopf" (Museum of Modern Art) und "Die Drei-Uhr-Sitzung" von Henri Matisse (Metropolitan Museum of Art) lohnt den Eintritt.

Diese auch mit Fotos dokumentierende Ausstellung geht noch weiter, sie führt multimedial vor, wie das Atelier selbst zum Kunstwerk wird. So ist ein Raum mit Skulpturen, Bildern, Fotografien jenem schon mythisch-grauen Laboratorium Albert Giacomettis auf dem Pariser Montmartre gewidmet. Aufgebaut ist das rekonstruierte "Chambre No. 13" von Daniel Spoerri, ein Pariser Hotelzimmer mit seinen "Fallenbildern" auch der Eat-Art. Sogar begehbar ist das vom niederländischen Ingenieur Frans Postma rekonstruierte 32-Quadratmeter-Atelier Piet Mondrians: bewohnbarer Konstruktivismus aus Schwarz, Weiß und den Primärfarben, quadratisches Lebensgefühl; der Künstler arbeitete geradezu in einem möblierten Kunstwerk.

Was "Atelier im Alltag" bedeutet, zeigen auch Installationen von Dieter Roth oder Joseph Beuys: etwa Teile aus dessen "Büro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung".

Und so fehlt in dieser vielgestaltigen Schau der Staatsgalerie eigentlich nur die reale Werkstatt-Aktion, das belebte Atelier der Avantgarde: Kein Künstler hat sich zur Live-Produktion einquartiert und arbeitet am Mythos weiter.

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