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Wladimir Kaminer: Der Russe kommt, spricht und siegt auf ganzer Linie

Wladimir Kaminers Zusage, im Rahmen der Ausstellung "Lebens-Wandel. Wera Konstantinowna. Großfürstin von Russland, Herzogin von Württemberg" im Sachsenheimer Kulturhaus zu lesen, kam spontan und schnell. Der Russe liebt solche Veranstaltungen und tat viel, um Vorurteile abzubauen.

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Wladimir Kaminer begeistert mit seinen Geschichten.  Foto: 

Wenn Wladimir Kaminer anfängt zu sprechen, ist er der Russe, so wie ihn sich jeder vorstellt: Sein Akzent ist hart, er spricht als ob er einen Schluck Wodka im Mund hat, seine Betonungen sind übertrieben und oft an der falschen Stelle. Wenn er das Wort "grimmig" sagt - seine Beschreibung für den Russen an sich - muss man dreimal zuhören, um es zu verstehen, denn mit dem weichen, deutschen "gr" hat er so seine Schwierigkeiten.

Wenn er erzählt, weiß man, was mit russischer Seele und Erzählkunst gemeint ist. Wladimir Kaminer steht in der Tradition von Leo Tolstoi oder Boris Pasternak - nur moderner, schlagkräftiger. Und dass Kaminer eine Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, so verwendet, dass es nicht unglaublich ist, dass er als Botschafter der deutschen Literatur in die ganze Welt eingeladen wird. Der Russe selbst kann dies allerdings immer noch nicht so ganz glauben, dass gerade er ein Vorzeigeschriftsteller ist, noch dazu er, als Russe, für die deutsche Literatur im Ausland. Unglaublich allerdings ist, wie Kaminer den Witz und die Vielfalt der deutschen Sprache zu nutzen weiß.

Wladimir Kaminer präsentiert im Kulturhaus eine Ein-Mann-Show. Er braucht seine Bücher, wie "Russendisko", "Onkel Wanja kommt" oder "Liebesgrüße aus Deutschland" gar nicht, sondern erzählt, was ihm einfällt.

Sein einstige Berliner Schrebergarten und nun sein "Garten Eden" in einem Brandenburger Dorf werden für ihn zu einem Mikrokosmos, in dem er russische Seele und deutsche Perfektion aufeinandertreffen lässt. Klar durchschaut er die Mentalitäten. Probleme, so erzählt er, gab es in der Berliner Laubenkolonie wegen "spontaner Vegetation" in seinem Garten. "Jetzt", so Kaminer "in meinem Brandenburger Paradies kann alles spontan vegetieren". Und der Gartenfan - "ganz ohne Garten macht das Leben keinen Spaß" - mutierte, zu seiner eigenen Überraschung neben dem Vorzeigeschriftsteller auch noch zu einem Gartenexperten und wird nun auf eine Gartenmesse nach der anderen eingeladen.

Wladimir Kaminer kann sich sogar einen Hitler-Witz erlauben, seine deutschen Zuhörer schreien vor Lachen, bei dem Gedanken, dass Hitler in der Hölle die Bibel auf Hebräisch übersetzen muss, während Stalin einfach nur verbrannt wird. Kaminers ganz eigener, und doch russischer Humor, vermengt mit deutscher Perfektion, die richtigen Worte zu finden, kommt auch bei seinen Geschichten von seinen Reisen mit der Familie zum Tragen. Das immer wieder in Hotels auf der ganzen Welt verloren gegangene Kuscheltier des Sohnes Sebastian wird zur philosophischen Lehrstunde: "Das Leben besteht aus Verlusten, mein Sohn". Und immer ist der Hotelmanager, der das Tier jedes Mal wiederfindet, ein Deutscher. Kaminers Stil wird da klar: Es sind die Wiederholungen, die das betonen, was der Russe betonen will.

Und dann kommt, was kommen muss, eine "pathetische Schwabengeschichte". In Berlin, so Kaminer, hätten die immer zahlreicher werdenden jungen Schwaben "die Rolle von sozialistischen Omas übernommen" und würden in den Hauptstadt-Häusern für Ordnung, volle schwarze Bretter und vor allem für die Einführung der Kehrwoche sorgen.

Aber nie, wirklich nie, wird Kaminer böse oder gemein. Er hat es, dieses gewisse Etwas, eine Geschichte zu erzählen, sodass sie zum Lachen ist, aber den Nerv der Problematik trifft.

Die 250 Zuhörer jeglichen Alters sind begeistert, wollen ihn nach anderthalb Stunden nicht gehen lasen. So wird, was Elke Bauernfeind von der Stadt eingangs sagte, wahr: "Es ist ein Erlebnis, diesen Literaturstar in unserer Stadt zu haben." Wladimir Kaminer, der dachte, schon überall gewesen zu sein, vergleicht Sachsenheim mit diesem gewissen gallischen Dorf am Ende der Welt, aber: "Ich merke, hier werde ich verstanden, Sie sind auf meiner Seite".

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