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Schweinefleisch zum Schleuderpreis

Mitglieder des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg verkaufen heute auf dem Ludwigsburger Marktplatz Würste zu einem Schleuderpreis. Auch Schweinebauer Sven Fesel aus Sachsenheim hofft, dass diese Aktion Verbraucher aufmerksam macht.

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Der Sachsenheimer Landwirt Sven Fesel bekommt alle drei Wochen von einem Händler Zuchtferkel. In rund 100 Tagen werden die Tiere auf ein Gewicht von 110 Kilogramm gemästet und dann verkauft. Für 1,25 Euro pro Kilogramm - für den Sachsenheimer ein unakzeptabler Tiefstpreis.  Foto: 

Die Zahl der Schweinemastbetriebe im Landkreis Ludwigsburg ist in den vergangenen Jahren wie in ganz Baden-Württemberg kontinuierlich gesunken. Nach Angaben des baden-württembergischen Landesbauernverbands hat sich die Zahl der Schweinehalter allein in den zurückliegenden vier Jahren um nochmals 600 auf nunmehr nur noch 2700 Betriebe reduziert.

Diese alarmierende Tendenz macht auch dem Sachsenheimer Landwirt Sven Fesel große Sorgen. Im Gewann "Langmantel" betreibt er seit 2007 einen Schweinemasthof mit 2000 Tieren. "Im Moment erhalten wir einen Basispreis von 1,25 Euro pro Kilogramm Schweinefleisch. Dies ist ein Tiefstpreis, bei dem wir umsonst arbeiten und unsere Arbeitszeit gar nicht erst rechnen dürfen. Es müsste sich in nächster Zeit dringend etwas ändern, und der Preis sollte auf 1,50 Euro pro Kilogramm steigen", sagt Fesel.

Alle drei Wochen bekommt er von einem Händler Ferkel aus einem Zuchtbetrieb in Deutschland. "Diese sogenannten Läufer' sind drei bis vier Monate alt und haben ein durchschnittliches Gewicht von rund 25 bis 30 Kilogramm. Sie bleiben bis zu 110 Tage bei uns, bis sie ein Gewicht von fast 112 Kilogramm erreicht haben", sagt der Sachsenheimer Landwirt.

Alle zehn Tage kommt ein Speditionswagen und holt die Tiere für die Schlachtung ab. Sie werden nach Ulm zu einem großen Fleischwirtschaftsunternehmen transportiert, das Discounter, Vollsortimenter, aber auch einzelne Metzgereien im süddeutschen Raum beliefert. "Viele Metzger schlachten nicht mehr selbst, daher ist die Lieferung unserer Tiere an lokale und regionale Anbieter schwierig. Die Verbraucher setzen zwar auf regionale Qualität, sind aber oft nicht bereit, dafür auch tiefer in die Tasche zu greifen. Mit günstigen Fleisch- und Wurstangeboten werden die Kunden heute in die Supermärkte gelockt. Dies war früher nicht so", sagt Fesel.

Die Erzeugerpreise für Schweinefleisch durchlaufen immer Höhen und Täler, wobei diese Talfahrten in den vergangenen Jahren stärker ausgeprägt sind als früher. Die Preishöhen dagegen sind meist nur von kurzer Dauer und können die Verluste der Talfahrten nicht mehr kompensieren. "Wie sich die Preise entwickeln, ist für mich manchmal nicht mehr nachvollziehbar. Die Verantwortlichen dieser Großkonzerne halten alle Fäden in der Hand. Sie sagen zwar, dass der Druck aus dem Handel so groß sei, aber obwohl die Erzeugerpreise sehr niedrig sind, ist die Wurst und das Fleisch im Handel nicht immer zeitgleich ebenfalls sehr kostengünstig", sagt Fesel.

Man habe sich von Beginn an auf einen reinen Mastbetrieb spezialisiert, ohne Mutterschweine und Ferkelaufzucht, da dies wirtschaftlicher erschien, und immer weniger Betriebe ein geschlossenes System mit Mutterschweinen haben, erklärt Fesels Frau Ursula, die eigentlich Bauzeichnerin ist und sich Schritt für Schritt in die Landwirtschaft eingearbeitet hat. Heute stemmen die Fesels ihren Betrieb gemeinsam. "Wir sind jedoch regelmäßig zu Fütterungszeiten im Stall anwesend und schauen, ob alle Tiere gesund sind. Wir wechseln dafür extra unsere Kleidung und ziehen in jeder Kammer andere Gummistiefel an, um keine Keime zu den Tieren zu bringen. Ist eines krank, und der Tierarzt verordnet Antibiotikum, müssen wir darüber genau Buch führen und alle Daten in eine zentrale Datenbank eintragen. Auch über unser Schlachtfleisch erhalten wir ein genaues Protokoll, in dem alle Details analysiert werden. Daher denke ich, dass es heute bei den Schweinehaltern kaum noch schwarze Schafe' gibt, denn die Vorgaben sind sehr streng", sagt Fesel.

Er hat seinen Stall in sechs Kammern eingeteilt, in denen sich jeweils 22 Buchten mit je bis zu 15 Tieren befinden. Die Schweine werden mit Tageslicht versorgt.

"Ich reize die gesetzlichen Vorgaben nicht bis an ihre Grenzen aus und halte meine Tiere großzügiger. Dafür muss sich die Wertschätzung für das Nahrungsmittel Fleisch ändern. Ich setze wirklich darauf, dass in naher Zukunft unsere Erzeugerpreisen wieder nach oben gehen", wünscht sich Landwirt Sven Fesel.

Aktion: Bratwurst auf dem Marktplatz für zwölf Cent

Billigwürste Nach Angaben des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg gibt es Bratwürste heute für zwölf Cent je Stück ab elf Uhr auf dem Ludwigsburger Marktplatz. Der Erzeugerpreis von 1,25 Euro je Kilogramm Schweinefleisch entspricht, umgerechnet auf eine Bratwurst mit 100 Gramm, diesem Verkaufspreis. Der Erlös der Aktion, an der sich insgesamt 23 Verbände in Baden-Württemberg beteiligen, geht an das Kinderhospiz in Stuttgart.

 

 

Ein Kommentar von Jörg Palitzsch: Pro Verbraucherpfllicht

Die Bilder, die von der Grünen Woche in Berlin ab dem 15. Januar zu sehen sein werden, sind bekannt. Ein Volk von Genießern schlemmt, darunter auch Wurst und Fleisch. Im Vorfeld der Messe beteiligt sich der Bauernverband Heilbronn-Ludwigsburg an einer landesweiten Aktion, mit der auf den Preisverfall beim Schweinefleisch hingewiesen werden soll. „Wir machen Ihre Wurst. Aber nicht zu diesem Preis“, haben sich die Bauern auf die Fahnen geschrieben. Und sie haben recht. Der seit Jahren anhaltende Preisverfall drückt die Betriebe nieder, die Zahl der Sauenhalter geht kontinuierlich zurück. Eine „Mitschuld“ trägt der Verbraucher. Billig soll es, wie bei so vielem, auch beim Schweinefleisch sein, egal, ob die Fleischscheibe aussieht wie ein nasser Schwamm und nach nichts schmeckt. Deshalb sollte man Fleisch beim örtlichen Metzger einkaufen und ruhig nachfragen, woher es kommt. Natürlich muss man etwas mehr dafür bezahlen, aber die Qualität stimmt – und schmeckt.

 

Ein Kommentar von Andreas Lukesch: Contra Verbraucherpflicht

Die Bauern haben allen Grund, gegen den Verfall bei den Schweinepreisen auf die Straße zu gehen denn die Erzeuger geraten unbestritten immer mehr unter Druck. Als Reaktion darauf aber nun die Verbraucher in die Pflicht nehmen zu wollen, die doch bitte das System durch konsequenten Einkauf im Laden des doppelt so teuren Bäuerleins um die Ecke zu Fall bringen mögen, ist zu kurz gedacht und für sehr viele Menschen unrealistisch. In der Marktwirtschaft bestimmt auch das Angebot die Nachfrage – und so lange es günstiges Fleisch im Supermarkt gibt, wird dies gekauft, zumal die Qualität dort stimmt, auch beim Fleisch. Das hat nichts mit „Geiz ist geil“ zu tun. Für den Preisverfall gibt es viele Gründe – vom Einfuhrboykott Russlands über den Konkurrenzkampf der Lebensmittelkonzerne bis zur klientelgetriebenen und verfehlten europäischen Agrar- und Subventionspolitik. Aber das anzugehen, ist eben viel komplizierter, als es wieder mal den Verbrauchern zu überlassen.

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