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Der Road-Movie-Schauplatz Ulm

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  • Es gibt derzeit wohl keine bessere Location als Ulm, um den Film „Das Leben ist ein Umweg“ zu drehen. 1/2
    Es gibt derzeit wohl keine bessere Location als Ulm, um den Film „Das Leben ist ein Umweg“ zu drehen. Foto: 
  • Das Münster passt gut ins Bild: Daran wurde ja auch jahrhundertelang gebaut. 2/2
    Das Münster passt gut ins Bild: Daran wurde ja auch jahrhundertelang gebaut. Foto: 
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Für eine internationale Kino-Großproduktion ist ein solcher Aufwand keineswegs außergewöhnlich: Seit Monaten, seit Jahren reißen sie in Ulm die  Straßen und Plätze auf. Allein schon dieser enorme Bedarf an Baken, Leitplanken und Warnschildern, um den Parcours für das Road-Movie „Das Leben ist ein Umweg“ einzurichten! Für die Stadt Ulm war es eine riesige Herausforderung, diese sich über viele Kilometer hinziehende Location zu garantieren. Deutschlandweit haben Straßenmeistereien Amtshilfe geleistet, weil die Hersteller von Baustellen-Requisiten Lieferengpässe hatten.

Um die Dreharbeiten unter möglichst wirklichkeitsnahen Bedingungen durchführen zu können, hat die Stadt bislang den wahren Grund dieser flächendeckenden Baustellen-Landschaft unter dem Kanaldeckel gehalten. Defizite in der Öffentlichkeitsarbeit räumt der Pressesprecher mittlerweile ein. Aber Passanten, die kopfschüttelnd, ja wütend am Straßenrand oder im Stau stehen und ungläubig auf die Szenerie blicken – kein Regisseur hätte eine Statisten-Schar so überzeugend motivieren können.

Doch jetzt ist das Geheimnis gelüftet. Natürlich war dieses Film-Projekt als Teil des mittlerweile zugeschütteten Ulmer Kulturhauptstadt-Programms 2025 geplant. Visuelle Kommunikation, das war nämlich ein Schwerpunkt der unvergessenen Hochschule für Gestaltung gewesen. Alexander Kluge und Edgar Reitz lehrten dort, sind Pioniere des neuen deutschen Films.

Reitz wiederum hat ein ambivalentes Verhältnis zu unserer Stadt: Er drehte 1978 einen Spielfilm über das Scheitern, über den „Schneider von Ulm“ – und ging dabei fast pleite und zugrunde. Es war seine Zeitenwende: Danach begann er sein berühmtes „Heimat“-Epos. Und so reifte die Idee in der Kultur- und Bauverwaltung, den mittlerweile 84-jährigen Reitz noch einmal nach Ulm zu locken. „Die andere Heimat“ hieß zuletzt sein Kinoereignis über deutsche Auswanderer-Schick­sale, jetzt  folgt „Die ganz andere Heimat“, und zwar mit dem Untertitel „Das Leben ist ein Umweg“. Ein Road-Movie von der Innenstadt auf den Kuhberg, zum Gebäude der ehemaligen HfG.

Es ist ein Film der Rückbesinnung, ein automobiles Künstlerdrama und zugleich die Geschichte eines alten Ehepaars: die lange Fahrt zum Glück, eine Reflexion über den Mittelweg, welcher der einzige Weg ist, der nicht nach Rom führt, wie Arnold Schönberg sagte. Es geht um Seelenbewegung und Stillstand, unabhängig von Diesel- oder E-Antrieb. Am Steuer, also in den Hauptrollen wie schon damals beim „Schneider von Ulm“: Tilo Prückner und Hannelore Elsner.

Schritt halten

„Eile dem Dasein nicht voraus, zugleich aber bleibe wach und munter, damit du nicht hinter ihm zurückbleibst. Versuche immer, Schritt zu halten mit dem Leben, damit du es mit der Kamera beschreiben lernst“ – so lautet tatsächlich das Motto des Filmemachers Edgar Reitz. Der ist Perfektionist, und so liefen die Dreharbeiten nicht reibunglos: Immer neue Baustellen forderte er an. Nächtelang grübelte das Straßenmanagement: Wo können wir weitere Hindernisse errichten?

Die Karlstraße durfte nicht zu schnell vollendet werden, weshalb oft die Arbeiter abgezogen wurden. Wichtig waren viele Umleitungen und eine möglichst komplizierte Verkehrsführung, kunstvoll malte das Team irreführende Pfeile auf die Piste.  Großartig der Einfall, am Römerplatz einen Kreisverkehr zu installieren, dem nicht zu entkommen ist. Diese fast endlose Passage wird zu den dramatischen Höhepunkten des Road-Movies gehören.

Ja, bin ich denn im falschen Film? Das werden Sie, liebe Leser, schon oft gedacht haben auf dem Weg durch Ulm. Diese Geschichte hier aber ist freilich völlig erfunden.  Welches Potenzial Ulm jedoch als Filmschauplatz haben könnte, zeigt der „Tatort“, der morgen Abend im Ersten läuft: „Stau“ lautet der Titel, und da fahndet Kommissar Lannert nach einem Fahrerflüchtigen, der im Verkehr steckengelieben ist.

Ein Mord im Stuttgarter Verkehrsinfarkt. Wobei die Straße für die Dreharbeiten zu diesem SWR-„Tatort“ in einer Freiburger Messehalle aufgebaut und das Stadtbild anschließend digital hinzugefügt wurde. Das hätte man in Ulm problemlos real haben können.

Drehorte Ulm ist voller toller Locations, dennoch werden nur selten große Filme in unserer Stadt gedreht. Wir haben in unserer heute zu Ende gehenden Sommerserie „Ulm statt Hollywood“ – mit einem Augenzwinkern und auch mit ironischen Kommentaren – zeigen wollen, dass man hier tatsächlich für jedes Genre die passenden Drehorte finden kann. Science Fiction, Krimi oder Western, alles kein Problem. Und für ein Road-Movie über die Umwege des Lebens ist das baustellenversperrte Ulm natürlich erst recht der ideale Schauplatz.

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