Partner der

Das Geheimnis der Melodie

Er brachte einen neuen Ton in den Jazz. Inzwischen gilt der Altsaxophonist Lee Konitz als Legende. In Stuttgart wird der heute 85-Jährige nun mit der German Jazz Trophy geehrt - und spielt ein Konzert.

|
Dass er 85 ist, hört man dem Spiel von Lee Konitz nicht an. Foto: Volkmar Könneke

Was für ein Entree: Lee Konitz war 21, ein junger Saxophonist mit einem ausgeprägten eigenen Ton, als Miles Davis ihn 1949 in sein Nonett holte. Davis, der nie sonderlich auf die Meinung anderer Rücksicht nahm, sich dafür umso mehr von talentierten Musikern inspirieren ließ, bekam damals ziemlichen Ärger: Es gab genug schwarze Musiker, die Arbeit brauchten.

Dass er ausgerechnet den 1927 in Chicago geborenen weißen Altsaxophonisten Konitz engagierte, brachte ihm Schimpftiraden ein, hatte aber seinen Grund. Man kann ihn nachhören, auf einer der richtungsweisenden Aufnahmen des Jazz, "Birth Of The Cool" von 1949. Schon da lässt sich die schneidende Klarheit im Spiel von Konitz entdecken, jener nicht laute, aber durchdringende Klang, jene Zartheit, die gleichzeitig nicht glatt ist, die cool erscheint, aber wärmend.

Konitz war der Gegenentwurf zu den rasenden Solistenkunststücken Charlie Parkers. Den BeBop-Volten Birds setzte er das Vertrauen in die Melodie entgegen. Man muss sich vorstellen, was das bedeutete: Bird war das Role Model schlechthin, seine Epigonen waren Legion. Ende der 40er gab es, wenn man bekannt werden wollte, zu diesem Staccato keine Alternative. Dass ausgerechnet ein weißer Saxophonist sich traute, eine eigene Stimme zu entwickeln, muss fast verwundern. Und es brachte Konitz Bewunderung ein. "Genial" nannte ihn sein Bandkollege Gerry Mulligan. "Lee hat uns mit seiner Originalität alle umgehauen, Bird inbegriffen." Fortan war dieser einzigartige Ton im Jazz, linear, vibratoarm, lyrisch. Ob er mit Lennie Tristano spielte oder mit Bill Evans, mit Bill Frisell, Brad Mehldau oder Charlie Haden. Konitz war immer Konitz, und auch darin blieb er sich treu, dass er nun seit fast 70 Jahren die melodischen Geheimnisse seiner eigenen Stücke und vor allem der unzähligen Standards, die er aufnimmt, ergründet.

Es ist nicht übertrieben, ihn eine Legende zu nennen. Ungefähr zur Zeit von "Birth Of The Cool" erschien seine erste Platte als Leader: "Subconscious-Lee", auch das ein Leuchtturm. Konitz ist als Bandleader und Sideman von immenser Experimentierfreude; nicht weil er schon früh mit Tristano ganz frei spielte; sondern vielmehr, weil er sich auf das Material so tief einlässt wie wenige andere. Für sein Lebenswerk erhält der stilbildende Altsaxophonist im Rahmen der Jazzopen in Stuttgart die German Jazz Trophy. Die Auszeichnung wird von der Kulturgesellschaft Musik+Wort, der Jazzzeitung und der Sparda-Bank Baden-Württemberg verliehen.

Lee Konitz, der viele Jahre in Köln lebte, ist 85. Seinem Spiel hört man das nicht an. Vielleicht liegt das daran, dass er ein Suchender geblieben ist, sich mit jungen Musikern umgibt, etwa im neuen Quartett mit dem Pianisten Florian Weber, dem Bassisten Jeff Denson und dem Schlagzeuger Ziv Ravitz. "Ich habe mich immer damit beschäftigt herauszufinden, was ,wahre Improvisation bedeuten könnte", sagte Konitz einmal. "Wahrscheinlich habe ich so eine Art Alleinstellungsmerkmal: Ich kann und darf mit berühmten Melodien herumspielen und mit ihnen alles Mögliche anstellen." Möge Lee Konitz noch sehr viele Jahre "herumspielen".

Info Das Preisträgerkonzert mit dem Lee Konitz Quartet findet morgen, 19 Uhr, bei den Jazzopen im Eventcenter Sparda Welt Stuttgart statt.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Großes kreatives Potenzial

In der Städtischen Galerie sind gleich drei neue Ausstellungen zu sehen. Zur großen Austellung des Künstlerbundes Baden-Württemberg kommen zwei Einzelschauen. weiter lesen