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Nach 70 Jahren Stadtkapelle fällt das Aufhören schwer

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Man braucht in Günther Deißers Hobbykeller nur das Wort Klavier erwähnen, schon schwingt sich der 81-Jährige auf seinen Stuhl und fängt an in die Tasten zu hauen: „Veronika, der Lenz ist da“ erklingt im Kellerraum. Die Leidenschaft zur Musik ist beim Großsachsenheimer ungebrochen. Nur die Gesundheit macht so langsam nicht mehr mit. „Klavier spielen geht noch gut, aber Blasmusik vielleicht noch eine halbe Stunde oder Stunde“, sagt Deißer. Für den Termin mit der BZ nimmt er noch mal das Saxophon in die Hand.

Tiefer verwurzelt mit einem Musikverein als es Günther Deißer ist, kann ein Mensch kaum sein. Vater Albert und Onkel Karl Deißer waren 1923 Mitbegründer des Musikvereins Großsachsenheim. Ab dem sechsten Lebensjahr nahm er Unterricht. „Ab 1942 durfte ich beim damaligen Leiter des Musikvereins, Musikdirektor Ernst König, Trompetenunterricht nehmen.“ 1944 kamen Stunden auf der Handharmonika dazu, später die Klarinette.

Den ersten Auftritt als aktives Mitglied hatte Günther Deißer bei der Weihnachtsfeier der Stadtkapelle 1946, gemeinsam mit seinem Vater auf der Trompete. Über die Jahre war er Mitglied im Salon-Orchester des Musikvereins und im Handharmonika-Club. Der bestand nach der Ausgliederung 1950 unter Deißers Leitung noch bis 1958. Zudem war er 30 Jahre Ausbilder für Klarinettisten und Saxophonisten. „65 Schüler habe ich unterrichtet. Drei von ihnen spielen heute noch in der Kapelle.“ In der 50ern fungierte der Musikant als Jugendleiter, lange Jahre war er auch Vizedirigent. „Dirigent wollte ich nie werden. Dafür spiele ich viel zu gerne“, sagt er.

Start und Ziel an Weihnachten

Das letzte Mal spielte er – 70 Jahre nach dem ersten Auftritt – auf dem Großsachsenheimer Schlosshof. Wiederum bei der Weihnachtsfeier, 2016, dieses Mal mit dem Saxophon. Sein Instrument Nummer fünf, das er die meiste Zeit im Musikverein spielte. „Da habe ich schon gemerkt, dass es nicht mehr so gut geht“, betont der Vollblutmusiker. Kurz darauf rieten ihm die Ärzte wegen chronischer Bronchitis davon ab, weiter Saxophon zu spielen. „Es ist schade, dass es so endet. Ich hätte gerne aus freien Stücken aufgehört“, bedauert er.

Im Hobbykeller haben sich über die Jahre Trophäen, Zeitungsausschnitte, Relikte und andere Erinnerungen angesammelt. Rund 100 Bilderrahmen hängen an den Wänden. „Das ist ein Auftritt der Original Sachsenheimer Oberkrainer Musiker“, zeigt er auf ein Foto eines Sextetts. Auch da war er dabei. Ebenso wie bei der dreiwöchigen Tour durch Amerika 1974 und vielen anderen Veranstaltungen. „Ich habe nie gefehlt, war immer der Pünktlichste“, erinnert er sich.

Im Februar besuchte der 81-Jährige letztmals eine Probe. „Aber ich merke, dass mir schnell die Puste ausgeht.“ Vor rund zwei Wochen gab es dann vom Musikverein noch ein Überraschungskonzert zum Geburtstag. „Das hat mich sehr gefreut“, betont er, „das war quasi mein Abschiedsständchen.“

Sein Musikzimmer hat er schon lange im Keller eingerichtet. „Sonst würde ich es nicht aushalten“, sagt seine Frau Anni schmunzelnd. Die Gattin war nie aktiv bei den Musikern tätig. „Das wäre auch nicht gutgegangen. Männer stehen gerne im Vordergrund. Wenn da die Frau dazwischenkommt, kann es schwierig werden.“ Unterstützt hat sie ihren Mann aber immer. „Bei meiner Frau muss ich mich heute noch bedanken für ihr Verständnis, das sie mir in all den Jahren entgegengebracht hat“, sagt Günther Deißer.

Seine Leidenschaft zum Beruf machen wollte der Vielkönner nie ernsthaft. „Mein Vater wollte mal, dass ich ins Konservatorium gehe. Aber es war kein Geld da.“ Ganz unglücklich ist der gelernte Buchdrucker, der auch 24 Jahre an den Maschinen der Bietigheimer Zeitung stand, darüber nicht. „Wenn man aufs Musik machen angewiesen ist, kann auch der Spaß verloren gehen.“ Den hat er sich bis heute bewahrt. Und so verschwindet Günther Deißer auch heute noch täglich mindestens für eine Stunde im Hobbykeller und haut in die Tasten.

Der Musikverein Stadtkapelle Sachsenheim feiert am Montag, 1. Mai, ab 11.30 Uhr, sein Waldfest auf dem Waldspielplatz in Großsachsenheim. Neben Kulinarischem gibt es auch musikalische Leckerbissen aus dem Repertoire des Blasorchester. Ab zwölf Uhr wird die Jugend der Stadtkapelle Musikstücke zwischen Tannen interpretieren. Um 14 Uhr übernimmt das große Blasorchester. bz

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