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"Bändele" vor 150 Jahren gegründet

Vor 150 Jahren haben Hermann und Philipp Haag in Ludwigsburg eine Fabrik zur Herstellung von Litzen und Schnüren gegründet. 1873 siedelte der Betrieb nach Großsachsenheim über. Damit begann dort das Industriezeitalter.

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  • Die Bandweberei Haag in Großsachsenheim auf einer Luftaufnahme vor der Erweiterung im Jahr 1960. Nötig wurde ein Neubau für die gesamte Endfertigung, den Versand und das Fertigwarenlager. Fotos: Martin Kalb/Firma Haag 1/4
    Die Bandweberei Haag in Großsachsenheim auf einer Luftaufnahme vor der Erweiterung im Jahr 1960. Nötig wurde ein Neubau für die gesamte Endfertigung, den Versand und das Fertigwarenlager. Fotos: Martin Kalb/Firma Haag Foto: 
  • 2001: Die Bandweberei Haag im Sachsenheimer "Täle" kurz vor dem Abriss. 2/4
    2001: Die Bandweberei Haag im Sachsenheimer "Täle" kurz vor dem Abriss. Foto: 
  • Die Aufnahme aus dem Jahr 2000 zeigt den 2008 verstorbenen Geschäftsführer Bruno Unkauf-Haag, der das Traditionsunternehmen abwickeln musste. 3/4
    Die Aufnahme aus dem Jahr 2000 zeigt den 2008 verstorbenen Geschäftsführer Bruno Unkauf-Haag, der das Traditionsunternehmen abwickeln musste. Foto: 
  • Maschine an Maschine: Blick in die Produktion im Jahre 1982. 4/4
    Maschine an Maschine: Blick in die Produktion im Jahre 1982. Foto: 
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Vor einem Jahr musste die ehemalige Fabrikantenvilla Haag als letztes sichtbares Zeichen der ehemaligen Bandweberei, dem "Bändele", einer Wohnbebauung weichen. Damit ging in Großsachsenheim eine 150 Jahre alte Industriegeschichte zu Ende.

Die Firmengeschichte des "Bändele" begann in Ludwigbsurg. Hermann Haag und sein Onkel Philipp Haag gründeten am 23. Januar 1866 in der Schillerstraße 14 eine kleine Fabrik. Der Geschäftszweck war die Herstellung von Litzen und Rundschnüren und so genannten Nesteln. Das Unternehmen firmierte unter dem Namen "Ph. & H. Haag".

Anfangs musste man das für die Herstellung von Nesteln erforderliche Eisengarn noch von einem anderen Hersteller zukaufen. Dies hatte zur Folge, dass die Produktion nicht sonderlich gewinnbringend war. Deshalb beschloss Hermann Haag, als neuen Geschäftszweig eine eigene Bandweberei aufzubauen. In Ludwigsburg waren die Räumlichkeiten inzwischen aber zu klein geworden.

In Großsachsenheim konnte das Unternehmen im "Täle" dann ein größeres Gelände erwerben. Philipp Haag schied am 5. März 1873 aus der Firma aus. Da für die Produktion auch Wasserkraft genutzt werden sollte, war der Platz im "Täle" ideal. Neue Bandstühle wurden in der Schweiz und dem Badischen gekauft. 1873 siedelte die Bandweberei schließlich nach Großsachsenheim über und nahm dort die Produktion auf. Damit begann für Großsachsenheim die Industrialisierung, die Firma Kienle und Spiess begann erst 1935 seine Produktion.

Zur damaligen Zeit war "Fabrikarbeit" verpönt. Dies spürte auch das junge Unternehmen. Frauen aus Großsachsenheim waren zunächst nicht bereit, in der Fabrik zu arbeiten. Deshalb warb Julie Haag in Holzgerlingen, wo es bereits eine Bandweberei gab, 20 junge Frauen an. Den eingestellten Weberinnen gefiel ihr neuer Arbeitsplatz. Dies sprach sich dann rasch in der einheimischen Bevölkerung herum und dann waren auch Frauen aus Groß- und Kleinsachenheim an der Arbeit in der Weberei interessiert.

Das Unternehmen florierte. Am 1. Oktober 1890 trat der Sohn des Firmengründers, Arthur Haag, in die Firma ein. Um die Maschinen mit Wasserkraft antreiben zu können, wurde eigens ein 850 Meter langer Kanal gebaut. 1894 erhielt Hermann Haag Prokura. Das Unternehmen firmierte fortan unter der Bezeichnung "Offene Handelsgesellschaft Hermann Haag". Die Produktionsgebäude wurden nach und nach erweitert. Die Wasserkraft des Kirbachs reichte nicht mehr aus und wurde durch einen Dieselmotor ergänzt. 1912 erfolgte der Anschluss an das Stromnetz. Zwischenzeitlich hatte die Bandweberei die Produktpalette um baumwollene und mercerisierte (veredelte) Körperbänder kontinuierlich erweitert.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges musste die Produktion kriegsbedingt auf Halsbindenbänder, Unterhosen- und Mützenbänder sowie Zwirnbänder für Flugzeugwerften umgestellt werden. 1920 trat Walter Haag in das Unternehmen ein. 1921 starb der Firmengründer Hermann Haag im Alter von 81 Jahren. 1923 trat Helmut Haag als Mitinhaber in das Unternehmen ein. 1934 wurde aufgrund der inzwischen wieder sehr guten Auftragslage die Doppelschicht eingeführt.

1941 konnte man im "Täle" das 75-jährige Bestehen feiern. Der Senior-Chef Arthur Haag kam nach dem Krieg bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Erst nach der Währungsreform 1948 konnten die Gesellschafter Walter und Helmut Haag die Firmenleitung wieder übernehmen. Nach einer bandtechnischen Ausbildung trat im Jahre 1952 der Schwiegersohn von Helmut Haag, Bruno Unkauf-Haag, in das Unternehmen ein. Und die Firma wuchs weiter: 1954 wurde die Spulerei erweitert, 1958 die Weberei ausgebaut sowie ein neues Kesselhaus errichtet. 1960 hattte die Bandweberei Haag, im Volksmund "Bändele" genannt, bei einem bundesweiten Leistungsvergleich mit anderen Webereien mit weitem Abstand am besten abgeschnitten. 1960/1961 wurde ein Neubau für die gesamte Endfertigung, den Versand und das Fertigwarenlager erstellt. Zeitgleich erfolgte die Umstellung der Weberei-Maschinen von Gesamtantrieb auf Einzelantrieb.

1962 erhielt Bruno Unkauf-Haag Einzelprokura. Die Kesselanlage wurde auf Ölbefeuerung umgestellt. Ein Hochdruckkessel versorgte die Ausrüstung mit Dampf. Der Websaal wurde speziell für die Verarbeitung von Kunstseide und Perlongarne mit Luftbefeuchtern ausgestattet. 1967 verstarb Walter Haag. 1970 wurde noch eine Stoffetikettendruckerei übernommen und die Produktion von so genannten Schiffchenwebstühlen auf automatische Nadelstühle mit wesentlich höherer Arbeitsgeschwindigkeit umgestellt.

Das "Bändele" hatte inzwischen über 120 Mitarbeiter. Im Zeitraum von 1969 bis 1978 konnte man den Umsatz verdoppeln. Eine für die Textilbranche damals mehr als beachtliche Entwicklung. 1978 übernahm Bruno Unkauf-Haag die Geschäftsleitung. Billig-Konkurrenz aus Fernost machte der Textilindustrie in Deutschland und somit auch dem "Bändele" schwer zu schaffen. Technisch sehr anspruchsvolle Schreibmaschinenzugbänder gehörten inzwischen ebenfalls zur Produktpalette. Diese Bänder erforderten eine sehr genaue Maßhaltigkeit. Deshalb war eigens dafür der Aufbau einer eigenen Entwicklungsabteilung und eines Vorrichtungsbaues notwendig. Der Abwärtstrend ließ sich jedoch nicht mehr stoppen. (siehe Infokasten)

1999 wurde das "Bändele" geschlossen und 2001 abgerissen

Ende nach 134 Jahren Das Unternehmen konnte zunächst noch mit einer wachsenden Nachfrage im Bereich der Textildruckerei dem negativen Branchentrend entgegentreten. Ende der 1990er-Jahre machte sich der Abwärtstrend aber deutlich spürbar. Zuletzt wurden nur noch Jalousienbänder für Markisenhersteller produziert. Letztendlich wurde die inzwischen nicht mehr rentable Produktion eingestellt, die Firma im Mai 1999 nach knapp 134 Jahren endgültig geschlossen und das Firmengelände verkauft.

Im Frühjahr 2001 rollten die Bagger an und haben die Fabrikgebäude abgerissen. An dieser Stelle steht heute ein Edeka-Supermarkt.

Im Januar 2008 verstarb der letzte Geschäftsführer Bruno Unkauf-Haag im Alter von 79 Jahren.

MH

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