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Einmal duschen: 25,76 Euro

Im Dezember 2013 waren in Baden-Württemberg knapp 299 000 Menschen pflegebedürftig; 7,4 Prozent mehr als 2011. Das hat das Statistische Landesamt ermittelt. 21 Prozent wurden von einem ambulanten Pflegedienst betreut. Über die Zwänge der Branche.

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Ins Bad gehen. Entkleiden. Duschen und Haare waschen. Rasieren. Abtrocknen. Eincremen. Haare föhnen. Ankleiden. Wie lang braucht man durchschnittlich dafür? Eine halbe Stunde vielleicht, wenn man sich sputet. Aber wie lang braucht jemand, der einen hilfsbedürftigen Senior ins Badezimmer bugsiert, einen, der gehbehindert ist oder dement - oder beides?

Alexandra Brenner weiß, dass es im ambulanten Pflegedienst für solche Besonderheiten keinen Zeitpuffer gibt. Die 43-Jährige ist bei der Kirchlichen Sozialstation in Sachsenheim (KSS) als stellvertretende Pflegedienstleiterin fürs Qualitätsmanagement zuständig und darüber hinaus Referentin im Diakonischen Werk für die Pflegedokumentation, und aus ihrem Alltag weiß sie, dass die Rechnung einfach ist: Nach der aktuellen Empfehlung der Pflegesatzkommission erhält man in der ambulanten Pflege für die "große Toilette" 25,76 Euro. In der Vollkostenrechnung stehen einem Dienstleister wie der KSS pro Pflegekraft und Stunde 60 Euro zur Verfügung. Sprich: Zwei große Toiletten pro Stunde müssen erledigt werden, damit sich die Arbeit überhaupt rechnet.

Zeit. Sie ist aus Sicht von Alexandra Brenner das größte Problem der 70 Mitarbeiter - diese Zahl gilt für den Bereich Pflegekräfte und Hauswirtschaft, der Großteil ist in Teilzeit beschäftigt - der KSS, die sich um insgesamt 380 Klienten kümmern. "Wir haben ein diakonisches Profil. Wir wollen nicht nur die Waschanlage sein." Doch neben der tatsächlichen Dienstleistung, für die die ambulanten Kräften gebucht werden, neben der ausgiebigen Beratung bei komplexen Themen, die die Pflegekräfte geben müssen und die laut Alexandra Brenner in regelmäßigen Abständen durch die Krankenkassen kontrolliert werde, neben der Anfahrt zum nächsten Termin, für die die Angehörigen eine Pauschale von 3,69 Euro zahlen, bliebe allzu oft zu wenig Zeit für warme Worte. Dabei sei der kurze Besuch der Kräfte nicht selten der einzige, den viele Senioren am Tag hätten, erklärt Alexandra Brenner. Vor allem in den Städten seien Alte zunehmend isoliert.

Die hohe psychische und körperliche Belastung trifft auf eine schwache Bezahlung. Laut den Zahlen des Diakonischen Werks verdient ein Pfleger in Vollzeit durchschnittlich 2500 Euro brutto im Monat, berichtet Alexandra Brenner. Nicht zuletzt deswegen habe der Job des Altenpflegers oder des Gesundheits- und Krankenpflegers ein schlechtes Image, moniert sie. "Der Beruf ist unattraktiv." Die Konsequenz: Fachkräftemangel. Bei der KSS freue man sich, zwei Auszubildende übernehmen zu können, neue Azubis hätten sich allerdings nicht interessiert. "Auf unsere letzte Ausschreibung hat sich nur ein Bewerber gemeldet", berichtet Alexandra Brenner.

Auf der anderen Seite steigt der Bedarf an pflegerischen Leistungen (siehe Infobox). Bei der KSS habe man jüngst zwei neue Touren ins Angebot aufgenommen, um den Bedarf zu decken, berichtet die stellvertretende Pflegedienstleiterin. Dennoch arbeiteten 60 Prozent der Sozial- und Diakoniestationen im roten Bereich, sagt Alexandra Brenner.

Die Lösung des Knotens ist für die Expertin eine leichte: "Die Krankenkassen müssten viel tiefer in die Taschen greifen." Sie erklärt: Die häufigsten Leistungen, die bei einem Hausbesuch nachgefragt würden, seien das Setzen einer Insulinspritze, das Verabreichen von Medikamenten und das Anziehen von Strümpfen. Für das Spritzen erhalte die Einrichtung 9,67 Euro von der Krankenkasse. Da diese Leistungen alle derselben Vergütungsgruppe angehören, wird generell nur eine bezahlt. Sprich: Die Hilfe mit den Medikamenten und den Strümpfen könnten die Fachkräfte nicht mehr abrechnen. Gemacht werden muss es trotzdem.

Pfleger, Klienten, Stufen: Zahlen aus Baden-Württemberg

Pflegekräfte Nach Feststellung des Statistischen Landesamtes waren im Dezember 2013 in Baden-Württemberg knapp 299 000 Personen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes, also 2,8 Prozent der etwa 10,6 Millionen Einwohner. Nahezu 70 Prozent wurden zu Hause gepflegt: Etwas mehr als 21 Prozent wurden von ambulanten Pflegediensten betreut, 48,4 Prozent ausschließlich durch Angehörige, die dafür Pflegegeld erhielten. Für die Versorgung standen 1140 ambulante Pflegedienste sowie 1661 voll- beziehungsweise teilstationäre Pflegeheime zur Verfügung. Ende 2013 arbeiteten im Land 122 420 Personen in der Pflege, das waren sechs Prozent mehr als noch im Dezember 2011. Von ihnen arbeiteten 25,9 Prozent in Vollzeit, 65,2 Prozent in Teilzeit, die restlichen 8,9 Prozent waren Azubis, FSJler oder Praktikanten. 86,1 Prozent der Pflegekräfte waren Frauen. Bemerkenswert: Mit 43,8 Prozent besaß fast die Hälfte keinen oder einen fachfremden Berufsabschluss oder war noch in der Ausbildung.

Alter Ende 2013 waren mit 57 Prozent weit mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen 80 Jahre oder älter; 6,7 Prozent mehr als noch im Dezember 2011. Von den über 90-Jährigen im Land mussten 61,8 Prozent gepflegt werden.

Pflegestufen Wie das Landesamt weiter festgestellt hat, waren Ende 2013 insgesamt 52,4 aller Pflegebedürftigen in der Pflegestufe I eingruppiert, 34,1 Prozent erhielten Leistungen der Pflegestufe II, 12,8 Prozent waren in der Kategorie III eingestuft.

CAH

Prognosen bis 2030

Zukunft Bis ins Jahr 2030 wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Baden-Württemberg um 37 Prozent steigen. Dies geht aus Modellrechnungen des Statistischen Landesamtes hervor. Demnach geht man davon aus, dass sich die Zahl jener, die auf Hilfe angewiesen sind, um 102 700 auf rund 381 000 erhöhen wird. Auch fürs Jahr 2050 gibt es Prognosen des Landesamtes: Die Experten gehen von einem Anstieg um 80 Prozent, also 224 000 Personen, auf 502 000 aus.

Personen Am stärksten erhöhen wird sich bis 2030 die Zahl der vollstationär Untergebrachten: bis 2030 um 47 Prozent. Und: Mehr Männer werden pflegebedürftig, so das Statistische Landesamt. Man geht von einem Anstieg um 45 Prozent aus, bei Frauen nur um 32 Prozent.

CAH

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