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Mais zu Gas: Der Boom ist vorbei

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In der Biogas-Anlage in Sersheim gab es vor einigen Wochen eine Führung. Betreiber Joachim Setzer (links) zeigte den Besuchern an diesem Tag die Anlage.  Foto: 

Vor einigen Jahren schossen die Biogasanlagen nur so aus dem Boden. Beispielsweise in Oberriexingen, Sachsenheim und Sersheim befinden gleich vier solcher Anlagen auf engstem Raum.

Das Prinzip ist klar: Vorne kommt Biomasse rein, hinten Biogas raus. Umstritten sind die Anlagen vor allem deshalb, weil zu 80 Prozent Mais, der dafür auf den umliegenden Feldern angebaut wird, eingespeist wird. „Die Vermaisung unserer Landschaft stört uns gewaltig“, sagt Werner Brekle, stellvertretenden Vorsitzender des BUND-Kreisverbands Ludwigsburg und Sprecher des Arbeitskreises Ludwigsburg des Landesnaturschutzverbands.

Fast doppelt so viel Mais

Betreiber und Landwirte halten dagegen: „Der Maisanbau ist nicht mehr geworden“, beteuert der Oberriexinger Landwirt Armin Schmid. Mit weiteren fünf Landwirten gehört er der Bio­energie Oberriexingen an, die die Anlagen in Großsachsenheim und Oberriexingen betreibt. Viele Betriebe, so auch er im vergangenen Jahr, hätten eben umgestellt. „Der Mais geht jetzt nicht mehr in die Viehhaltung, sondern in Energie.“ Für ihn nicht nur wegen niedriger Preise beispielsweise für Milch eine logische Entwicklung.

Die Zahlen des statistischen Landesamts sprechen für den Landkreis Ludwigsburg aber eine deutliche Sprache: Vom Jahr 1999 bis 2016 stieg die Anbaufläche an Silomais von 2182 auf 4172 Hektar. Eberhard Zucker, Kreisvorsitzender des Bauernverbands Ludwigsburg, räumt ein: „Es ist schon so, dass in der Nähe von Anlagen der Maisanbau verstärkt worden ist.“

Von Monokultur will er aber nicht sprechen. „Darunter verstehe ich, wenn jahrelang dieselbe Kultur angebaut wird oder wenn wie in der Ukraine viele Hektar mit derselben Kultur angepflanzt sind. Wenn es bei uns mal zwei Hektar sind, ist es ja schon viel.“ Die Kollegen hätten zudem verschiedene Fruchtfolgen, es würden beispielsweise auch Getreide und Zuckerrüben angebaut. „Wenn man richtig schaut, sieht man noch andere Kulturen.“ Zudem weist Zucker darauf hin: „Das ist Biogas aus regionaler Energieerzeugung, kein russisches Gas aus der Pipeline.“

Naturschützer Werner Brekle bleibt dabei: Positiv seien Biogasanlagen nur, wenn nicht der ganze Input aus Mais kommt: „Es werden noch zu wenig Rohstoffe verwertet.“ Ausschließlich ist es aber auch nicht Mais, der verarbeitet wird. Rund 80 Prozent sind es zirka, so auch bei den Biogas-Anlagen in Kleinsachsenheim und Sersheim, die der Landwirt Martin Schmid mit vier (Biokraft Sachsenheim) beziehungsweise zwei (Agrarenergie Sersheim) weiteren Landwirten betreibt. Zehn Prozent sind Gras, zehn Prozent Ganzpflanz-Silage, die beispielsweise aus Getreidepflanzen gewonnen wird. In Oberriexingen wird auch fast die gesamte Gülle aus der Schweine- und Rindermast der umliegenden Landwirte verarbeitet. Das bringe auch einen Vorteil. Denn das Abfallprodukt der Vergärung, die Fermenter-Gülle, die dann auf den Felern ausgebracht wird, stinke nicht. „Seither ist die Geruchs-Problematik weg“, erklärt Armin Schmid.

Neue Anlagen wird es speziell im dicht besiedelten Landkreis wohl nicht mehr geben. „Grundsätzlich ist der Biogas-Boom vorbei“, betont Eberhard Zucker. Zum einen sei die Förderung zurückgeschraubt worden, zum anderen die Auflagen erhöht. Zum Beispiel dürfen laut EU-Gesetz bei neuen Anlagen nur noch 60 Prozent Mais verarbeitet werden.

Info In einem Wochenschwerpunkt berichtet die BZ täglich über die Geschichte der Energiegewinnung im Kreis. Am Samstag geht es zum Abschluss um Stadtwerke. Alle Folgen online.

www.bietigheimerzeitung.de

In den Biogasanlagen wird nicht nur das Gas, sondern auch die Abwärme verwendet. Das Biogas, oder auch Bio-Methan, fließt im Falle der Bioenergie Oberriexingen GmbH und Co. KG beispielsweise in ein Blockheizkraftwerk in den Kreuzäckern in Bietigheim-Bissingen. Zudem wird laut Betreiber veredeltes Bio-Methan ins Erdgas-Wärmenetz eingespeist. Die Biokraft Sachsenheim GmbH hat Wärmeleitungen zu rund 140 Wohnungen verlegt. Der Strom geht an die EnBW. Die Agrarenergie gibt einen Großteil der Wärme sowie das Biogas an die Ver- und Entsorgungsgesellschaft Sersheim (VES). msc

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