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Alissa Walsers „Verführungen“: Ein Roman in kurzen Texten

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„Eindeutiger Versuch einer Verführung“, heißt das neue Buch von Alissa Wal­ser. Die mittlere der drei schreibenden Tö­chter von Martin Walser eifert ihrem Vater sichtlich nach, zumindest in der Wahl der literarischen Gat­tungen: Roman, Erzählung, The­a­ter­stück. Das neue Buch jedoch kommt ohne Gattungsbezeichnung daher. Die kurzen Texte oszillieren zwischen Erzählung und Kurzgeschichte, Prosa-Miniatur und Dramolett. Die meisten Geschichten sind in der dritten Person erzählt; einige haben eine Ich-Erzählerin.

Wer spricht in dem einen Text in der ersten Person? Und wer ist in einem anderen die namenlos bleibende „sie“? Handelt es sich in allen Stücken um ein und dieselbe Person, gar als Maske der Autorin? Einiges spricht für die Identität der Figuren. So kehren Thema und Motive eines Textes in späteren Geschichten wieder, etwa die schwierige Be­­zie­hung einer Fi­gur zur eigenen Mutter oder das Pro­blem mit Menschenmassen“. À la longue entsteht der Eindruck, einen Roman in Erzählungen vor sich zu haben.

Die Geschichten handeln von familiären und von Paar­be­zie­hun­gen, mit offenen oder ver­steckten Konflikten. Es geht um „postfinales Aufrechnen“ mit dem Ex oder die Zigarette danach. Er lässt sie nicht zu Wort kommen; sie möchte manchmal weglaufen ohne Grund. „Du bist wie deine Mutter“, wirft er ihr vor – und sie kontert, indem sie ihn mit seinem Vater vergleicht. Gern wird dann gleich die ganze Familie durchdekliniert.

Einmal lesen wir unvermittelt: „Bei ihr springt das Leben in Katastropheneinheiten. Von Krankheit zu Krankheit. Jede Krankheit verläuft stürmisch.“ Gut verständliche Geschi­chten wech­seln sich mit solchen ab, die in der Rätselhaftigkeit der Figu­r(en) ihr Geheimnis be­wah­ren.

Die Assoziations­ketten der Hel­din­nen sind mitunter atemberaubend – gleich in der Eingangserzählung. Von den lack­ier­ten Zehen­nägeln einer jungen Frau fließt der Bewusst­seinsstrom der Ich-Er­zählerin zur Miss­-Cool­-Eis­ma­schine einer Kino­-Bar und von dort zum Smalltalk über eine Shop­pingtour in Lissabon auf einer Frankfurter Dach­terrasse.

Die Kom­pri­miert­heit der Texte macht die Lektüre zum stellenweise schwierigen und dennoch lohnenden Unterfan­gen. Eine der vornehmsten Forderungen an Literatur: zu irritieren, hier wird sie vorbildlich erfüllt.

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