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Der Berlinale-Wettbewerb endete mit einem Knaller

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Schonungslos: Mircea Postelnicu und Diana Cavalli in „Ana, mon amour“.  Foto: 

Und dann kommt doch noch ein Film, der einen vor den Kopf stößt, einen Schlag in die Magengrube versetzt und den Boden unter den Füßen wegzieht. Es war der letzte Wettbewerbs-Beitrag dieser 67. Berlinale, der gestern tatsächlich noch heftige Wirkungstreffer setzte: das rumänische Beziehungsdrama „Ana, mon amour“ von Calin Peter Netzer.

Der in Deutschland aufgewachsene Filmemacher schildert die Geschichte des Paares Ana und Toma, die durch ihre Angstneurose und seine Eifersucht, durch familiäre Traumatisierungen, aber auch durch Therapien erschüttert wird. Netzer bricht die Chronologie und damit Kausalität des Erzählten kunstvoll auf, beleuchtet seelische Verletzungen und Verstrickungen, bietet die psychologisch facettenreiche und komplexe Innenansicht eines Paares. Schonungslos ist das und wahrhaftig – tatsächlich lässt der Film von, pardon, Scheiße bis Sperma, nichts aus.

Wenn heute Abend im Berlinale-Palast der Goldene und die Silbernen Bären verteilt werden, käme „Ana, mon amour“ in fast jeder Kategorie in Frage: bester Film, Regie, Buch, Schauspieler. Und doch ist nicht sicher, ob die Jury das Werk auszeichnen wird. Nicht nur, weil es extreme Reaktionen hervorruft, sondern weil Netzer bereits vor vier Jahren mit seinem verstörenden Familiendrama „Mutter und Sohn“ den Goldenen Bären gewonnen hat.

Der 2017er-Jahrgang ist einer mit nur wenigen Favoriten, das Meinungsbild der internationalen Fachpresse selten unklar. Bei etlichen Kritikern liegt die originelle ungarische Liebesgeschichte „On Body and Soul“ mit ihrem Schlachthof-Setting und eigenartigen Traumsequenzen vorn. Aber gilt das auch für die Jury um Paul Verhoeven?

Ein Leichtes wäre es, einen Bären für das stärkste erste Bild zu vergeben. Er ginge an den brasilianischen Streifen „Joaquim“: eine Kirche im strömenden Regen, davor ein Pflock mit einem abgetrennten Kopf. „Zu Ihnen spricht ein enthaupteter Mann“, sagt eine Stimme. Geköpft sei er worden, gevierteilt und seine Körperteile dann zum Verfaulen an den Wegesrand gelegt.

Marcelo Gomes erzählt von einem Kolonial-Soldaten, der heute als brasilianischer Nationalheld Joaquim José da Silva Xavier alias Tiradentes (Zähnezieher) verehrt wird. Gomes entführt das Publikum in das brutale Riesenland im 18. Jahrhundert, begleitet einen Trupp portugiesischer Soldaten, versklavter Afrikaner, einheimischer Indianer und Mestizen bei der Goldsuche, zeigt Ehrgeiz und Gier, Brutalität und Machtstreben – und den Kern einer Revolution. Damit ist der Film so historisch wie aktuell.

Gäbe es einen Bär für fragwürdige Regie, wäre Agnieszka Holland Favoritin. Ihr Film „Pokot“ ist die Geschichte einer Tierliebhaberin in einer ländlichen Gegend Polens, wo es zu auffallend vielen Todesfällen unter Jägern und Wilderern kommt. Ein Moralspiel, das sich selbst letztlich als unmoralisch entlarvt. Ärgerlich ist das, doch inszeniert ist der Film mit einer solchen visuellen und akustischen Kraft, die etwa Jury-Präsident Verhoeven, so etwas wie ein Meister des Unsubtilen, zusagen könnte.

Humorige Wärme

Der Bär für den zackigsten Regie-Stil gebührt Sally Potter. Ihre schwarz-weiße Gesellschafts-Groteske „The Party“ bringt in 71 Minuten Film mehr Pointen, Knalleffekte, Boshaftigkeiten und entlarvende Ansichten unter als andere Filmemacher in ihrer ganzen Karriere.

Ein Humanismus-Bär sollte an Aki Kaurismäki gehen. In „Die andere Seite der Hoffnung“ trifft sehr kaurismäkisches Personal in einem heruntergekommenen Lokal auf einen syrischen Flüchtling – und fügt sich zu einer utopischen Familie zusammen. Der Finne klammert die Realität gewiss nicht aus, aber die humorige Wärme und der warme Humor taten im Wettbewerb gut.

Es gibt Bären für den besten Darsteller und die beste Darstellerin – letzterer könnte erstmals an eine Transsexuelle gehen. Es wäre das Verdienst von Daniela Varga und ihrem Regisseur Sebastián Lelio, der schon mit „Gloria“ vor drei Jahren eine großartige Frauengeschichte zur Berlinale gebracht hat. Nun setzt er erneut eine famose Heldin in Szene, die titelgebende fantastische Frau: „Una mujer fantástica“. Erzählt wird von der Transsexuellen Marina, die nach dem Tod ihres älteren Lebensgefährten von dessen Familie verstoßen wird – der man nicht einmal einräumt, sich von dem Toten gebührend zu verabschieden. Ein feiner, berührender Film über Trauer und Würde.

Und die drei Deutschen? Thomas Arslans Vater-Sohn-Geschichte „Helle Nächte“ versendete sich in der nebeligen norwegischen Landschaft. Volker Schlöndorffs Liebes- und Lebensbilanz „Rückkehr nach Montauk“ enttäuschte ebenso.  Hingegen überzeugte Andres Veiels Künstler-Dokumentation „Beuys“ als kunstvoll montierte Collage. Ob die internationale Jury dieses Thema relevant findet? Tatsächlich ist die Verbindung von Kunst und Politik in Veiels biografischer Annäherung fesselnd und heutig. Ein Bär etwa für den Schnitt als besondere künstlerische Leistung wäre denkbar. Aber gewiss hat die Berlinale-Jury wieder ihre ganz eigenen Gedanken.

Festival: Die 67. Internationalen Filmfestspiele von Berlin enden morgen, Sonntag, mit einem letzten Publikums­tag. Die Bären vergibt die Jury allerdings schon am heutigen Samstag. Diese von Anke Engelke moderierte Gala im Berlinale-Palast, der feierliche Höhepunkt des Festivals, kann man auch live im Fernsehen verfolgen: von 19 Uhr an auf 3 Sat.

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