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Blick zurück auf Adrianis Narrenstreiche

Die Klassiker Renoir, Cézanne und Picasso sind abgetreten. Im zweiten Teil des Tübinger Rückblicks haben die Herren Beuys, Polke und Warhol - heute hoch gehandelte Großmeister der jüngsten Moderne - das Sagen.

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Einst schockierend, heute ein Klassiker: Andy Warhols Mercedes in der Tübinger Ausstellung "Beuys, Warhol, Polke und Co.". Foto: Gerda Meier-Grolman

Längst sind jene Kohorten zürnender Tübinger Bürger, die diesen Unruhestifter Götz Adriani Mitte der 1970er Jahre am liebsten auf immer und ewig aus seiner Kunsthalle am Philosophenweg vertrieben hätten, in die Vergangenheit abgetaucht. Garantiert aber war eine erkleckliche Anzahl aus eben dieser Schar von Wüterichen kaum zehn Jahre später unter den Besuchern, die stundenlang brav und geduldig in der Schlange vor den Türen der Tübinger Kunsthalle ausharrten, um einen Blick auf all die paradiesischen Bilder von Cézanne und Kollegen zu werfen.

Es war Götz Adriani, der hier dem Bildungsbürgertum mit Degas, Renoir und Toulouse-Lautrec den wahren, unendlich schönen Kunsthimmel auf Erden bescherte, es war derselbe, der kurz zuvor nach Meinung vieler Leserbriefschreiber im "Schwäbischen Tagblatt" sein Ausstellungshaus mit wertlosem Kunstschrott schlimmster Sorte zugemüllt hatte. Heute ist das alles Schnee von gestern, sind das tempi passati. Die "Narrenstreiche", die Götz Adriani der Bevölkerung mit der Präsentation von Künstlern wie Sigmar Polke, Franz Erhard Walther, Klaus Rinke, Joseph Kosuth und Joseph Beuys zumutete, haben sich in Erfolgsgeschichten gewandelt.

Adriani darf sich nun die Ehrenbürgerwürde Tübingens ans Revers heften. In seiner Kunsthalle begegnet man jetzt bei der zweiten Jubiläumsschau den Kunstblättern, Bildern und Objekten von Claes Oldenburg, Richard Hamilton, Andy Warhol, Bruce Nauman und Anselm Kiefer mit Ehrerbietung und mehreren Verbeugungen. Komplett verkehrte Welt, möchte man meinen.

Dabei haben es die Kunstmeister Sigmar Polke und Andy Warhol noch immer faustdick hinter den Ohren: Wenn da bei Sigmar Polke eine weiß getünchte Leinwand aufgespannt ist und die nicht mehr ausweist als die äußerst seltsame Aufschrift "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!" und die Anweisung tatsächlich vom Maler befolgt wird, dann geraten auch heutzutage eingefleischte Kenner der stattgehabten Malereigeschichte mächtig ins Grübeln.

Ein richtiges Schock-Erlebnis dürften aber in den frühen 1970er Jahren den doch eher mit Schongauer, Dürer oder mit dem biedermeierlichen Spitzweg vertrauten Schwaben die popbunten blechernen Suppendosen des Andy Warhol bereitet haben. Der arme Poet in der Dachkammer direkt neben einer Campbells Vegetable Soup, das war damals eine Beleidigung des guten Geschmacks und kaum zu ertragen. Gibt man dann noch die jetzt in der Tübinger Kunsthalle ausgehängte und von Konrad Klapheck künstlerisch überhöhte Konstruktionszeichnung eines simplen Küchenventilators von 1974 dazu, dann kann man sich vorstellen, wie damals auch die stabilsten Kunstkriteriengerüste ins Wanken gerieten.

Gut, Klapheck, Warhol und Polke, die sind längst heilig gesprochen, aber das darf noch lange nicht bedeuten, dass man nicht unbändig über Polkes umwerfende und geniale Bildfindungen schmunzeln darf. Und man möchte jede Wette eingehen, dass einer, der Sigmar Polkes Einladung zu einer "Fahrt auf der Unendlichkeitsacht" (eine riesige Mal-Collage aus der Sammlung Georg Zundel, die zwischen 1969 und 1971 entstanden ist) annimmt, ebenso viel wenn nicht sogar noch ein wenig mehr Kunst-Bereicherung erfährt als einer, der in der höchst ehrenwerten Gesellschaft von Paul Cézanne im Jahr 1883 einen Blick aufs Mittelmeer bei LEstaque riskiert.

Info "Beuys, Warhol, Polke & Co - 40 Jahre Kunsthalle Tübingen", bis 10. Juni in der Tübinger Kunsthalle am Philosophenweg 76. Öffnungszeiten Mi-So 10-18 Uhr, Di 10-19 Uhr. www.kunsthalle-tuebingen.de

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