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Die Geschichte eines Flüchtlings

Yassir Eric lebt vor, wie Integration funktionieren kann. Als Flüchtling ist er einst nach Deutschland gekommen, heute leitet er in Korntal ein Institut für Migration. Und er klärt auf. Zum Beispiel in Hohenhaslach.

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Lebt seit 15 Jahren in Deutschland: Yassir Eric.  Foto: 

Vor einigen Jahren fährt Yassir Eric mit dem Zug von Stuttgart nach Frankfurt. Eine ältere Dame, die ihm gegenübersitzt, mustert den Nordsudanesen ein Weilchen, schließlich fragt sie: "Sie sind aber nicht von hier, gell?!" Die beiden kommen ins Gespräch, danach schreibt die Seniorin Yassir Eric zu jedem Weihnachtsfest eine Karte.

Geschichten wie diese erzählt Yassir Eric, der das 2013 gegründete Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen in Korntal leitet, gern. Nicht nur, weil seine Zuhörer darüber herzhaft lachen. Sondern weil sie für das stehen, was dem Geistlichen, der sich dem Thema Asyl verschrieben hat, wichtig ist: Begegnung. Unter diesem Motto ist der 41-Jährige viel unterwegs, reist von Korntal, wo er seit 15 Jahren lebt, durch die Republik, hält Vorträge. Am Montagabend macht er in der Kirbachtalhalle in Sachsenheim-Hohenhaslach halt.

Den Besuch organisiert hatte die evangelische Kirchengemeinde Hohenhaslach gemeinsam mit dem Arbeitskreis Asyl. Anlass war der geplante und umstrittene Bau einer Flüchtlingsunterkunft oberhalb des Kelterplatzes. Heftige Reaktionen und Diskussionen, wie man sie aus der Vergangenheit kennt, bleiben am Montag aber aus. Yassir Erics Zuhörer - etwa 150 sind gekommen - sind ihm und seinem Thema offenbar wohlgesinnt. Für sie hat der studierte Theologe noch mehr Geschichte parat. Dabei betont er immer wieder: "Meine Geschichte ist die von vielen Flüchtlingen."

Yassir Eric berichtet von seiner Kindheit in einem Ort nahe der Hauptstadt Khartoum in einer einflussreichen und erzkonservativen Familie, in der Andersdenkende nicht toleriert werden, von kriminellen Jugendjahren, in denen er, durch das Umfeld radikalisiert, vermeintlichen Feinden nach dem Leben trachtet. Von vielen Gefängnisaufenthalten, von Folter - und schließlich: seinem Weg zu Gott. Als sich der Moslem taufen lässt, wird er von seiner Familie verstoßen. In der Zeitung erscheint eine Todesanzeige, ein Begräbnis samt Sarg findet statt, auch ein Grabstein mit seinem Namen wird aufgestellt. 1995 reist er aus, erst nach Kenia, wo er seine deutsche Frau kennenlernt, dann nach Korntal, wo er mit ihr eine Familie gründet. Eltern und Geschwister sieht er nie wieder.

In Deutschland fasst Yassir Eric Fuß. Er, der mit Arabisch aufgewachsen ist, bezahlt aus eigener Tasche einen Sprachkurs, lernt mühsam Deutsch. An der Frage, wann es "der, dem oder den Tisch" heißt, verzweifelt er fast. Eric: "Wir sind nicht dumm, wir denken einfach nur anders." Auch heute mache er noch viele Fehler. "Doch ich gebe mir Mühe", betont der Pastor, der auch ein bisschen Schwäbisch kann.

Engagement, das verlangt Yassir Eric auch von anderen Flüchtlingen. Integration bedeute, den ersten Schritt zu machen. Von den Einheimischen erwartet er dafür Offenheit. "Denken Sie bitte nicht oberflächlich. Elend, Bürgerkrieg, Verfolgung - das ist nicht alles, was wir sind." Er plädiert dafür, den Neuankömmlingen Deutschland nahezubringen. "Seit mein Nachbar mich auf die Kehrwoche aufmerksam gemacht hat, mache ich sie auch - man musste es mir nur erklären."

Mit Blick auf die zu erwartenden Flüchtlinge in Hohenhaslach sagt Yassir Eric: "Es wird eine Herausforderung sein. Doch man kann Grenzen überwinden." Es gehe ihm dabei nicht um Schönfärberei - auch die Probleme müssten thematisiert werden. Hauptsache sei, dass man die Dinge anspreche.

Der alten Dame aus dem Zug ist Yassir Eric nur einmal begegnet. Als sie stirbt, erhält er einen Anruf, er geht zur Beerdigung, hält dort - vor lauter Fremden - eine Rede. Eric: "Nur Begegnungen machen so was möglich."

Vernetzung, Beratung, Bildung
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