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Bebop mit Buchstaben

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Niemand habe etwas gegen gepflegte Beat-Musik, sagte Erich Honecker auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965. Sie könne jedoch nicht als alleinige Form der Tanzmusik betrachtet werden. Die hektische, aufpeitschende, westliche Musik begünstige die moralische Zersetzung der Jugend.

Erich Honecker wollte nicht nur die Beat-Musik diskreditieren, sondern auch den Jazz. Der war in der DDR ebenso wenig gelitten wie andere, den Sozialismus in seinem Gang möglicherweise störende Erscheinungsformen der Jugendkultur. Einer, der den Jazz liebte, war Fritz Rudolf Fries. Mitte der 60er Jahre schrieb er das Buch "Der Weg nach Oobliadooh"; das war nicht nur eine Hommage an Dizzy Gillespie und Charlie Parker, es war selbst Musik, es war sprachspielerisch, leicht und hatte rein gar nichts zu tun mit ästhetischen Doktrinen. 1966 erschien das Buch erstmals, nicht in der DDR, wo der Autor an der Akademie der Wissenschaften als Romanist arbeitete, sondern in Frankfurt am Main beim Suhrkamp Verlag. Viele Jahre ist das Buch nicht lieferbar gewesen, jetzt liegt es vor in der Anderen Bibliothek, ergänzt um einen erhellenden Essay von Helmut Böttiger.

"Der Weg nach Oobliadooh" ist ein Solitär der DDR-Literatur: der Roman eines Autors, der die literarische Moderne schon als Kind aufgesogen hatte. Seine Prosa sollte wie eine Jazz-Session klingen. Schon der Titel ist eine Improvisation über Gillespies "The Way To Oobladee": "Paasch sang: I knew a wonderful Princess in the land of Oobliadooh. . . Astern und Heuschrecken fielen ihm vor die Füße, letzter Schwalbenflug segelte unter die Dächer, unter deren eines Arlecq aus einem Fenster im ersten Stock sah. Der leitete den Morgen lyrisch ein, wachend oder träumend."

Arlecq und Paasch heißen die Hauptfiguren. Sie studieren im Leipzig der späten fünfziger Jahre, sind Gäste in Spelunken, für den sozialistischen Alltag verdorben von den Träumen, die ihnen der amerikanische Soldatensender AFN eingeimpft hat: Sie hören "Negermusik", trinken und spintisieren, fantasieren sich in wilde Liebesgeschichten, und am Ende scheint doch die Ehe zu drohen. Arlecq - das ist der Harlekin aus der Commedia dell Arte, der Lebenshungrige, Unbändige, der Aufrührer und Spaßvogel.

"Der Weg nach Oobliadooh" ist ein moderner Schelmenroman. Das hat wenig mit Georg Lukács Realismusbegriff zu tun, viel mehr mit Magischem Realismus. Es gibt Bezüge zur lateinamerikanischen Literatur, zu Proust, zur Moderne schlechthin. Fries wurde 1935 in Bilbao geboren, und noch in Leipzig, wohin er während des Kriegs mit der Familie zog, wurde zuhause spanisch gesprochen. Der Bruch kam mit der Wende: In den 90ern wurden Fries Kontakte zur Stasi offenbar. Sie waren wohl nur oberflächlicher Natur; Fries distanzierte sich nicht mit Selbstkasteiungsformeln - was ihm nicht verziehen wurde.

Heute ist er fast vergessen. In seinem Werk aber zeigt sich nicht nur ästhetische Eigenständigkeit, sondern auch Distanz zum autoritären Staat. Vielleicht Gelegenheit, den Sprachkünstler wiederzuentdecken. Denn: "Fritz Rudolf Fries ist immer ein Spieler gewesen", schreibt Helmut Böttiger "und er spielte ernsthaft, wie es nur ein Bebopper kann".

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